Die Themen diese Woche:
- Solarbranche Schweiz: Rückgang ist heftiger als angenommen
- Die Schweiz ist derzeit stark auf Stromimporte angewiesen
- Die EU weicht das Verbrenner-Verbot ab 2035 auf
- Erbauliches Treffen mit dem bekanntesten Schweizer Klimaforscher
Solarbranche Schweiz: Rückgang ist heftiger als angenommen
Worum geht es?
- Dieses Jahr werden in der Schweiz voraussichtlich Solaranlagen mit einer Gesamtleistung von 1,5 Gigawatt zugebaut. Das meldet der Branchenverband Swissolar (siehe hier).
- Gegenüber 2024, als der Zubau noch 1,8 Gigawatt betrug, ist das ein Rückgang von 17 Prozent.
- Damit ist das Schweizer Geschäft mit Solaranlagen dieses Jahr erstmals rückläufig. Zuvor hat die Branche jeweils geboomt.
- Der Einbruch im 2025 ist stärker, als Swissolar noch im Sommer angekündigt hat. Damals war von einem Rückgang von nur zehn Prozent die Rede (siehe hier).
- Swissolar spricht nun von einer «Phase der Konsolidierung» und rechnet in einem mittleren Szenario damit, dass sich der Zubau an Solaranlagen in den nächsten Jahren zwischen 1,5 und 1,8 Gigawatt einpendelt.

- Noch im Sommer hatte es vom Branchenverband anders getönt: «Swissolar ist zuversichtlich, dass sich der Markt 2026 stabilisieren und anschliessend wieder wachsen wird.»
- Wächst der Schweizer Solarmarkt aber wirklich nicht weiter, trägt die Solarenergie gemäss der «Solothurner Zeitung» im Jahr 2035 nur 24 Terawattstunden zur Schweizer Stromversorgung bei (siehe hier). Im Rahmen der Energiewende strebt das Land aber einen Zubau bei den neuen erneuerbaren Energien von 35 Terawattstunden an. Das heisst, Windanlagen und Biomasse-Kraftwerke müssten 11 Terawattstunden zusätzlich beitragen – was aus heutiger Sicht ziemlich unwahrscheinlich erscheint.
Kommentar: Der Einbruch beim Schweizer Solarmarkt ist eine herbe Enttäuschung für die Fans von Sonnenstrom. Denn diese gingen davon aus, dass der Boom, der das Geschäft zeitweise um 50 Prozent pro Jahr wachsen liess, auch 2025 weitergeht. Doch die Konsolidierung zeigt bereits Folgen. Laut der «Solothurner Zeitung» kam es in der Solarbranche zu ersten Entlassungen und sogar Konkursen.
Der Rückgang beim Solargeschäft bedeutet auch, dass die Schweiz ihre Ziele im Rahmen der Energiewende wohl verfehlt. Denn gestern Montag kam das Bundesamt für Energie in einem Bericht zum Schluss, dass sich die Geschwindigkeit des Ausbaus der erneuerbaren Energien (ohne Wassserkraft) mehr als verdoppeln müsste, um das für 2035 gesetzte Stromziel zu erreichen (siehe hier). Und eine solche Verdoppelung liegt bei der hierfür zentralen Solarenergie wie gesehen weit ausserhalb der Erwartungen.
Die Schweiz ist derzeit stark auf Stromimporte angewiesen

Worum geht es?
- Die Schweiz musste im November aussergewöhnlich viel Elektrizität aus dem Ausland beziehen. Das meldet die NZZ (siehe hier).
- Gemäss der Zeitung musste das Land in diesem Monat «jeden Tag Strom importieren, und das in rauen Mengen». Am 23. November waren es sogar 71 Gigawattstunden und damit fast so viel, wie die Stadt Bern in einem Monat verbraucht.
- Laut der NZZ summierten sich die Importe im November auf fast eine Terawattstunde (1000 Gigawattstunden). Es handelte sich vor allem um Atomstrom aus Frankreich. Damit könnte der Richtwert von maximal fünf Terawattstunden Stromimporte im gesamten Winterhalbjahr, wie er im neuen Stromgesetz vorgesehen ist, bereits im ersten Jahr überschritten werden.
- Das Wetter ist auch jetzt im Dezember von Inversionslagen geprägt. Das bedeutet, dass Solaranlagen wegen Nebel im Mittelland praktisch keinen Strom produzieren. Wahrscheinlich ist die Schweiz darum weiterhin auf umfangreiche Stromimporte angewiesen.
- Einer der wichtigsten Gründe für den Strommangel im Inland ist der Ausfall des Kernkraftwerks Gösgen. Dieses steht wegen einer ausserordentlichen Revision noch bis im nächsten Februar still (siehe hier).
Kommentar: Atomgegner sprechen zwar gerne von einem «Klumpenrisiko» der Kernenergie: Wenn nur ein einziges AKW, wie jetzt das in Gösgen, ausfalle, fehle es in der Schweiz an Strom (siehe hier). Doch die Ursachen für den derzeitigen Mangel reichen weiter zurück: Weil vor Jahrzehnten der Bau weiterer Kernkraftwerke wie diejenigen in Kaiseraugst und Graben verhindert wurde, ist die Versorgungslage im Winter mittlerweile so prekär, dass die Schweiz sofort in Probleme gerät, wenn Gösgen oder Leibstadt ausnahmsweise für längere Zeit vom Netz muss. In diesem Sinne badet das Land heute die Fehler in der Energiepolitik von früher aus.
Die EU weicht das Verbrennerverbot ab 2035 auf

