Gentech-Moratorium: Tückische Technologiefeindlichkeit

Gentech-Moratorium: Tückische Technologiefeindlichkeit

Kommentar – Der Nationalrat will das Moratorium für den Anbau von Gentech-Pflanzen um vier weitere Jahre verlängern. Der Entscheid zeugt von einer wissenschaftsfeindlichen Haltung, die auch anderswo Spuren hinterlässt – etwa beim Thema Covid-Impfungen.

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von Alex Reichmuth am 23.9.2021, 15:46 Uhr
Die Technologiefeindlichkeit greift immer mehr um sich. Bild: Keystone
Die Technologiefeindlichkeit greift immer mehr um sich. Bild: Keystone
Vor 16 Jahren konnte sich das Schweizer Stimmvolk letztmals zum Thema Gentechnik äussern. Es beschloss damals, den Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen für fünf Jahre zu verbieten.
Seither ist viel passiert. Der Anteil der Ackerbaufläche, auf der Gentech-Pflanzen wie Soja, Mais und Raps angebaut werden, ist auf 13 Prozent gestiegen – ohne dass je negative Auswirkungen auf die Umwelt bekanntgeworden wären. Ein nationales Forschungsprojekt des Bundes für 12 Millionen Franken ist zu Ende gegangen – ohne dass irgendwelche gesundheitliche Schäden durch Gentech-Nahrung belegt werden konnten. Die Wissenschaft hat die neuartige Genom-Editierung entwickelt, mit der Pflanzen noch gezielter und schonender verändert werden können – ohne dass bislang bei dieser Methode irgendwelche Gefahren aufgetaucht sind. Und der Nutzen gentechnisch veränderter Organismen wird immer offenkundiger: Sie sind hitzebeständiger, nahrhafter, brauchen weniger Pestizide und werfen mehr Ertrag ab.

Verbot soll auch für Genom-Editierung gelten

Nur die Politik ist stehengeblieben. Bereits dreimal haben Bundesrat und Parlament das Gentech-Moratorium erneuert. Nun soll es ein viertes Mal verlängert werden, bis 2025. Das Moratorium soll neu auch für Pflanzen gelten, die mittels Genom-Editierung entstanden sind. Der Nationalrat hat am Donnerstag dazu auf Antrag des Bundesrats «Ja» gesagt, mit 144 gegen 27 Stimmen bei 19 Enthaltungen. Gegen die Verlängerung stimmten eine Mehrheit der FDP-Fraktion und einzelne SVP-Vertreter.

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Umweltministerin Simonetta Sommaruga

Das Volk wird schon lange nicht mehr gefragt. Stattdessen behauptete Umweltministerin Simonetta Sommaruga (SP) in der Ratsdebatte, die Bevölkerung habe weiterhin ein grosses Interesse an einer Landwirtschaft ohne Gentechnik. Doch Belege dafür gibt es keine.

Appell der Wissenschaft hat nichts gebracht

Bundesbern ist gefangen in einer Endlosschlaufe. Auch ein Appell von 70 Forscherinnen und Forschern von Schweizer Hochschulen, gemäss dem es keine wissenschaftliche Grundlage für eine erneute Verlängerung des Moratoriums gibt, hat nicht geholfen. Man sei in den letzten Jahren in der Diskussion keinen Schritt weiter gekommen, stellte FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen ernüchtert fest.

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FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen

Mit ihrer sturen Haltung heizen der Bundesrat und der Nationalrat die Technologiefeindlichkeit an, die immer weitere Kreise erfasst. Alles ist potenziell gefährlich: die Gentechnik, die Mobilfunkstrahlung – und die Impfungen. Die Politik muss sich nicht wundern, wenn ein grosser Teil der Bevölkerung zögert, sich gegen Covid impfen zu lassen – die Angst vor gesundheitlichen Schäden dürfte ein wichtiger Faktor sein. Verzweifelt versucht die Landesregierung zwar, mit einer immer ausgedehnteren Zertifikatspflicht die Leute zum Impfen zu zwingen. Doch der Erfolg ist mässig. Man wird die Geister der Wissenschaftsfeindlichkeit, die man rief, nicht mehr los.

Es geht um ein Dogma der Umweltschutzbewegung

Man muss sich fragen, wem die endlose Verlängerung des Gentech-Moratoriums überhaupt noch etwas bringt. Offenbar aber ziehen die Gentech-Gegner in der Politik, bei den NGOs und in der Landwirtschaft noch immer einen politischen Profit daraus. Schliesslich geht es der Ablehnung der Gentechnik um eines der zentralen Dogmen der Umweltschutzbewegung. «Wer so denkt, hinterfragt seine Glaubenssätze nicht und erneuert seine Position nie», kommentierte der grünliberale Nationalrat Martin Bäumle und einstige Gentech-Gegner im «Tages-Anzeiger».

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GLP-Nationalrat Martin Bäumle

Der Nationalrat hat den Bundesrat nun beauftragt, in den nächsten vier Jahren Fragen zur Koexistenz von traditioneller und gentechnikbasierter Landwirtschaft zu klären. Sommaruga kündigte an, dass belastbare Informationen zu den Risiken der Gentechnologie gesammelt und analysiert würden. Leere Worte. Solches wurde bereits bei der letzten, der vorletzten und der vorvorletzten Verlängerung in Aussicht gestellt.

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