Die Fakten: Neuerdings müssen in der EU Plastikflaschen einen Verschluss aufweisen, den man nicht mehr wegbringt.
Warum das wichtig ist: Die Umstellung kostet Milliarden, der Nutzen für die Umwelt ist gering, die EU, wie sie leibt und lebt.
Gewiss, wir werden uns daran gewöhnen – und ich gebe zu, zuerst habe ich gar nicht gemerkt, warum ich den Deckel von der San Pellegrino-Flasche nicht mehr abschrauben kann.
- Ich suchte den Fehler bei mir – ich zog, ich riss, ich fluchte, am Ende biss ich ihn ab, und meinte immer noch, nur diese eine Flasche habe einen besonders hartnäckigen Verschluss
- Erst nach einigen Tagen wurde mir bewusst, dass hier ein Muster vorlag. Jede Flasche besass diesen verdammten Deckel
Wenn ich allerdings von Anfang an gewusst hätte, dass die EU dahintersteckte: Vermutlich hätte mich das beruhigt – zumal ich von der EU wenig Intelligentes erwarte. So schimpfte ich stattdessen über Nestlé, den Eigentümer von San Pellegrino, und erwog (ganz kurz), meine Aktien zu verkaufen.
Dabei war Nestlé gar nicht schuld. Nicht der Kapitalismus hatte uns ins Elend geführt, sondern die Bürokratie der EU. Sind wir überrascht?
Es handelt sich vielleicht um eine der groteskesten Massnahmen unter den vielen grotesken Massnahmen, die sich Politiker und deren Beamten in Brüssel ausdenken. Wer sich fragt, warum die Amerikaner uns Europäer in den vergangenen Jahren abgehängt haben, was Innovation, was Wachstum, was unternehmerischen Biss anbelangt, der sollte sich diesen Deckel gut anschauen.
- Er steht für den Untergang des Abendlandes
(OK, wir überleben den Deckel, das war jetzt zu dramatisch formuliert).
Bestimmt sind die Zahlen aber dramatisch:
- Die Umstellung kostet die Industrie zwischen 2,7 und 8,7 Milliarden Euro – gemäss einer Studie der Beratungsgesellschaft PriceWaterhouseCoopers aus dem Jahr 2018
- So musste etwa die Schweizer Firma Corvaglia, der weltgrösste Produzent von Plastikdeckeln, 10 Millionen Franken investieren, um ihre Anlagen umzurüsten
10 Millionen für eine einzige Regulierung. Wenn die EU einmal ihre teuersten Beamten auszeichnen möchte: Hier wären Kandidaten.

Nun würden wir uns ja weniger beklagen und mit Begeisterung den Deckel umlegen, wenn diese Milliarden ihr Ziel erreichten: Wer findet denn gut, dass unsere Meere bald mehr Plastik aufweisen als Plankton?
Wie so oft, gehen die mustergültigen Europäer voran, während der Rest der Welt mit Bewunderung zusieht, wie wir es schaffen, uns in die Knie zu schiessen, ohne irgendwelchen Schmerz zu zeigen. Dazu ein paar Fakten:
- In Deutschland werden die PET-Flaschen, um die es ja in erster Linie geht, schon zu 85 bis 91 Prozent mit dem Deckel zurückgegeben – bevor die EU eingriff
- Hinzu kommt, dass der Europäer keinen Kunststoff pflichtbewusster rezykliert als PET-Flaschen. Der neue Deckel dürfte sehr wenig ausrichten, wenn es darum geht, unsere Umweltbilanz zu verbessern
Plastikabfall ist unschön, aber der grösste Teil wird in Europa ordnungsgemäss entsorgt oder vernichtet (Zahlen für 2014):
- 39 Prozent wird verbrannt
- 31 Prozent endet auf Deponien
- 30 Prozent wird rezykliert
Wer sich fragt, warum nicht mehr rezykliert wird, dem sei gesagt: Kunststoff zu rezyklieren braucht in der Regel mehr Energie als neuen Plastik herzustellen. Von den Kosten wollen wir gar nicht reden.
Wem am Klima etwas gelegen ist, kann Recycling von Kunststoff eigentlich nicht mit gutem Gewissen vertreten (es sei denn, er setzt sich dafür ein, dass 100 Prozent des europäischen Energiebedarfs durch Atomkraftwerke gedeckt werden).
Es kommt noch besser. Oft hört man das Argument, wir müssten unseren Plastikverbrauch reduzieren, um die Meere zu retten. Tatsächlich hat die Verschmutzung durch Plastik in den vergangenen Jahren zugenommen.

Doch woher stammt dieser Plastik?
- Vier Schwellenländer allein produzieren die Hälfte des Plastikabfalls, der in die Meere gelangt
- China, Indonesien, die Philippinen und Vietnam
Kurz, was immer wir mit unseren San Pellegrino-Deckeln tun, den Fischen und Schildkröten, die oft am Plastik verenden, weil sie es essen, ist das einerlei. Sie hoffen eher auf die Einsicht der Chinesen.
Viel Glück.
Übrigens ist der Deckel nicht das erste Stück aus Kunststoff, dem der Westen den Kampf angesagt hat. Vorher waren die Plastik-Röhrli dran – und innert kurzer Zeit brachten es die Umweltschützer fertig, dass die Leute sich dafür schämten, als hätten sie die eigene Grossmutter mit einem Röhrli erschlagen.
Inzwischen gibt es keine Plastik-Röhrli mehr im Restaurant.
Was für ein Erfolg.
- 9 Millionen Tonnen Plastik gelangen jedes Jahr in die Weltmeere
- Davon stammte 0,03 Prozent aus Röhrli
Und das, bevor das Röhrli im Westen faktisch verboten worden war.
Was für ein Erfolg.
Morgen nehmen wir uns vor, das Meer mit dem Löffel auszulöffeln.
Ich wünsche Ihnen ein geruhsames Wochenende
Markus Somm
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