Lino Guzzella hat recht: Eine sichere und bezahlbare Energieversorgung ist eine Grundlage unseres Wohlstands. Daraus aber abzuleiten, die Schweiz brauche neue AKW, greift zu kurz.
Unser grösstes Energieproblem liegt heute anderswo: Wir sind massiv von importiertem Öl und Gas abhängig. Dafür fliessen jedes Jahr Milliarden Franken ins Ausland – 2024 allein über 8 Milliarden. In der Energiekrise 2022 war es noch deutlich mehr. Dieses Geld sollten wir besser in unsere eigene Energieversorgung investieren.
Wir benötigen mehr Strom, aber weniger Energie
Dabei muss man zwischen Strom und Energie unterscheiden. Strom macht heute nur etwa ein Viertel unseres gesamten Energieverbrauchs aus. Der Rest sind vor allem Treibstoffe und Brennstoffe. Wenn wir Autos und Heizungen elektrifizieren, brauchen wir mehr Strom – aber insgesamt viel weniger Energie.
Der Grund ist einfach: Ein Verbrennungsmotor verliert den grössten Teil der Energie als Wärme. Ein Elektroauto fährt mit derselben Energiemenge drei- bis viermal weiter. Eine Wärmepumpe macht aus einer Kilowattstunde Strom drei- bis fünfmal so viel Wärme. Elektrifizierung ist deshalb ein riesiges Effizienzprogramm.
Stromsparen ist keine «Fantasie»
Guzzellas Aussage, Stromsparen sei eine «Fantasie», widerspricht zudem der Realität: Seit 2006 ist der Stromverbrauch der Schweiz praktisch gleich geblieben, obwohl die Bevölkerung um rund 20 Prozent gewachsen ist und viele Wärmepumpen, Elektroautos und Rechenzentren dazukamen. Effizienz ist keine Fantasie. Wir praktizieren sie längst.
Und den zusätzlichen Strom können wir zunehmend selber produzieren. Im vergangenen Winterhalbjahr lieferten Schweizer Solaranlagen rund 2,3 Milliarden Kilowattstunden – rund eineinhalbmal so viel, wie das ehemalige AKW Mühleberg in einem Winterhalbjahr bei Vollbetrieb produzierte.
Natürlich scheint die Sonne nicht immer. Aber die Schweiz hat einen gewaltigen Vorteil: ihre Stauseen. Wenn Solarstrom vorhanden ist, muss weniger Wasser turbiniert werden. Das Wasser bleibt für die Nacht und sonnenarme Winterwochen gespeichert. Solar- und Wasserkraft sind deshalb ein Dream-Team.
Teure Atomkraft
Auch die enorme Energiedichte von Uran ist kein Beweis für die Wirtschaftlichkeit neuer AKW. Uran muss abgebaut, aufbereitet, angereichert und zu Brennelementen verarbeitet werden. Im AKW erzeugt die Kernspaltung zunächst Wärme. Damit wird Dampf erzeugt, der eine Turbine und schliesslich einen Generator antreibt. Nur rund ein Drittel der Wärme wird dabei zu Strom, der Rest muss über Flüsse oder Kühltürme abgeführt werden.
Ebenso entscheidend sind Kosten und Zeit. Ein neues AKW würde erst in Jahrzehnten Strom liefern. Die Akademien der Wissenschaften Schweiz rechnen inklusive Finanzierungskosten mit 14 bis 43 Milliarden Franken für ein einziges neues AKW. Bis dieses Strom produziert, müssen wir unsere Energieversorgung ohnehin erneuern.
Darum sollten wir uns nicht von sinnlosen Schwimmbecken-Vergleichen ablenken lassen und jetzt investieren: in Effizienz, einheimische erneuerbare Energien, Speicher und Netze. Batterien speichern Strom über Stunden, unsere Stauseen Wasser und damit Energie über Wochen und Monate. Zusammen mit Windkraft und der Vernetzung mit Europa entsteht daraus eine sichere Stromversorgung, auch im Winter.
Die Schweiz braucht nicht möglichst viel Energie. Sie benötigt Wärme, Mobilität, Licht und eine leistungsfähige Wirtschaft. Wenn wir das mit weniger Energie, weniger Auslandsabhängigkeit und mehr einheimischem Strom erreichen, ist das kein Verzicht. Es ist Fortschritt.

