Die Verfetteten, die Dicken, die Wohlgenährten, die Vollschlanken, die Lebemenschen, die Korpulenten, die Verfressenen und die Fetten: Wenn es ein Wort gibt, das auf den Index gehört, dann so gut wie alle, die ich hier genannt habe. Fett sein gilt als Tabu. Noch schlimmer: Schon nur darauf hinzuweisen oder daran zu denken. Wer einen Menschen, der offensichtlich unter Übergewicht leidet, so abwertend bezeichnet, ist ein schlechter Mensch und sogleich wird er die Sprachpolizei kennenlernen, die ihn verwarnt oder noch Härteres androht. Warum eigentlich?
Blicke ich in die Geschichte zurück, war es nämlich anders: Wer beleibt war, der war stolz darauf, weil er damit vorzeigte, dass es ihm gut ging. Die Reichen, die Könige, die Kardinäle waren dick, während die armen Schlucker hiessen, wie sie aussahen: Sie schluckten nach Luft und magerten ab. Dick war die Oberklasse, dünn die Unterklasse.
Dann, irgendwann in den 1950er Jahren, kam der Massenwohlstand auf, und die Reichen sahen sich mit dem Problem konfrontiert: Was tun, wenn man mit dem Körper seinen höheren Status unterstreichen wollte? Es reichte nicht mehr, auf einen beachtlichen Bauchumfang zu setzen, sondern das Gegenteil war nun angezeigt. Neuerdings galt: Je schlanker, desto reicher – sodass sich ein seit Jahrhunderten sozial erwünschtes Körpermerkmal – ein wohlgenährter, eigentlich dicker Leib – zu einem Fluch entwickelte, zu einem Stigma des Abstiegs, zu einem Beleg für eine Herkunft aus der Unterschicht. Je dicker, desto prolliger.
Wie das so ist, wenn die Oberschicht aus Distinktionsgründen ihren Geschmack verändert, tut sie das meistens auf eine Art, der etwas Menschenfeindliches eigen ist, etwas Arrogantes sowieso, aber auch etwas erstaunlich Totalitäres. Es ist nicht damit getan, den Dicken sozial zu verachten, sondern man traktiert ihn sogleich mit wissenschaftlich verbrämten Erkenntnissen: Er lebe ungesund, dito, sterbe er früher, was wiederum unsolidarisch, ja asozial sei, da dies die Krankenkassenkosten in die Höhe treibe. Zweitens folgt die moralische Verurteilung. Wenn jemand seinen BMI sprengt, dann zeugt das von Disziplinlosigkeit, von Schwäche, von einem laschen Umgang mit dem eigenen Körper. Sind das nicht Menschen, die sich selber hassen?
Sodass wir zum Tabu zurückkehren: Wer fett ist, sei stolz darauf. Nur so entgeht er dem brutalen Urteil einer verständnislosen Gesellschaft, die uns ihre bösartigen Regeln regelrecht in den Körper einschreibt. Ihr Dicken und Verfressenen dieser Welt: Lasst euch nicht einschüchtern!
Ich wünsche Ihnen eine vergnügliche Lektüre. (Essen Sie dabei nicht zu viele Snacks.)
Die verfettete Schweiz
In der neuesten Ausgabe des Nebelspalter-Magazins geht es um ein Thema, das man heute nur mit Samthandschuhen anfassen darf: Fett. Oder wie wir neuerdings sagen sollen: «andersförmig», «mehrgewichtig», «curvy». Wir schauen hin, wo die Schweiz wirklich zunimmt: am Bauch, am Staat, an den Ausreden?

