Von A. B. (Name der Redaktion bekannt)
25 Jahre lang war die Berner Reitschule meine politische Heimat – seit der Palästina-Demo vom Samstag ist sie es nicht mehr. Eine Abrechnung.
Ich habe, weiss Gott, nichts am Hut mit der Grünen Partei; ich verabscheue die Grünliberalen; und ich war jahrelang stolz darauf, die Sozialdemokraten von links zu kritisieren. Ich habe gefeiert beim «Tanz Dich Frei» von 2012 und freute mich, als Menschen auf dem Balkon des Bundeshauses eine Piratenflagge schwenkten; ich habe mitgeholfen, Kirchen zu besetzen und unterstütze das Frontex-Referendum, bevor die SP entdeckte, dass auch sie dazu Farbe bekennen musste.
Doch seit diesem Samstag bin ich politisch heimatlos. Weil die Menschen, die ich so sehr liebe; die Menschen, die ein- und ausgehen im Soul le Pont, im Rössli und im Queerfeministischen Raum der Berner Reitschule; die Menschen, die sich einsetzten für eine (gender-)gerechte Sprache und ein antirassistisches Miteinander: Weil diese Menschen mitgelaufen sind an der Palästina-Demonstration in Bern.
Zwar wurde im Demo-Aufruf zurecht ein Genozid an der palästinensischen Bevölkerung angeklagt. Der allerdings wird nicht der israelischen Regierung angehängt – die tatsächlich dafür verantwortlich war und ist. Und auch nicht dem Staate Israel. Sondern der «Siedlerkolonie Israel» (sic!) – wobei Israel auch noch in Anführungszeichen geschrieben wird.
- Das zeigt offensichtlich: Die Demo-Organisatoren sprechen Israel das Existenzrecht ab. Israel muss verschwinden; der Jude muss weg.
«Dekolonialisierung» mit allen Mitteln
Dafür geeignet ist aus Sicht der Organisatoren offenbar auch die Vernichtung von unschuldigem Leben, wie am 7. Oktober 2023. Damals tötete die radikalislamistische Hamas über 1200 Menschen, darunter hauptsächlich Jüdinnen und Juden, und verschleppte gegen 250 weitere. Nur wenige Tage nach dem 2-jährigen, traurigen Jahrestag des Massakers wird dieser menschenverachtende Anschlag im Demo-Aufruf mit keinem Wort als solcher erwähnt, geschweige denn verurteilt.
Im Gegenteil. Die Organisatoren übernehmen die Sprache der Hamas, indem sie das antisemitische Töten des 7. Oktober 2023 als «Al-Aqsa-Flut» bezeichnen und schreiben:
- Dekolonialisierung sei eben nicht nur theoretisches Konzept, sondern eine Realität, für die gekämpft werden müsse – offenbar auch, indem gezielt Juden getötet werden.
- Nur so lässt sich erklären, warum die Organisatoren ein Kriegszeichen der Hamas – das auf dem Kopf stehende, rote Dreieck – in ihren Aufrufen verwenden.
Der entlarvende Demo-Aufruf
Von dieser Sprache und Symbolik haben sich die meisten meiner Mitmenschen aus der linken Szene im privaten Gespräch distanziert; sie bezeichnen den Aufruf als «falsch» und sagen, das sei nicht ihre Meinung. Kritische Statements zur Demonstration – wie etwa der Post von einigen Anarchistinnen auf dem linksradikalen Blog barrikade.info – seien «relevante Beiträge», die sie «wichtig» fänden.
- Dieselben Menschen gingen trotzdem an die Palästina-Demonstration vom letzten Samstag.
- Sie wollten damit auf das Leid der palästinensischen Zivilbevölkerung aufmerksam machen, so der Grundtenor – fair enough!
Doch eine Demo funktioniert nicht unabhängig vom Aufruf. Es würde ja auch niemand an den feministischen Streik gehen, wenn im Aufruf dazu alle schwulen Männer als minderwertig bezeichnet würden.
Worum also geht es meinen Mit-Menschen aus der Reitschule und Co. wirklich, wenn sie an eine Palästina-Demo gehen? Geht es ihnen vielleicht viel eher darum, die eigenen, linksradikale Identität zu stärken; in Abgrenzung gegenüber den ach-so-vernünftigen Stimmen der politisch-institutionalisierten Linken? Statt darum, das Richtige zu tun und sich gegen antisemitische Hetze zu wehren; auch – und gerade! – wenn sie im Gewand der «Pro-Palästina»-Bewegung daherkommt?
Worum es den Aktivistinnen wirklich geht
Ein Aktivist aus der Zürcher Uni-Besetzerszene hat es mir gegenüber mal so gesagt: Er sei durchaus bereit für eine differenzierte Diskussion rund um den Nahost-Konflikt; trotzdem wolle er die radikalen Forderungen der Pro-Palästina-Bewegung unterstützen. Der Grund: «Ich wollte einfach mal eine Uni besetzen.»
Doch das sollte nicht die Motivation sein, um sich für die palästinensische Sache einzusetzen. So nämlich missbraucht man die palästinensische Bevölkerung für seine eigenen Zwecke. Es geht bei Uni-Besetzungen und Demos nicht darum, nachher sagen zu können: «Schau wie gute Menschen wir sind!» Es geht um Inhalte und Forderungen. Und die hätte man im Zusammenhang mit der Demonstration vom Samstag im Demo-Aufruf finden können.
Und der Demo-Aufruf war, um in der Sprache der Linken zu bleiben: antisemitische Kackscheisse. Und wenn der Demo-Aufruf antisemitische Kackscheisse ist, bleibt man gefälligst zu Hause.

