Fehlende Raffinerien

Der Klimaschutz führt in Europa zu Versorgungsengpässen

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04.11.2026
In der Schweiz gibt es nur noch eine Raffinerie in Cressier. Bild: Keystone
In der Schweiz gibt es nur noch eine Raffinerie in Cressier. Bild: Keystone

Die Fakten: Europa kämpft mit Versorgungsengpässen bei Diesel und Flugtreibstoff. Der Grund sind vor allem fehlende Raffinerien. Deren Kapazitäten hat in den letzten Jahren deutlich abgenommen – massgeblich wegen der europäischen Klima- und Energiepolitik.

Warum das wichtig ist: Jahrelang haben hohe Klimaabgaben und die Erwartung, dass fossile Brennstoffe nicht mehr lange benötigt werden, zahlreiche Raffinerien aus dem Markt gedrängt. Jetzt wo der Nachschub an Treibstoffen aus anderen Weltgegenden plötzlich stockt, gibt es für Europa ein böses Erwachen.

Das Zitat: «Wir müssen (...) sicherstellen, dass wir in Europa über ausreichende und flexible Raffineriekapazitäten verfügen. Heute und in Zukunft. Dabei geht es nicht nur um die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit, sondern auch um die Sicherheit.» (Späte Einsichten von EU-Energiekommissar Dan Jørgensen, Oktober 2026, siehe hier)

Der Raffinerienschwund in Europa (siehe hier und hier):

  • Eine Raffinerie ist eine Industrieanlage, in der Rohöl zu Produkten wie Benzin, Diesel, Kerosin und Heizöl verarbeitet wird. Von diesen gibt es in Europa immer weniger.
  • Während die EU-Staaten 2009 noch rund 100 Raffinerien zählten, sind inzwischen etwa 30 stillgelegt worden. Die Kapazität zur Verarbeitung von Rohöl zu Brennstoffen ist dadurch um rund 20 Prozent gesunken.
  • Auch in der Schweiz hat die Kapazität von Raffinerien um rund 44 Prozent abgenommen. Nachdem 2015 die Raffinerie in Collombey (VS) geschlossen wurde, gibt es heute nur noch diejenigen in Cressier (NE).

Die Folgen des Raffinerieschwundes in Europa:

  • Dieser macht Europa zunehmend abhängig von Treibstoffimporten aus anderen Weltregionen. Besonders bei Diesel und Kerosin ist die Versorgung derzeit angespannt.
  • Grund dafür sind insbesondere der Krieg im Nahen Osten und der Ukraine-Krieg, welche die Produktion und den Transport von Treibstoffen nach Europa beeinträchtigen.
  • Die europäischen Raffinerien arbeiten weitgehend an ihrer Kapazitätsgrenze und können Lieferausfälle aus dem Ausland kaum durch eine höhere eigene Produktion ausgleichen.
  • Die Folgen sind steigende Treibstoffpreise und eine wachsende Anfälligkeit gegenüber geopolitischen Krisen. Das Risiko schwerwiegender Engpässe steigt.

Die Reaktion Deutschlands und der EU: Nach Jahren des Raffinerieschwunds erkennen Berlin und Brüssel nun, dass sich Versorgungssicherheit nicht einfach importieren lässt.

  • Die deutsche Bundesregierung kündigte im Oktober 2026 eine «nationale Raffineriestrategie» an, um die elf verbliebenen Raffineriestandorte langfristig zu sichern (siehe hier).
  • Die EU-Kommission will den Rückgang der Raffineriekapazitäten stoppen und die Produktion bestehender Anlagen erhöhen. Dazu startete sie Ende Oktober 2026 einen «strategischen Dialog» mit der Raffinerieindustrie.

