Serie zu Bibelversen: Galater 5,1

Gedanken zur Bibel: «Zur Freiheit hat uns Christus befreit!»

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26.12.2025
Paulus-Statue am Petersdom in Rom, geschaffen von Adamo Tadolini. Bild: AngMoKO, Wikimedia Commons
Paulus-Statue am Petersdom in Rom, geschaffen von Adamo Tadolini. Bild: AngMoKO, Wikimedia Commons

«Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!» (Gal 5,1)

Paulus war wütend. Er hatte erfahren, dass seine Prediger in Galatien in der heutigen Türkei, die er eben zum Christentum bekehrt hatte und welche seine Botschaft weitertragen sollten, seine Mission zu ruinieren drohten. Sie hatten verkündet, ein Christ müsse zuallererst die Gesetze von Moses einhalten – und zwar in vollem Umfang.  

Paulus von Tarsus war zwar Jude und er verstand sich auch so. Aber ihm waren die jüdischen Besonderheiten, die Beschneidung und die Einhaltung der 613 Gesetze aus der Tora der falsche Weg zu Gott. Er hielt sie sogar für «Dreck», wie er an die Gemeinde in Philippi schrieb (Phil 3,8). Das war nicht immer so: Einst hatte er als Saulus die Christen verfolgt, bis ihm auf dem Weg nach Damaskus Jesus erschienen war. Sein Christentum war keine Religion ausschliesslich für jene, die von Abraham abstammten und Gesetze einhielten, sondern für alle, die glaubten.

Apostel Paulus
Paulus in einem Mosaik in der Basilika San Vitale in Ravenna (I) aus dem 6. Jahrhundert. Bild: Wikimedia Commons.

In der Wut schreibt er den Galatern einen Brief, in der er seine revolutionäre Gotteslehre, sein Christentum, darlegt wie nie zuvor. Diese Lehre von Gott stellt alles auf den Kopf, was im ersten Jahrhundert nach Christus religiös vorhanden war: sowohl den antiken Götterglauben wie die jüdische Gesetzesreligion. 

Nicht Stand, nicht Abstammung und auch nicht Gesetzestreue ebneten für Paulus den Weg zu Gott, sondern der Glaube allein reicht aus – so viel Gnade hat kein anderer Gott zu bieten. Diese Lehre ist ein Skandal, den nicht einmal Paulus’ Prediger in Galatien glauben konnten. Allen steht das Heil offen.

Gleichheit und Freiheit

Paulus wundert sich im Brief an die Galater, dass sich die Christen in Galatien so schnell abgewandt haben. Daran seien nur einige wenige schuld, meint er zu wissen – und er verflucht sie (Gal 1, 6-9). Den Geist Gottes, so stellt er klar, empfängt man nicht durch das Einhalten des jüdischen Gesetzes, sondern durch den Glauben an Jesus Christus (Gal, 3,2). Er hat am Kreuz nicht nur den Tod überwunden, sondern auch die Schuld des Menschen, die ihn abhängig macht von Gesetzen und Herren. 

Die Konsequenz daraus: Für Paulus gibt es im Unterschied zum antiken Götterglauben nicht nur einen einzigen Gott. Ihm gegenüber steht auch nur ein einziger Glaubender und dessen persönlicher Glauben – im Unterschied zur jüdischen Gesetzesreligion. Für Paulus gibt es nicht mehr Griechen, Sklaven oder Freie, nicht mehr Juden oder Heiden, Männer oder Frauen. «Ihr seid alle einer in Christus Jesus» (Gal. 3,29). Und diese gleichen Christen sind zur Freiheit befreit. 

Diese Theologie – gepredigt in eine zutiefst hierarchische Welt ist eine Revolution – und der Kern der christlichen Botschaft.

Apostel Paulus
Paulus, der Schreiberling unter den Aposteln. Bild: Rijksmuseum, Wikimedia Commons.

Öffnung des Christentums über das Judentum hinaus

Die Konsequenz daraus ist die persönliche Freiheit der Christen. In dem sie glauben, sind sie befreit. Und – so ermahnt Paulus die Galater – sie sollen sich nicht umgehend wieder unterjochen lassen. 

Paulus beendete die Spannung in der jüdischen Theologie zwischen dem einen Gott, der die Menschen erlösen kann und der Notwendigkeit, dafür zum Volk Israel zu gehören und Gottes Gesetze zu befolgen. Die göttliche Gnade befreit die Menschen, wenn sie glauben. 

Paulus senkt damit die Markteintrittsbarriere zum Christentum und öffnet die jüdische Sekte des Christentums auf die Welt jenseits des jüdischen Volkes hin zur Mission allen das Heil zu verkünden. Er legt damit den Grundstein zum Aufstieg des Christentums zu einer Weltreligion. Manche halten ihn deshalb für den Gründer des Christentums. 

Doch Paulus’ Theologie ist mehr als ein Marketingtrick: Mit dieser christlichen Revolution der religiösen Verhältnisse war die Grundlage gelegt für eine lange Entwicklung hin zur Aufklärung, Demokratie und Rechtsstaat – hin zu einer Gesellschaft der freien, der sich selber regierenden Menschen. Einer Gesellschaft der freiwilligen Kooperation, der gegenseitigen Verträge statt der einseitigen Gesetze. 

Bild der Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung der USA
«One nation under God»: Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung der USA am 4. Juli 1776. Bild: Wellcome Collection, Wikimedia Commons

Die revolutionäre Wirkung bis heute

Vor bald 250 Jahren bezogen sich die Gründerväter der Vereinigten Staaten exakt auf diese Freiheit der Christen unter der göttlichen Gnade, als sie am 4. Juli 1776 in die Unabhängigkeitserklärung schrieben: «We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness.» (dt.: «Wir halten diese Wahrheiten für selbstverständlich, dass alle Menschen gleich geschaffen sind, dass sie von ihrem Schöpfer mit bestimmten unveräusserlichen Rechten ausgestattet sind, darunter Leben, Freiheit und das Streben nach Glück.)

Dass diese Entwicklung nicht gerade verlief – und bis heute nicht verläuft, sondern Rückschläge dazu gehören, das zeigt schon das Beispiel von Paulus’ Prediger bei den Galatern. Denn die christliche Freiheit ist im wahrsten Sinne eine Zumutung. 

Darum gibt es sie heute noch, die Galater unter den Menschen, jene, die mit der Freiheit nicht umgehen können und sich nach Gesetzen sehnen, deren Einhaltung Sinn und ein gutes Leben versprechen. UNd es gibt Politiker, die das ausnützen. Es gibt sie auch in der Kirche – jene, welche das Heil der Welt nicht durch die Tat der Gläubigen, sondern durch Gesetze des Staates erzielen wollen. Man lese nur die politischen Statements der beiden Landeskirchen und ihrer Vertreter. Sie seien mit Paulus verflucht. 

Die christliche Freiheit des Einzelnen, sein gewissenhaftes und am Beispiel von Jesus orientiertes Forschen nach dem richtigen Weg mag schwieriger sein als die Gesetzestreue, aber es ist der Weg zu Gott. Und es gibt keine individuelle Freiheit, keine Gesellschaft freier Menschen ohne diese christlichen Wurzeln. 

Weiterführende Literatur: 

Larry Siedentop: Die Erfindung des Individuums, Der Liberalismus und die westliche Welt. 

Tom Holland: Herrschaft. Die Entstehung des Westens. 

David McCullough: 1776. 

Daniel Hannan: Inventing Freedom. How the english-speacking Peoples made the modern World. 

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