Reichmuths Faktencheck

Die Eidgenössische Finanzkontrolle verkennt die Risiken eines Strommangels

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06.11.2026
Ein Strommangel muss auf jeden Fall verhindert werden, weil die Schäden sonst schnell enorm gross werden. Bild: Keystone
Ein Strommangel muss auf jeden Fall verhindert werden, weil die Schäden sonst schnell enorm gross werden. Bild: Keystone

Die Ausgangslage: Der Bundesrat will vier zusätzliche Reservekraftwerke für insgesamt 2,3 Milliarden Franken bauen. Die Eidgenössische Finanzkontrolle (EFK) kritisiert diese Pläne nun in einem neuen Bericht. Die Reserven seien überdimensioniert. Zudem könne die Versorgungssicherheit zu deutlich geringeren Kosten gewährleistet werden.

Warum das wichtig ist: Die Schweiz hat den Ausbau ihrer Versorgung mit Elektrizität jahrelang vernachlässigt. Zudem hat die übereilte Schliessung des Kernkraftwerks Mühleberg eine deutliche Stromlücke hinterlassen. Deshalb sind nun teure Reservekraftwerke vorgesehen, um das Risiko von Engpässen abzuwenden. Doch schiesst der Bundesrat dabei tatsächlich über das Ziel hinaus, wie die EFK behauptet?

Das Zitat: «Bei der Auswahl und Dimensionierung der einzelnen Reservearten bleiben (...) erhebliche Sparpotenziale unausgeschöpft.» (Bericht der EFK vom 4. November 2026, siehe hier)

Um das geht es:

  • Um das Risiko einer Strommangellage im Winter zu verringern, will der Bundesrat langfristig Reservekraftwerke bereitstellen, die bei Engpässen kurzfristig Strom ins Netz einspeisen können (siehe hier).
  • Der Bundesrat will für rund 2,3 Milliarden Franken eine Reserveleistung von 583 Megawatt sicherstellen. Dafür sind vier neue Reservekraftwerke sowie die Weiterverwendung einer bestehenden Anlage vorgesehen. Sie sollen mit CO₂-neutralen Brennstoffen betrieben werden und ab etwa 2030 für 15 Jahre zur Verfügung stehen.
  • Für die langfristige Reserve beantragt der Bundesrat einen Kredit in Höhe von rund 2,3 Milliarden Franken. Bezahlen sollen das die Stromkonsumenten über einen Zuschlag auf den Stromtarif.

Die Kritik der Eidgenössischen Finanzkontrolle (siehe hier):

  • Die EFK anerkennt im neuen Bericht zwar, dass die Beschaffung der Reserveleistung insgesamt wirtschaftlich erfolge und die Festlegung des Reservebedarfs nachvollziehbar sei.
  • Sie kritisiert jedoch, dass der Bund bei der Planung der Stromreserve erhebliche Sparmöglichkeiten ausser Acht gelassen habe.
  • So könnten insbesondere bereits bestehende Notstromgruppen, also Notstromaggregate etwa in Spitälern und Unternehmen, stärker zur Sicherung der Versorgung herangezogen werden. Allein dadurch liessen sich rund 120 Millionen Franken sparen.
  • Auch die sogenannte Verbrauchsreserve, bei der Unternehmen ihren Stromverbrauch bei Engpässen freiwillig reduzieren, sollte stärker berücksichtigt werden.
  • Zudem seien die geplanten Reservekraftwerke mit insgesamt 583 Megawatt überdimensioniert: Die Leistung liege um 83 Megawatt über der Leistung, welche die Elektrizitätskommission ElCom ab 2030 empfiehlt.
  • Insgesamt sieht die EFK ein Sparpotenzial von rund 220 Millionen Franken.
  • Schliesslich weist sie darauf hin, dass ein planmässiger Ausbau der erneuerbaren Energien, insbesondere der Solaranlagen, den Bedarf an Reservekraftwerken erheblich reduzieren oder sogar überflüssig machen könnte.

