Als der Jurist Max Imboden 1964 über das «helvetische Malaise» schrieb, beklagte er den Mangel an Reformwillen in der Schweiz. Das wurde zum Mantra der Eliten in Politik, Wissenschaft und Medien. Doch die Schweiz leidet nicht an einem Mangel an Reformen. Sie leidet an einem Mangel an Eliten, die noch wissen, was sie eigentlich reformieren sollen – und vor allem was nicht.
Kein anderes Land verfügt über so ungewöhnliche Institutionen wie die Schweiz. Föderalismus, Gemeindeautonomie, Milizsystem, direkte Demokratie und vor allem die Tradition, politische Macht zu beschränken, um den Bürgern zu vertrauen, sind keine historischen Zufälle. Sie sind das Ergebnis einer jahrhundertelangen Geschichte, in der Bürger Institutionen entwickelten, um ihre Angelegenheiten selber zu regeln, statt sie einer Obrigkeit zu überlassen.
Sonderfall wird zur Anomalie
Diese Institutionen haben den schweizerischen Sonderfall hervorgebracht: ein kleines Land ohne gemeinsame Sprache, ohne gemeinsame Ethnie und ohne königliche Gründungsgeschichte, das dennoch zu den stabilsten und erfolgreichsten Demokratien der Welt gehört. Paradoxerweise scheinen gerade jene, die diese Institutionen besetzen, das Vertrauen in sie verloren zu haben. Darin besteht das helvetische Malaise des 21. Jahrhunderts.
Während frühere Generationen den Sonderfall verteidigten, betrachtet ihn die heutige Elite als Anomalie, die möglichst rasch an internationale Standards angepasst werden müsse. Der schweizerische Weg ist ihnen provinzielle «Abschottung». Europäische Harmonisierung gilt als Fortschritt, Zentralisierung als modern und die Übertragung von Kompetenzen an Beamte, Gerichte, Experten oder internationale Organisationen als Zeichen aufgeklärter Politik.
Gerade darin liegt die Ironie dieser Elite. Wer überzeugt ist, dass das Eigene ohnehin minderwertig sei, orientiert sich zwangsläufig an den grossen Nachbarn. Provinziell ist nicht der Sonderfall, sondern die Sehnsucht nach Anpassung. Dass diese Nachbarn gerade in politischen und wirtschaftlichen Problemen versinken, spielt im eidgenössischen Selbsthass der Eliten keine Rolle.
Dieser Hass hat tiefere Gründe: Direkte Demokratie, Föderalismus und Milizsystem begrenzen die Gestaltungsmacht der Politik. Das ist vermutlich die Ursache des Unbehagens vieler Eliten. Sie leiden an der institutionellen Begrenzung ihrer politischen Macht. Deshalb versuchen sie, die Institutionen zu Instrumenten ihrer Machtausübung umzubauen. Die institutionelle Verachtung des historisch gewachsenen Ständemehrs durch Bundesrat, Bundesverwaltung, zahlreiche Politiker und die Medien kann kaum anders gedeutet werden. Das Notrechtsregime in der Pandemie – und dessen fehlende Aufarbeitung – ebenfalls.
Zu dieser Entwicklung tritt ein zweites Phänomen hinzu: die Tragik der Provinz. In grossen Ländern konkurrieren Tausende um Professuren, Chefredaktionen, Richterämter oder Ministerposten. Der Wettbewerb ist intensiv, die Schweiz ein kleines Land. Ihre politischen, medialen, akademischen und juristischen Eliten rekrutieren sich aus einem vergleichsweise engen Kreis. Das wäre an sich kein Problem. Problematisch wird es dort, wo geringe Konkurrenz dazu führt, dass bereits ein kleiner Vorsprung gegenüber dem Durchschnitt genügt, um Spitzenpositionen zu erreichen. Die Folge ist zwar nicht zwangsläufig Inkompetenz – aber Mittelmass mit Eliteanspruch.
Die Folge: Widerspruch wird zur Ausnahme, Einheitsbrei zur Regel. Wer in Politik, Verwaltung, Wissenschaft und Medien Karriere machen will, muss auf seine eigene Meinung verzichten. Netzwerke ersetzen Konkurrenz, Loyalität ersetzt geistige Neugier. Belohnt wird das Hösitum durch das Gefühl, zu einer aufgeklärten Avantgarde zu gehören, obwohl man sich in Wahrheit weitgehend innerhalb eines kleinen, mittelmässigen Zirkels bewegt. Man besucht dieselben Veranstaltungen, liest dieselben Leitmedien und übernimmt dieselben politischen Moden. Was sich weltoffen gibt, ist häufig erstaunlich konformistisch.
So verliert die Schweiz schrittweise das Bewusstsein für ihre eigenen Stärken. Nicht weil diese verschwunden wären, sondern weil sie kaum mehr erklärt werden. Die Geschichte der Eidgenossenschaft wird zunehmend als Sammlung historischer Zufälle erzählt, nicht mehr als Entwicklung erfolgreicher Institutionen. Föderalismus gilt als kompliziert, direkte Demokratie als störend, Neutralität als Relikt und Gemeindeautonomie als romantische Erinnerung. Der Sonderfall wird nicht widerlegt; er wird schlicht vergessen.
Der Geist verschwindet
Das ist gefährlicher, als offene Gegner der schweizerischen Ordnung es jemals sein könnten. Institutionen leben nicht von Verfassungsartikeln. Sie leben davon, dass genügend Menschen deren Sinn verstehen und bereit sind, sie gegen kurzfristige politische Moden zu verteidigen. Geht dieses Verständnis verloren, bleiben die Institutionen zwar bestehen – ihr Geist verschwindet jedoch.
Die Schweiz benötigt auch heute keine institutionelle Revolution. Sie besitzt bereits Institutionen, um die sie viele Staaten beneiden. Was ihr fehlt, sind Eliten, die den Mut haben, deren Eigenart nicht als Makel, sondern als Erfolgsgeschichte zu begreifen.
Dieser Artikel erschien auch in der Ausgabe der Weltwoche vom 30. Juli 2026 (Nr. 31).

