Ausstellung zur Kernenergie in Basel

Anti-AKW-Kleber, Sirenen und Atommüll-Fässer

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26.10.2026
Geradezu kunstvoll arrangiert: Atommüll-Fässer in der Basler Ausstellung. Bild: Alex Reichmuth
Geradezu kunstvoll arrangiert: Atommüll-Fässer in der Basler Ausstellung. Bild: Alex Reichmuth

Die Ausgangslage: Das Historische Museum Basel hat kürzlich die Sonderausstellung «Atomkraft: Deine Entscheidung» in der Barfüsserkirche eröffnet (siehe hier). Der «Nebelspalter» hat sich vor Ort umgesehen.

Warum das wichtig ist: Im nächsten Februar entscheidet das Stimmvolk darüber, ob der Bau neuer Atomkraftwerke in der Schweiz grundsätzlich wieder möglich werden soll. Vor dieser wegweisenden Abstimmung lohnt sich ein genauer Blick darauf, wie ein staatlich finanziertes Museum über Kernenergie informiert.

Das Zitat: «Die Debatte um Kernkraftwerke ist noch nicht vorbei.» (Zitat aus der Ausstellung)

Reportage:

Kaum habe ich die Ausstellung betreten, stehe ich vor einem Totenkopf und einem angedeuteten Atompilz. Tatsächlich sind die Anfänge der Kernenergienutzung eng mit der Atombombe verknüpft. Unter dem Titel «Was bisher geschah» wird auch an eine denkwürdige Rede von US-Präsident Dwight D. Eisenhower zugunsten der friedlichen Nutzung der Kernenergie erinnert. In den 1950er-Jahren habe eine «Atomeuphorie» geherrscht, erfahre ich. Lange ist es her.

In der Ausstellungsbeschreibung heisst es, der Widerstand gegen das geplante Atomkraftwerk Kaiseraugst habe bewiesen, «dass gemeinsames Engagement politische Entscheidungen beeinflussen kann». Entsprechend viel Platz erhält der Kampf gegen «Kaiseraugst». Bilder zeigen die damaligen Geländebesetzungen, eine Chronologie zeichnet den Widerstand nach. Im Hintergrund ertönen Anti-Atom-Lieder aus jener Zeit.

Die Ausstellung ist interaktiv. Mit einem Hebel muss ich ein erstes Loch in meine mitgeführte Kartonkarte stanzen. Ich entscheide mich für: «Ich bin dankbar, dass in der Schweiz Kernkraftwerke gebaut wurden» – und gegen die Aussage, dass mich diese Bauten besorgen würden. Vier weitere Entscheidungen folgen im Verlauf des Rundgangs. Ich wähle jedes Mal die atomfreundliche Variante.

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Schon stehe ich vor einem Totenkopf und einem angedeuteten Atompilz. Bild: Alex Reichmuth

Gross prangt mir «Fukushima» entgegen

Nun geht es um die Frage, ob Atomkraftwerke bei der Energiewende helfen können. In einem Video vertreten die ETH-Nuklearforscherin Annalisa Manera und eine Greenpeace-Aktivistin die Pro- und Contra-Positionen.

Nach einigen spärlichen Informationen ist allerdings wieder Anti-Atom angesagt: Vor mir erstreckt sich eine ganze Wand mit den bekannten Sünneli-Klebern gegen AKW – in allen möglichen Sprachen. Immerhin hängen daneben auch einige historische Plakate zugunsten der Kernenergie. Sie beanspruchen deutlich weniger Platz.

Es folgen Informationen darüber, wie sich die Stromversorgung absichern lässt und wie ein Atomkraftwerk funktioniert. Alles nüchtern präsentiert. Auch neue Reaktorkonzepte wie Small Modular Reactors und Generation-IV-Reaktoren werden kurz gestreift.

Deutlich mehr Herzblut steckten die Ausstellungsmacher in den Bereich über «Vorfälle in Atomkraftwerken». Gross prangt mir «Fukushima» entgegen. Ein Video zeigt, wie erschüttert Parlamentarier 2011 auf den Atomunfall in Japan reagierten. Unter ihnen: der heutige Bundesrat Beat Jans. Ein weiteres Video widmet sich der Frage «Welche Unfälle gab es schon in Atomanlagen?». Die Botschaft: «Mit den ersten AKWs kommen die ersten Katastrophen».

