Die Fakten: Die Diskussionen um die Erderwärmung ist von Angstmache und Übertreibungen geprägt. Moralismus und Konformismus machen sich breit. So lautet die Diagnose von Axel Bojanowski, erfahrener deutscher Wissenschaftsjournalist.
Warum das wichtig ist:
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In seinem soeben erschienen Buch «Was Sie schon immer übers Klima wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten» zeichnet Axel Bojanowski nach, wie die sogenannte «Klimalobby» die Kontrolle über die Debatte um Erderwärmung und Klimapolitik übernehmen konnte.
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Das Buch stand bereits eine Woche nach der Veröffentlichung auf Platz 12 der «Spiegel»-Bestsellerliste.
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Der «Nebelspalter» hat Bojanowski nach seinen Beweggründen gefragt, dieses Buch zu schreiben.

Herr Bojanowski, Ihr Buchtitel lässt darauf schliessen, dass das Publikum Fragen hat, die es nicht zu stellen wagt. Wie kommen Sie darauf?
Axel Bojanowski: Das Thema Klimawandel ist politisch stark aufgeladen. Die meisten Leute orientieren sich daran, wie sich die Gruppe positioniert, in der sie sich bewegen. Wer davon auch nur geringfügig abweicht, gerät unter Beschuss.
Sie meinen, es gibt viele Tabus?
Ja, und zwar auf allen Seiten. In konservativen Kreisen kommt man in Schwierigkeiten, wenn man sagt, dass der Klimawandel mit Risiken verbunden ist. Auf der linken Seite wird man ausgegrenzt, wenn man betont, dass in der Klimawissenschaft Vieles unsicher und ungenau ist.
Sie beleuchten in 53 Kapiteln verschiedene Entwicklungen und Ereignisse der letzten fünfzig Jahre und zeigen, wie die Klimawissenschaft zum Spielball von Interessengruppen geworden ist. Wie kamen Sie dazu, dieses Buch zu schreiben?
Als Journalist ist mir schon lange aufgefallen, dass die meisten Medien viele relevante Geschichten zum Klimawandel schlicht übergehen. Es wird nur publiziert, was ein bestimmtes Narrativ bedient. Ganz allgemein hat sich eine Klimalobby entwickelt, zu der es kaum ein Korrektiv gibt, obwohl sie neben dem sogenannten Klimaschutz konkrete politische Interessen vertritt und einflussreiche Netzwerke spinnt. Ich habe mir gesagt, es kann doch nicht sein, dass die Medien diese Entwicklung so unkritisch begleiten.
Sie wollten also ein vollständiges Bild der Klimadebatte zeichnen?
Ja. Denn als Journalist, der auf dieses Thema spezialisiert ist, trage ich eine entsprechende Verantwortung. Und zum vollständigen Bild gehört, dass man neben der Skeptikerlobby auch die Klimalobby beschreibt, die in letzter Zeit sehr mächtig geworden ist.
Was verstehen Sie darunter?
Die Klimalobby besteht aus Gruppen, die gegen den Ausstoss von Klimagasen kämpfen, deshalb Organisationen bilden, Kapital einsetzen und Einfluss nehmen. Zu diesem Netzwerk gehören Milliardäre, NGOs, Firmen, Forschungsinstitute und Journalisten. Dagegen wäre ja nichts einzuwenden. Aber die Klimalobby verfolgt eben auch andere Interessen und hat quasi ein freies Spiel. Es stellt sich ihr kaum jemand entgegen.
Der Klimajournalist mit dem kritischen Blick
Axel Bojanowski ist Chefreporter Wissenschaft bei der deutschen «Welt». Er diplomierte einst in Klimaforschung an der Universität Kiel und arbeitete unter anderem bei der «Süddeutschen Zeitung», dem «Stern» und dem «Spiegel». Bojanowski lebt mit seiner Familie in Hamburg.
Der 53-jährige ist im Medienbetrieb eine Ausnahme: Er wagt es als einer der wenigen Journalisten Deutschlands, das Narrativ der Klimakatastrophe zu hinterfragen und schreibt regelmässig über Forschungsresultate, die in anderen Zeitungen totgeschwiegen werden.
In seinem neuen Buch zeichnet Axel Bojanowski nach, wie die Klimawissenschaft in den letzten Jahrzehnte immer mehr in den Einflussbereich von Lobbygruppen und Interessensvertreter geriet – mit dem Resultat, dass sie Schlagseite bekommen hat: «Wissenschaftler, die auf Unsicherheiten hinweisen, werden totgeschwiegen oder gar angegriffen, sodass sich kaum noch jemand differenziert zur globalen Erwärmung äussern mag.»
Es sei Zeit, «machthungrige Trittbrettfahrer des Klimaproblems in die Schranken zu weisen», schreibt Bojanowski. Sein Buch ist eine Absage an die Weltuntergangsstimmung: «Die Kaltblütigkeit, mit der Journalisten und Publizisten, ja sogar ‘aktivistische’ Forscher im Eigeninteresse insbesondere Kindern Angst machen, erfordert Aufklärung und Widerspruch.»
Axel Bojanowski ruft zu einem pragmatischen Ansatz in der Klimadebatte auf: Es gelte, günstige, kohlenstoffarme Energie für die Bedürfnisse der Menschen bereitzustellen. Klimaschutz müsse dort realisiert werden, wo sich eine Einheit CO₂ am effizientesten einsparen lasse.
Man hört aber immer, dass die Ölkonzerne einen so grossen Einfluss hätten und die Klimapolitik verhindern wollten.
