Die Fakten: Der Sonderweg Europas begann schon im Reich Karls des Grossen. Die Geschichte einer Agrarrevolution.
Warum das wichtig ist: Wer sich fragt, warum der Westen so viel reicher und freier ist als der Rest der Welt, muss sich ums Roggenbrot kümmern.

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Die Fakten: Der Sonderweg Europas begann schon im Reich Karls des Grossen. Die Geschichte einer Agrarrevolution.
Warum das wichtig ist: Wer sich fragt, warum der Westen so viel reicher und freier ist als der Rest der Welt, muss sich ums Roggenbrot kümmern.
Wann haben Sie das letzte Mal Roggenbrot gegessen? Gott sei Dank führt die Migros dieses wunderbare, dunkle Brot neuerdings öfter im Angebot – ohne uns leider mitzuteilen, dass es ohne Roggenbrot wohl
- keine Migros gäbe
- keinen Wohlstand in der Schweiz
- keinen Aufstieg des Westens überhaupt
Diese Erkenntnis bezog ich in meinen Ferien aus einem gleichfalls wunderbaren Buch von Michael Mitterauer, einem österreichischen Sozial– und Wirtschaftshistoriker, der vor wenigen Jahren verstorben ist. «Warum Europa?» heisst das Buch und hier unternimmt es Mitterauer, den Sonderweg des Westens zu erklären. Auf eine originelle und beeindruckende Art und Weise zugleich:
- Alles (oder fast alles) fing mit einer Agrarrevolution im Reich der Franken an, zwischen dem 5. und 8. Jahrhundert, also vor gut 1200 Jahren
- Damals breitete sich im Nordwesten Europas der Roggen und der Hafer aus
Und bald entstand hier – zwischen Seine und Rhein, zwischen Alpen und Nordsee – ein neuer Kern Europas, der das bis heute geblieben ist. Es war eine historische Wachablösung, die sich über Jahrhunderte erstreckte.
Selbstverständlich war das nicht.
Wenn es je einen Aufstieg einer Provinz gab, dann diesen: 1000 Jahre lang hatte sich alles, was im Westen von Belang war, im Mittelmeerraum zugetragen. Zuerst erfanden die Griechen die westliche Kunst, Architektur, Wissenschaft, Philosophie und Literatur, dann tauchten die Römer auf, schlugen alles kurz und klein und schufen das mächtigste und brutalste Reich der Weltgeschichte. Am Ende wurden sie gar milde Christen, die von Nächstenliebe redeten, nachdem sie Hunderte von Völkern massakriert hatten. Wokeness in der Antike.

Was sich zur gleichen Zeit auf der nördlichen Seite der Alpen abspielte, kümmerte in Rom kaum jemanden, es sei denn, man musste wieder einmal Truppen schicken, um ein paar Gallier und Germanen zur Räson zu bringen
Irgendwann reichte das nicht mehr. Und das Imperium zerfiel. Davon zogen viele Germanen Nutzen, die fähigsten unter ihnen waren wohl die Franken, die sich ab dem 5. Jahrhundert zwischen Rhein und Seine ansiedelten – um die dortigen, längst zu Römern gewordenen Gallier zu unterwerfen.
Ob die Franken den Roggenanbau mitgebracht hatten, ist offen, sicher verbanden sie ihn aber mit der Vieh– und Pferdezucht, was unter den Römern wenig üblich war.
Warum Roggenbrot?
- Roggen ist ein Getreide, das in kühlem, nassen Klima gut gedeiht, es ist anspruchslos und erträgt strenge Winter genauso gut wie heisse Sommer, kurz: ideal für den Nordwesten von Europa, wo es regnet und stürmt
- Dabei wächst der Roggen auch auf neuen Böden rasch und leicht, was damals im Gegensatz zum Weizen ein Vorzug war. Noch wurden im Norden Europas riesige Gebiete laufend durch Rodung von Wald gewonnen. Der deutsche Wald fiel
- Roggen lässt sich zudem ausgezeichnet zu Brot verbacken. Hatten die Römer das Getreide oft noch als Brei gegessen – seltener als Brot, setzte sich nun das gebackene Brot als wichtigstes Lebensmittel durch. Zumal es viel länger haltbar war – was ebenfalls einen Vorteil in kühleren Breitengraden bedeutete
Wenn man in der Forschung von einer Agrarrevolution des frühen Mittelalters spricht, dann aber nicht einzig wegen des Siegeszugs des Roggens. Bedeutende, historische Innovationen kamen damit einher:
- Man entwickelte den schweren Pflug, der es erlaubte, die Böden intensiver und tiefer zu bearbeiten. Das kam den Wurzeln des Roggens entgegen. Ebenso half es den Bauern, die schweren, feuchten Böden des Nordens zu erschliessen
- Der schwere Pflug erforderte Zugtiere – Pferde, die konnten das am besten, aber auch Ochsen. Neu hielt man jetzt auf jedem Bauernhof eine Menge von Tieren – während die Römer für den Getreideanbau noch Sklavenvorgezogen hatten. Bald verschwand die Sklaverei für immer aus der europäischen Landwirtschaft
- Pferde benötigten Futter – so kam neben dem Roggen der Hafer auf
Schliesslich erfanden vermutlich die Alemannen, also die Proto-Schweizer, ein geniales System des Fruchtwechsels, das die Franken adaptierten: Die Dreifelderwirtschaft.
- Sie bestand darin, dass man die Nutzung eines Feldes ständig wechselte
Auf einem Feld wurde im Winter der Roggen (oder auch Weizen) angepflanzt, auf dem anderen im Sommer der Hafer (oder Gerste), dann wieder umgekehrt, während ein Feld man stets als Brache unbebaut, damit es sich erholte. Hier weideten dann die Tiere – und düngten dabei die Böden, bis sie wieder mit Getreide bebaut wurden
Mit der Dreifelderwirtschaft konnten die Erträge markant gesteigert werden, womit der Nahrungsspielraum der Menschen wesentlich erweitert wurde. Mit anderen Worten, das war eine viel modernere, produktivere Landwirtschaft, als was bisher in der Antike und am Mittelmeer betrieben worden war. Wenn wir uns fragen, warum der Nordwesten bald zu einem der reichsten und urbansten Gebiete Europas aufstieg, dann liegt es daran.
- Keine Innovation dieser frühmittelalterlichen Agrarrevolution war allerdings folgenreicher als die Wassermühle
- Sie wurde wichtig, um den Roggen zu mahlen, damit man das nahrhafte, dunkle Roggenbrot bekam, das heute noch uns Kunden in der Migros (oder im Coop) erfreut
Ohne Wassermühle keine Industrialisierung, keine Demokratie – und wahrscheinlich auch keine Street Parade, wie sie dieses Wochenende in Zürich stattgefunden hat, diesem Festival des europäischen Super-Individualismus.
Eine Geschichte, die ich im nächsten Memo erzähle.
Oder um es mit Niklaus von der Flüe zu sagen, dem grossen Schweizer Heiligen:
«In jedem Brot ist die Gnade des allmächtigen Gottes verborgen».
Ich wünsche Ihnen einen schwungvollen Wochenbeginn
Markus Somm
Wer es genauer wissen will:
- Michael Mitterauer, Warum Europa? Mittelalterliche Grundlagen eines Sonderwegs, C.H. Beck, München 2009.
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