Das älteste und musikalisch erfolgreichste Festival der Unterhaltungsmusik ist – nein, nicht der Eurovision Song Contest (ESC). Sondern, wie immer mehr Leute wissen: das Sanremo-Festival, mit vollem Wortlaut: Festival della Canzone Italiana di Sanremo, das dieses Jahr seine 75. Auflage erlebte. Und dem ESC später als Vorbild diente. Elf bis vierzehn Millionen Italienerinnen und Italiener hingen anfangs Februar an fünf langen Abenden und Nächten an den Fernsehschirmen. Und haben davor mindestens so laut gesungen wie die Sängerinnen und Sänger (und alle anderen) im Theater Ariston an der ligurischen Blumenrivieria.
Denn Sanremo ist die Geburtsstätte unzähliger Welthits (was der ESC nicht unbedingt von sich behaupten kann): Es begann mit Modugnos unsterblich-unausrottbare „Nel blu dipinto del blu“ («Volare»), ging weiter mit Gigliola Cinquetti («Non ho l’eta»), Lucio Dalla («Piazza Grande», Ramazzotti («Adesso tu») bis zur Gruppe Maneskin, die mit ihrem Song «Zitti e buoni» 2021 nicht nur Sanremo, sondern anschliessend auch den ESC gewann. Und das ist nur eine höchst rudimentäre Aufzählung.
Versucht doch mal, Nemos «The Code» mitzusingen!
Denn trotz legendärer Auftritte wie der in diesem Jahr von Papst Franziskus eingespielten Lobrede über die friedensstiftende Wirkung der Musik oder einem Bühnenauftritt von Oscar-Preisträger Roberto Benigni auf einem Schimmel steht in Sanremo das wichtigste kulturelle Lebenselixier der Italiener im Mittelpunkt: der Gesang, die Melodie, der Text, kurz: die Canzone. Total authentisch: Erlaubt sind nur italienische Liedtexte (mit Ausnahme von Dialekteinsprengseln), begleitet von akustischen Instrumenten, und in aller Regel so nachsingbar, dass sie den italienischen Sommer am Strand und in der Bar bestimmen. Denn Canzoni werden nicht nur gehört, sondern gesungen! Nicht einmal, sondern überall und immer wieder! Das versuche einer mal mit den Siegertiteln des ESC, beispielsweise mit dem Tite «The Code» von Nemo, dem Schweizer ESC-Sieger vom letzten Jahr!
Nein, die Einheitssprache einfallsloser Sängerinnen und Sänger, die ihre eigene Sprache verleugnen – das Englische – hat in Sanremo auch nach 75 Jahren nichts verloren. Das italienische Publikum dankt mit sensationellen Einschaltquoten von bis zu 70 Prozent – und singt mit!


