Kritische Analyse

Wohlstand dank Personen­freizügigkeit? Economie­suisse irrt

Volle Züge, mehr Stau, höhere Wohnungspreise: Die Personenfreizügigkeit ist eine Belastung für die Lebensqualität. Economiesuisse sieht das anders. Bild: Keystone
Volle Züge, mehr Stau, höhere Wohnungspreise: Die Personenfreizügigkeit ist eine Belastung für die Lebensqualität. Economiesuisse sieht das anders. Bild: Keystone

Die Fakten: Economiesuisse argumentiert in einem Blogbeitrag, dass die Personenfreizügigkeit das BIP pro Kopf steigere und die Lebensqualität verbessere. Eine genaue Betrachtung zeigt jedoch ein differenzierteres Bild.
 

Warum das wichtig ist: Die Debatte um die Personenfreizügigkeit prägt die Zukunft der Schweiz in Bezug auf Wirtschaft, Umwelt, Infrastruktur und demografische Struktur. Eine ausgewogene Analyse ist entscheidend für fundierte politische Entscheidungen und die langfristige Entwicklung des Landes.

Das schreibt Economiesuisse:

«Die angeblich schlechte Produktivitätsentwicklung in der Schweiz ist ein Märchen. [...] Seit Unterzeichnung der Bilateralen I im Jahr 1999 ist das reale (inflationsbereinigte) BIP pro Kopf in der Schweiz um 25 Prozent gewachsen. In absoluten Zahlen ist die Bevölkerung pro Kopf im Durchschnitt um 18'123 USD reicher geworden. Diese Wohlstandszunahme ist fast doppelt so hoch wie in Deutschland und beinahe drei Mal so hoch wie in Frankreich.»
 

Falsch. Das Bruttoinlandprodukt (BIP) der Schweiz ist von 505’210 Millionen Franken im Jahr 2000 (in 2020 Franken) auf 696’620 Millionen Franken im Jahr 2020 angestiegen, was einer Zunahme des BIP pro Kopf von rund 15 Prozent entspricht – von 70’324 Franken (in 2020 Franken) auf 80’645 Franken.
 

In Deutschland wuchs die Bevölkerung von 82,26 Millionen im Jahr 2000 um ein Prozent auf 83,15 Millionen Einwohner im Jahr 2020. Das BIP in Deutschland stieg von 2’839,3 Mrd. Euro im Jahr 2000 (in 2020 Euro) auf 3’449,6 Mrd. Euro im Jahr 2020.
 

  • Pro Kopf bedeutet dies ein Wachstum von inflationsbereinigt 34’516 Euro im Jahr 2000 auf 41’481 Euro im Jahr 2020 – ein Plus von rund 20 Prozent.
     
  • Damit wächst das BIP pro Kopf in Deutschland prozentual stärker als die deutsche Bevölkerung.
     

Die deutsche Wirtschaft wächst also um ein Vielfaches effizienter als die schweizerische. Sie wächst dank Produktivitätssteigerungen, während die Schweiz an Produktivität verliert. Die Schweiz wächst in die Breite.

«Das Jahr 2023 als Grundlage für längerfristige Aussagen heranzuziehen ist unredlich. Denn würde man die Ukraine-Flüchtlinge mit Schutzstatus-S ausklammern, hätte das reale BIP pro Kopf auch 2023 zugenommen.»
 

Falsch. Am 31. Dezember 2023 wies die Schweiz eine ständige Wohnbevölkerung von etwas mehr als 8’960’800 Personen und ein BIP von 795,3 Milliarden Schweizer Franken auf, was einem BIP pro Kopf von rund 88’753 Franken und einem Rückgang von -0,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht.
 

 

«Ohne die dringend benötigten Arbeitskräfte aus dem EU-Raum drohen Firmenwegzüge, ein Verlust von Steuereinnahmen, weniger Innovation, eine schlechtere Versorgung und ein abnehmendes Serviceniveau.»
 

Falsch. Der Adecco Group Swiss Job Market Index misst die Zahl der öffentlich ausgeschriebenen Stellen in der Schweiz. Zwischen 2003 und 2023 hat sich die Zahl der offenen Stellen verfünffacht. Und dies, obwohl die Bevölkerung in der Schweiz wegen der Personenfreizügigkeit um 1,5 Millionen gewachsen ist und sich die Zahl der Grenzgänger mehr als verdoppelt hat (+223’000). Die Personenfreizügigkeit stützt zwar das Wirtschaftswachstum, schafft aber auch zusätzlichen Bedarf an Dienstleistungen und Infrastruktur, was wiederum neue Arbeitskräfte erfordert.
 

