Die Schweizer Neutralität beruhte deshalb nie auf einem moralischen Prinzip, sondern auf einer nüchternen Machtkalkulation. Die Schweiz musste
- erstens in der Lage sein, ihre Neutralität glaubwürdig zu verteidigen.
- Und zweitens musste ihre Neutralität für andere Staaten einen Nutzen haben.
Beides ist heute fragwürdig. Warum?
Wir können uns nicht allein verteidigen: Die Schweizer Armee ist heute nicht in der Lage, einen Angriff über längere Zeit allein abzuwehren. Das ist das Resultat einer Politik, die über Jahrzehnte von der Friedensdividende profitiert hat, statt in die Landesverteidigung zu investieren. Jetzt soll die Armee wieder aufgerüstet werden. Das ist richtig.
Doch Raketen grosser Reichweite, Drohnenschwärme, Cyberangriffe und Präzisionswaffen haben die militärische Realität verändert. Wer glaubt, die Schweiz könne sich jemals gegen diese Bedrohungen aus eigener Kraft schützen, verwechselt politische Selbstbehauptung mit militärischer Realität. Selbst Israel, das über eine der weltweit leistungsfähigsten Armeen verfügt, ist bei massiven Angriffen auf die Unterstützung der USA und die Kooperation mit arabischen Staaten angewiesen. Warum sollte ausgerechnet die Schweiz glauben, sie könne es allein?
Das Fazit: Wer Neutralität mit vollständiger militärischer Autarkie gleichsetzt, verkauft den Bürgern eine Illusion.