Die Stellungnahme der Behörden: Gemäss dem EFK-Bericht reagieren die zuständigen Behörden so auf die Kritik der Finanzkontrolle:

  • Bundesamt für Energie (BFE): Das Amt weist darauf hin, dass Notstromaggregate gesetzlich nicht so flexibel eingesetzt werden dürfen wie Reservekraftwerke. Zudem könnten solche Aggregate im Notfall nicht verfügbar sein, weil die Betreiber sie allenfalls für die eigene Versorgung benötigen. Zur Verbrauchsreserve merkt das BFE an, dass sie möglicherweise gar nicht günstiger sei als Reservekraftwerke. Zur Dimensionierung von 583 Megawatt betont das Amt, dass eines oder mehrere Projekte eventuell gar nicht oder nicht fristgerecht realisiert werden können. Die Kostenvergleiche der EFK punkto Solarstromförderung seien zudem unvollständig, da unter anderem die notwendigen Investitionen in den Netzausbau oder in die intelligente Steuerung unterschätzt worden seien.
  • Eidgenössische Elektrizitätskommission (ElCom): Aus Sicht der ElCom unterschätzt die EFK die Unsicherheiten bei der Realisierung von Reservekraftwerken. Auch müsse die Dimensionierung der Stromreserve auf einer realistischen Einschätzung der künftigen Erzeugungskapazitäten beruhen und dürfe sich nicht darauf stützen, dass der Ausbau der erneuerbaren Energien innerhalb der Zielsetzungen erfolge. Die Stromreserven müssten auch dann ausreichen, wenn sich einzelne Annahmen als unzutreffend erweisen würden.
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Das Notkraftwerk Birr, das bis dieses Jahr bereit stand, musste inzwischen aus rechtlichen Gründen abgebaut werden. Bild: Keystone

Meine Einschätzung: Ich schätze die Berichte der Eidgenössischen Finanzkontrolle normalerweise sehr, bin aber überzeugt, dass die EFK diesmal falsch liegt. Dies aus folgenden Gründen:

  • Gefahr ist immens: Laut dem Bund könnte eine dreimonatige Strommangellage im Winter in der Schweiz gewaltige wirtschaftliche Schäden verursachen. Diese könnten sich auf bis zu 84 Milliarden Franken belaufen (siehe hier). Dieses Risiko muss auf jeden Fall ausgeschlossen werden. Die 220 Millionen Franken, die gemäss EFK eingespart werden könnten, sind angesichts der drohenden Schäden geradezu «Nasenwasser». Im Zweifel braucht es darum besser etwas mehr Reserven als zu wenig.
  • Reservebedarf steigt rasch: Die ElCom hat die notwendige Reserveleistung für 2030 zwar effektiv auf 500 Megawatt beziffert. Doch weil sich die Versorgungslage zunehmend verschlechtert, steigt dieser Bedarf rasch: Bereits 2035 soll er zwischen 700 und 1400 Megawatt liegen (siehe hier). Angesichts dieser Entwicklung ist es unerheblich, wenn die nun geplante Reserveleistung von 583 Megawatt etwas grösser ist als für 2030 notwendig erscheint.
  • Erneuerbare Energien reichen nicht: Wenn die EFK meint, dass der Ausbau von Sonnen- und Windenergie den Reservebedarf beträchtlich reduzieren oder ganz überflüssig machen könnte, täuscht sie sich wohl. Denn Solarpanels liefern im Winter bekanntlich fast keinen Strom. Der Bau alpiner Solaranlagen, bei denen dieser Nachteil weniger ins Gewicht fällt, kommt in unserem Land nicht voran. Auch beim Ausbau der Windenergie geht es in der Schweiz aufgrund des grossen Widerstands kaum vorwärts. Zudem fallen bei den erneuerbaren Energien erhebliche Systemkosten an, die oft ausser Acht gelassen werden. Ob Sonne und Wind am Ende wirklich günstiger als Reservekraftwerke sind, ist daher fraglich.

Was stimmt jetzt?

Reichmuths Faktencheck hinterfragt vermeintliche Wahrheiten. Der Wissenschaftsredaktor und Mathematiker Alex Reichmuth geht mehrmals pro Woche gängigen Behauptungen auf den Grund und stellt angebliche Gewissheiten richtig.

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