Die Gründe für den Raffinerieschwund:

  • Rückläufige Nachfrage nach Erdölprodukten: Effizientere Fahrzeuge, die zunehmende Elektrifizierung und Veränderungen in der Industrie haben dazu geführt, dass Raffinerien immer weniger ausgelastet und dadurch unrentabel wurden.
  • Internationale Konkurrenz: Insbesondere in China, Indien und den Golfstaaten sind grosse, moderne Raffinerien entstanden. Raffinerien in Europa können preislich oft nicht mithalten.
  • Hohe Energiekosten: Raffinerien benötigen grosse Mengen an Energie – insbesondere Prozesswärme, Strom und Wasserstoff. Die europäischen Energiepreise liegen aber meist deutlich über jenen in konkurrierenden Regionen.
  • Europäische Klima- und Umweltpolitik: Die Raffinerien in Europa unterliegen strengen Umweltauflagen, die für ihre Konkurrenten in anderen Weltgegenden oft nicht gelten – wie Emissionsgrenzwerte, Vorgaben zur Luftreinhaltung und der europäische Emissionshandel. Weil die EU langfristig auf eine Abkehr von fossilen Brennstoffen setzt, leidet die Investitionsbereitschaft: Mögliche Geldgeber befürchten, Investitionen in Raffinerien nicht mehr amortisieren zu können. 

Berichte und Studien: In den letzten Jahren wurde mehrfach belegt, wie die europäische Klima- und Energiepolitik zum Raffinerienschwund beigetragen hat. Einige Beispiele:

  • Umweltorganisation Transport & Environment, 2022 (siehe hier): Eine Studie im Auftrag der europäischen NGO kam zum Schluss, dass die EU-Klimavorschriften die Nachfrage nach Treibstoffen reduzieren. Dadurch würden Raffinerien einen Teil ihres Absatzmarktes verlieren. Zudem verschlechterten Umweltvorschriften wie der europäische Emissionshandel, die Erneuerbare-Energie-Richtlinie und Vorschriften für Emissionen die wirtschaftlichen Perspektiven von Raffinerien.
  • Energy Institute, 2023 (siehe hier): Der Bericht der unabhängigen britischen Fachorganisation für Energiethemen belegte namentlich die steigenden CO₂-Kosten als Schliessungsrisiko für Raffinerien. Zudem war nachzulesen, dass die politisch geförderte Elektromobilität und der damit verbundene Nachfragerückgang die Raffinerien bedrohten.
  • Argus Media, 2025 (siehe hier): Ein Bericht des internationalen Energiedaten-Anbieters zeigte auf, wie die europäische Klima- und Energiepolitik zum Niedergang der Raffinerieindustrie beiträgt. Genannt wurden insbesondere die CO₂-Abgaben, welche den Betrieb gegenüber ausländischen Konkurrenten verteuern, und strengere Umweltvorschriften. Die politische Förderung erneuerbarer Energien verdränge fossile Mineralölprodukte und senke damit die Nachfrage. Zudem würden staatliche und private Investitionen immer mehr in erneuerbare Energien statt in fossile Technologien fliessen.
  • FuelsEurope, 2026 (siehe hier): Der Branchenverband der Raffinerien richtete im Februar einen dringenden Appell an die Regierungschefs der EU-Staaten. Massgeblich die hohen Kosten durch die Klimapolitik hätten dazu geführt, dass so viele Raffineriekapazitäten verschwunden seien. Erschwerend kämen übermässige regulatorische und administrative Belastungen dazu.

Meine Einschätzung: Europa wurde auf dem falschen Fuss erwischt. Jahrelang hat der Kontinent eine traumtänzerische Klimapolitik vorangetrieben – in der Überzeugung, fossile Brennstoffe brauche es bald nicht mehr. Jetzt, wo mehrere Konflikte in der Welt den Nachschub in Frage stellen, realisiert man in den europäischen Zentralen plötzlich, dass die Raffinerien fehlen, um sich selbst versorgen zu können. Etwas zugespitzt gesagt hat der Klimaschutz in Europa Versorgungsengpässe ausgelöst. Man kann nur hoffen, dass jetzt energisch Gegensteuer gegeben wird.

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