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Atom-Kleber in allen Sprachen. Bild: Alex Reichmuth

Jasskarten mit Totenköpfen

Überhaupt dreht sich in der Ausstellung vieles um die Sicherheit von Atomanlagen. Das Thema Radioaktivität wird ausführlich abgehandelt. Auf einem Ständer ist eine ganze Reihe von Luftsirenen montiert. Ein Video erklärt den Besuchern, wie sie sich bei einem KKW-Unfall verhalten sollen. Auf einer Schweizerkarte lässt sich nachschauen, ob man selbst in der Evakuierungszone eines Schweizer AKWs wohnt. Die Wahrscheinlichkeit scheint gross. Daneben liegen Jasskarten mit Totenköpfen, eine Gasmaske und jede Menge Anti-Atom-Kleber.

Dann folgt das Thema Atommüll. Die Ausstellungsmacher haben Fässer mit aufgedruckten Radioaktivitätszeichen geradezu kunstvoll arrangiert. Ein Schaubild soll veranschaulichen, wie lange eine Million Jahre dauern – jene Zeitspanne, während der radioaktive Abfälle in einem Endlager sicher eingeschlossen bleiben müssen. Das sei so lange, wie seit der ersten Nutzung des Feuers vergangen sei, heisst es.

Nun steht das Finale bevor. Ich muss mich endgültig entscheiden: für oder gegen Atomenergie. Dafür bietet die Ausstellung sogar eine Meditationsecke an. Die Aufforderung lautet: «Vielleicht musst du in dich gehen. Die Welt vergessen. Nachdenken. Lass dir Zeit.» Ein Sessel steht bereit – ausgestattet mit einem Anti-Atom-Kissen. Soll das etwa eine Entscheidungshilfe sein?

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Sirenen gehören in Basel offenbar zu einer Ausstellung über Atomenergie. Bild: Alex Reichmuth

Eine Dame schaltet symbolisch alle AKW ab

Ich bleibe standhaft und halte an meiner Zustimmung zur Kernkraft fest. In einem Raum, der wie die Kontrollzentrale eines Nuklearreaktors eingerichtet ist, empfängt mich eine Dame im weissen Kittel. Sie registriert meine Antworten und teilt mir mit, dass sich die Mehrheit der bisherigen Besucher gegen die Atomenergie ausgesprochen habe. Deshalb schalte sie nun symbolisch sämtliche Schweizer AKW ab.

In einem kurzen Gespräch fragt mich die Frau, ob mich an der Ausstellung etwas überrascht habe. «Ja», antworte ich, «dass so wenig über die Chancen der Kernenergie zu erfahren ist.» Ein Pärchen, das ebenfalls anwesend ist, hat einen anderen Eindruck gewonnen. Die beiden zeigen sich vor allem vom Atommüllproblem erschreckt.

Auf einer Anzeige kann ich die bisherigen Abstimmungsresultate der Ausstellung nachlesen. Dabei wird mir klar, wie hoffnungslos ich in der Minderheit bin. So finden 80 Prozent der Besucher, dass der Ausbau der erneuerbaren Energien beschleunigt werden sollte, statt über Atomkraft zu diskutieren. Und ganze 88 Prozent sind froh, dass Proteste weitere AKW in der Schweiz verhindert haben.

Eigentlich überraschen mich diese überwältigenden Mehrheiten nicht. Nicht nach dieser Ausstellung.

Apropos: Man stelle sich eine Ausstellung über Wasserkraftwerke vor, in der Besucher zuerst Bilder zerstörter Staudämme sehen, dann Sirenen hören, Evakuierungspläne studieren und schliesslich entscheiden müssen, ob sie Wasserkraft noch befürworten. Reichlich unwahrscheinlich. 

Die Sonderausstellung «Atomkraft: Deine Entscheidung» (siehe hier) läuft bis zum 4. Juli 2027 im Historischen Museum Basel (Barfüsserkirche)

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