Die finanziellen Mittel der Klimalobby sind mittlerweile deutlich grösser als die der fossilen Lobby. Das lässt sich belegen. Die Energieversorgung der Welt hängt noch immer zu mehr als 80 Prozent von Öl, Gas und Kohle ab, fossile Energie ist gefragt, weil sie leicht verfügbar ist. In Afrika gibt es Kampagnen von Bürgern und Landwirten für fossile Energie. Die Vorstellung, fossile Energie würde von bösen Mächten durchgesetzt, ist im Wesentlichen ein elitärer Glaube westlicher Wohlstandsbürger. Erst wenn der Westen beweisen könnte, dass CO₂-arme Energie billiger und ebenso leicht verfügbar sein kann, könnte sich das ändern.
Sie schreiben im Buch, die Klimadebatte sei von Extremisten gekapert worden. Was meinen Sie damit?
Ich sehe, dass extreme Ansichten in der Klimadebatte viel Zuspruch bekommen. Wenn Leute aggressiv auftreten, wilde Thesen raushauen und mit Beschimpfungen auffallen, haben sie besonders viele Followers. Das zeigen Studien der Kommunikationsforschung.
Sie denken etwa an die Klimakleber?
Die Klimakleber sind Demonstranten, von denen man keine differenzierten Standpunkte erwartet. Es gibt aber auch im Wissenschaftsbetrieb Leute, die extremistisch und diffamierend auftreten. Sie bekommen viel Aufmerksamkeit in der öffentlichen Debatte, weil Medien mehr Interesse an Streit als an Sachdiskussionen haben.
Stimmt es, dass die Klimabewegung etwas Religiöses hat?
Da existieren in der Tat einige Gemeinsamkeiten. Neben den Motiven der Apokalypse sind auch Schuld, Sühne und Obsession mit Ernährung zum Beispiel ähnliche Merkmale, die in der Klimadebatte eine grosse – meist irrationale – Rolle spielen. Es gibt die Vorstellung, dass die Zukunft besser wird, wenn man Opfer bringt. Schon früher glaubten die Menschen, sie seien an Unwettern schuld. Heute fürchten sie sich vor der Klimakatastrophe. Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass es heutzutage eben sehr gute naturwissenschaftliche Belege für eine menschengemachte Erwärmung mit einhergehenden Risiken gibt.
Sie sind in Deutschland praktisch der einzige Journalist, der dem Einfluss dieser Klimalobby nachgeht und Zusammenhänge aufdeckt. Wie ist es möglich, dass Sie so allein sind?
Ja, das ist schon erstaunlich. Aber manche Wissenschaftsjournalisten sagen mir unter vier Augen, dass sie sich aus dem Thema raushalten, weil sie nicht dauernd im Gegenwind stehen möchten. Ich sehe das ja an mir, dass ich nach der Teilnahme an Fernsehdebatten für meine Standpunkte jeweils höchst engagiert beschimpft werde.
Dann machen die Journalisten ganz einfach ihren Job nicht?
Die Einseitigkeit in den Medien ist gefährlich. Das sieht man beim Thema Energiewende in Deutschland, wo ebenfalls lange kaum Kritik kam. Dabei geht es um die Grundversorgung unseres Industrielandes, bei der sich Deutschland immer mehr verrennt. Aber ich bin zuversichtlich, dass die Einseitigkeit beim Klimathema irgendwann vorbei sein wird.
Welche Reaktionen bekommen Sie zu Ihrem Buch?
Bis jetzt noch nicht sehr viele. Das Buch ist auch erst seit einigen Tagen draussen. Aber die Aktivistenszene ist gut organisiert. Sie wird schon noch losschlagen. Von daher rechne ich mit Widerstand.
Sie rufen im Buch zu einem pragmatischen Umgang mit dem Klimawandel auf. Was verstehen Sie darunter?
Zuerst sollte man das Klimaproblem nüchtern beschreiben. Ich bin ja nicht der, der sagt, es gebe kein Problem deswegen. Aber es braucht eine rationale Debatte. Dann gilt es, Lösungen zu suchen, auf eine sachliche Art. Paradoxerweise aber will die Klimalobby echte Lösungen sogar verhindern. Denken Sie etwa an die Debatte um Kernkraftwerke. Aber es leben eben zu viele Leute davon, dass das Klimaproblem weiter bestehen bleibt und sie es bewirtschaften können.
Sie beschreiben im Buch, wie Ihr fünfjähriger Sohn gesagt hat, dass alle sterben müssten, wenn der Meeresspiegel steige – und stellen die Frage, wie man auf eine solche Angst reagieren soll. Haben Sie eine Antwort gefunden?
Ich war wirklich entsetzt nach dieser Aussage meines Sohnes. Es ist unsäglich, wie schon kleine Kinder mit der Klimaangst indoktriniert werden. Ich antwortete ihm, dass die Menschen nicht einfach tatenlos zusehen werden, wenn das Wasser steigt. Sie können sich schützen. Dann habe ich ihm hier in Hamburg, wo wir wohnen, all die ganzen Küstenschutzanlagen gezeigt.
Sie haben also auf Aufklärung gesetzt.
Ja. Ganz allgemein hoffe ich darauf, dass sich Aufklärung durchsetzt. Wenn mein Buch dazu beitragen kann, ist es gut.
Axel Bojanowski: «Was sie schon immer übers Klima wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten – Der Klimawandel zwischen Lobbygruppen und Wissenschaft», Westend, 2024, siehe hier


