Wenige Tage vor dem Nationalfeiertag wendet sich unser Kollege Romain Clivaz von der Tageszeitung «Le Temps» an uns Deutschschweizer Landsleute, um uns seine Befürchtung darzulegen: Wer den Unterricht in der Landessprache untergräbt, wird durch sprachliches Unverständnis das Gift der Spaltung bekommen.
Am 1. August ist es an der Zeit, zusammenzukommen, sich zu freuen, zu ärgern oder über den Zustand unseres Landes nachzudenken. Der 1. August ist ein ganz besonderer Tag, ohne Militärparade, dafür mit märchenhaften Lampions, köstlichen Cervelats, eher faden Reden und der unverzichtbaren Fahnenkette der Schweizer Kantone.
Liebe Landsleute jenseits der Saane, wir könnten uns natürlich damit zufrieden geben, die sichere Schweiz mit der unsicheren Welt zu vergleichen, aber das wäre etwas zu einfach.
Möglicherweise scheint Ihnen als Mehrheit die Frage der Einheit des Landes oft etwas fern und abstrakt. Seit einiger Zeit jedoch wird das Gift der Spaltung in Form von Angriffen auf unsere sprachliche Vielfalt gesät – insbesondere durch Zweifel am Sinn von Französischunterricht an der Primarschule und die Forderung in mehreren Kantonen, den Unterricht in die Sekundarstufe zu verlegen. Bereits hat die Diskussion den Kanton Zürich erreicht. Das wäre ein Dammbruch!
Das gibt Grund zur Sorge, und das sage ich als Doppelbürger aus dem Wallis und St. Gallen. Die Sprache des anderen nicht mehr zu sprechen bedeutet, sich von ihm zu entfernen, sich von seiner Kultur abzuschneiden: Spaltung durch Unverständnis.
Elisabeth Baume-Schneider: «Nur weil etwas kompliziert ist, muss man es nicht aufgeben!»
Diese Angriffe sind umso unverständlicher, als sie oft aus dem Kreis der Lehrer kommen. Der Mechanismus ist immer derselbe: Lehrer und Eltern werden zur Überlastung der Schüler befragt, man kommt zum Schluss, dass zwei Sprachen zu viel sind, dass Frühfranzösisch ineffizient ist (und höchstwahrscheinlich schlecht unterrichtet wird) und dass Englisch besser ist. Darauf folgt die minimalistische und defätistische Schlussfolgerung: Geben wir Französisch auf.
Bloss: Wer hat nicht wie ich schon einmal davon geträumt, dass ein Mathematik- oder Physiklehrer angesichts meiner mittelmässigen Leistungen das Handtuch werfen? Es wäre eine Welt in der die Lehrer fauler wären als ihre Schüler.
Angesichts des Arguments, dass der Unterricht zu schwierig sei, machte Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider im politischen Podcast «Sous la coupole» der Zeitung «Le Temps» keinen Hehl aus ihrer Verärgerung: «Nur weil etwas kompliziert ist, muss man es nicht gleich aufgeben!» Sie fügte hinzu, dass «der Bundesrat handeln sollte», wenn Französisch zugunsten von Englisch in die Sekundarstufe zurückgestuft würde. Die Jurassierin mit deutschschweizerischen Wurzeln hat Recht!
Das abschreckende Beispiel Belgiens
Es geht um viel: Die Mehrsprachigkeit ist eine Chance, die es zu schätzen gilt. Das Beispiel Belgiens sollte uns als abschreckendes Beispiel dienen. Dieses vergleichbare Land hat unzählige institutionelle Reformen durchgeführt. Im Laufe der Zeit haben sich die nationalen politischen, kulturellen, sportlichen und anderen Organisationen nach Sprachgemeinschaften gespalten und damit faktisch zwei öffentliche Räume, zwei Demokratien geschaffen. Das ultimative Symbol für den Zerfall des Landes ist die Machtübernahme durch einen nationalistischen, flämischen Premierminister, der langfristig das Verschwinden Belgiens anstrebt.
Gegenseitiges Verstehen ist Garant der «Willensnation»
So weit sind wir noch nicht, aber bereits 1999 warnte Professor Pierre du Bois in seinem bemerkenswerten Werk «Alémaniques et Romands, entre unité et discordes» (Ed. Favre, Rezension durch den ehemaligen Nationalrat Jacques-Simon Eggly):
- «Die direkten Beziehungen nehmen tendenziell ab (…) Zweifellos haben die Schweizer nie wirklich zusammen gelebt, sondern eher nebeneinander. Das scheint heute offensichtlicher denn je.»
Das war vor einem Vierteljahrhundert. Das Streben nach Einheit in der Vielfalt, eine der Säulen der Schweiz, steht im Mittelpunkt der Präambel unserer Bundesverfassung und muss ein Grundpfeiler bleiben! Es ist auch das, was die Schweiz zu dieser berühmten «Willensnation» macht, zu dieser besonderen politischen Kultur, in der Kämpfe zwar heftig sein können, man sich aber nach dem Kampf wieder findet. Eine politische Kultur, die uns deutlich von unseren «sprachlichen Mutterländern» Deutschland, Frankreich oder Italien unterscheidet. Tragen wir Sorge dazu!
Abschliessend möchte ich Ihnen, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, allen von Herzen eine schöne 1.-August-Feier wünschen.
Vive la Suisse! Viva la Svizra! Es lebe die Schweiz! Viva la Svizzera!
Der Text erschien ursprünglich bei «Le Temps», Übersetzung und Publikation nach Absprache mit dem Autor.