  • Da viele dieser Arbeitsplätze spezialisierte Fachkräfte benötigen, müssen diese häufig aus dem Ausland rekrutiert werden.
     
  • So entsteht ein sich selbst verstärkender Kreislauf: Mehr Zuwanderung bedeutet mehr Bedarf an Arbeitskräften, was wiederum weitere Zuwanderung erforderlich macht.
     
  • Das Resultat: Die Schweiz wächst in die Breite, statt effizient zu wachsen. Sie wächst ohne Produktivitätssteigerung.

«Ohne Arbeitskräftezuwanderung gerät übrigens auch die AHV schneller und stärker in Schieflage.»
 

Falsch. Die Bevölkerung wächst durch die Personenfreizügigkeit, aber die demographische Struktur ändert sich dadurch nicht grundlegend: Die Zuwanderung aus der EU führt zu einer breiteren Bevölkerungsstruktur, löst aber das Problem der Überalterung nicht. Viele ausländische Arbeitskräfte verlassen die Schweiz im Rentenalter und fallen damit aus der Bevölkerungsstatistik. Sie bleiben finanzielle Nutzniesser der AHV, werden aber in demographischen Analysen oft vergessen. Bezieht man sie in die Bevölkerungspyramide mit ein, wird deutlich, dass die «Zwiebelform» der Altersverteilung erhalten bleibt:
 

  • Es gibt weniger junge Menschen und eine starke Erwerbsbevölkerung im mittleren Alter.
     
  • Wie beim Fachkräftemangel gilt auch hier: Es braucht immer mehr Zuwanderung, um die bereits Zugewanderten (und wieder Abgewanderten) zu finanzieren.
     
  • Dies zeigt die Bevölkerungspyramide der Schweiz für das Jahr 2020 unter Berücksichtigung der ausländischen Wohnbevölkerung und der AHV-Bezüger im Ausland.
Demographie der Schweiz für das Jahr 2020 unter Berücksichtigung der ausländischen Wohnbevölkerung und der AHV-Bezüger im Ausland. Quelle: BFS. Grafik: Y. Güttinger
Demographie der Schweiz für das Jahr 2020 unter Berücksichtigung der ausländischen Wohnbevölkerung und der AHV-Bezüger im Ausland. Quelle: BFS. Grafik: Y. Güttinger

«Schweizer Bürgerinnen und Bürger wollen eine hohe Lebensqualität und einen hohen Wohlstand pro Kopf.»
 

Richtig. Mit dieser Aussage haben die Autoren von Economiesuisse recht. Was Rudolf Minsch, François Baur und Pascal Wüthrich aber nicht erwähnen: Sowohl der Pro-Kopf-Wohlstand (siehe oben) als auch die Lebensqualität leiden unter der Personenfreizügigkeit:
 


All diese Faktoren zeigen, dass die positiven Aspekte der Personenfreizügigkeit mit erheblichen Kosten für Umwelt und Lebensqualität verbunden sind.

Meine Einschätzung: Man fragt sich, wie Economiesuisse zu solchen falschen Zahlen kommen kann. Aus dem Artikel selbst geht nicht hervor, auf welche Berechnungen sich die Autoren stützen. Dass sie das Schweizer BIP pro Kopf in US-Dollar angeben, lässt vermuten, dass der Wechselkurs USD-CHF nicht berücksichtigt wurde. Wie ein solcher Fehler den drei Autoren mit hohen Posten bei Economiesuisse («Stv. Vorsitzender der Geschäftsleitung», «Head of European Affairs» und «Projektleiter Aussenwirtschaft») passieren konnte, ist ein Rätsel. Diese Replik hat versucht, alle Zahlen und Fakten so transparent wie möglich zu machen, alle Behauptungen sind mit Quellenangaben versehen. Sollte sich ein Fehler eingeschlichen haben, so ist es einfach, diesen aufzuzeigen.

Fehler gefunden? Jetzt melden.

Konversation wird geladen