Worum geht es?
- Die EU weicht das Verbot für Neuwagen mit Verbrennermotor auf, das 2035 in Kraft treten soll (siehe hier und hier).
- Neu gilt für Automobilhersteller, dass ihre Neuwagen-Flotten ab 2035 nur noch 90 Prozent weniger CO₂ ausstossen müssen statt wie bisher 100 Prozent. Das ermöglicht der Industrie, neben Elektrofahrzeugen weiterhin einen gewissen Anteil an Autos mit Verbrennermotoren anzubieten.
- Laut Medienberichten haben sich Manfred Weber, Fraktionschef der Europäischen Volkspartei, und Ursula von der Leyen, Präsidentin der EU-Kommission, auf diese Neujustierung geeinigt.
- Der Vorschlag muss noch von den EU-Kommissaren, dem Europaparlament und den EU-Staaten gutgeheissen werden, was aber als wahrscheinlich gilt.
- Die Aufweichung des Verbrennerverbots erfolgt wegen des Drucks der europäischen Automobilindustrie. Diese ist schon heute in wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Weil die Kunden viel weniger E-Fahrzeuge als erwartet kaufen, würde die Durchsetzung des vollständigen Verbrennerverbots die Industrie in Existenznöte bringen.
- Auch von politischer Seite kam Druck. So hat der deutsche Kanzler Friedrich Merz (CDU) die EU-Kommission im November aufgefordert, die Regulierung zum Verbrenner-Aus zu korrigieren.
- Es gibt nun zum Teil heftige Kritik an der Relativierung des Verbots ab 2035. «Der Verbrennungsmotor ist eine Technologie der Vergangenheit», monierte Michael Lohscheller, Chef des schwedischen Unternehmens Polestar, das als einziger europäischer Autohersteller ausschliesslich E-Fahrzeuge produziert (siehe hier).
Kommentar: Wenn der Verbrennungsmotor tatsächlich eine Technologie der Vergangenheit ist, stellt sich die Frage, warum es denn ein Verbot braucht. In diesem Fall würden ja die Konsumenten selber merken, dass Elektrofahrzeuge von Vorteil sind. Doch die Realität ist anders: Die meisten Autokäufer lassen heute die Finger von E-Mobilen, weil mit diesen zu viele Nachteile einhergehen. Trotzdem hat die EU im Zuge ihrer weltfremden Klimapolitik ursprünglich ein baldiges Totalverbot von Verbrennermotoren verfügt.
Weil diese Vorgabe die Automobilindustrie aber kaputt machen würde, muss Brüssel nun zurückweichen. Wetten, dass das letzte Wort noch nicht gesprochen ist, und die EU die Vorgaben bald weiter lockert?
Um zum Schluss noch dies:

Letzte Woche habe ich Reto Knutti zu einem Mittagessen getroffen. Genau, den wohl bekanntesten Klimaforscher der Schweiz. Nachdem ich mit dem ETH-Wissenschaftler schon mehrmals per E-Mail in einem Austausch gestanden hatte, schlug Knutti vor, dass wir uns doch einmal persönlich kennenlernen sollten. Ich bin seiner Einladung gerne nachgekommen.
Es war klar, dass wir bezüglich der Themen Klima und Energie ziemlich gegensätzliche Meinungen haben. Entsprechend gelang es auch keinem von uns, den anderen von den eigenen Vorstellungen zu überzeugen. Trotzdem fand das Treffen in einer freundschaftlichen Atmosphäre statt. Und wir entdeckten sogar Aspekte, bei denen wir uns einig sind.
Das Treffen mit Reto Knutti zeigt mir exemplarisch, wie Debatten verlaufen sollten: Hart in der Sache, aber mit Interesse an anderen Sichtweisen und mit Respekt für das Gegenüber. Insofern war das Mittagessen für mich eine Bereicherung.
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Alex Reichmuth
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