Somms Memo

Wie ein Solothurner zum Sklaven in Algier wurde.

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03.07.2024
Sklavenhandel im Mittelmeer. Bild: Wikimedia
Sklavenhandel im Mittelmeer. Bild: Wikimedia

Die Fakten: Mehr als eine Million Europäer wurden vom 16. bis Anfang des 19. Jahrhunderts von muslimischen Seeräubern versklavt. Die Geschichte eines Solothurners.
 
Warum das wichtig ist: Sklaverei ist ein Verbrechen. Aber kein westliches. Es ist Zeit, eine Geschichtsschreibung zu überwinden, die nur den Westen als Sündenbock ansieht.
 

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Am 9. Oktober 1732 lag ein kleines Schiff in einer Bucht von Katalonien an der spanischen Küste. Da es nur wenig Wind gab, bewegte man sich kaum und wartete deshalb auf den Abend, in der Hoffnung, es komme dann mehr Wind auf, um so die Reise fortzusetzen.
 
Das Schiff gehörte Pierre Gautier, einem Franzosen, der als Kapitän auch an Bord war, und es segelte unter französischer Flagge. Offiziell hatte man sich nach Gibraltar aufgemacht, tatsächlich war Oran das Ziel, eine Stadt in Nordafrika, die erst vor kurzem von den Spaniern erobert worden war. Alles, was das Schiff geladen hatte, war für die Spanier bestimmt: Kalk, Ziegel, Bretter, alles Dinge, die wohl zum Ausbau der Verteidigungsanlagen hätten dienen sollen, zumal der vorherige Besitzer von Oran, der Dey von Algier, nicht daran dachte, es aufzugeben. Er sann auf Rache.

Mit Kapitän Gautier befanden sich nur wenige Leute auf der Barke: ein Maurermeister, zwei Matrosen, zwei Schiffsjungen im Alter von zwölf bzw. neun Jahren, sowie ein junger Offizier, knapp über dreissig, und dessen Diener. Der Offizier hiess Lorenz Arregger und kam aus Solothurn. 

  • Er war Hauptmann in spanischen Diensten
     
  • Sein Regiment war vor kurzem nach Oran beordert worden, um die Stadt zu sichern. Dorthin hatte man auch ihn befohlen

 
Gegen Mittag bemerkte die Mannschaft, wie ein wesentlich grösseres Schiff in die Nähe kam, um dann wieder abzuziehen. Nichts Besonderes. Bis es kurz vor Sonnenuntergang plötzlich wieder auftauchte, als man gerade das Abendessen einnahm. Ohne Vorwarnung, ohne abzudrehen, preschte es geradewegs auf die kleine Barke zu, um es wie eine Beute zu umsegeln, so dass Gautier und seine Matrosen sofort wussten, was los war: Piraten.
 
An Widerstand war nicht zu denken. Die Piraten kamen mit 150 Mann und etlichen Kanonen, die Barke wies keine auf, und die Mannschaft bestand aus sechs Leuten, die alt genug waren, um zu schiessen. Man ergab sich.

  • Wer damals das Mittelmeer befuhr, musste immer damit rechnen, dass er von Seeräubern überfallen wurde
     
  • Die meisten dieser Piraten stammten aus Nordafrika, von der sogenannten Barbarei-Küste, wo heute Algerien, Tunesien, Libyen und Marokko liegen
     
  • Die Piraten waren Muslime, und ihr Kerngeschäft bestand darin, Christen einzufangen und in die Sklaverei zu verkaufen. Sie belieferten die Sklavenmärkte von Algier, Kreta oder Konstantinopel, dem grössten der damaligen Welt


Dabei erwiesen sie sich als so geschäftstüchtig, dass sie bald eigene Piraten-Staaten gründeten: Algier, Tunis und Tripolis. Wenn diese Provinzen formell auch dem Sultan des Osmanischen Reiches unterstanden, so waren sie faktisch autonom.

  • Autonome Sklavenstaaten,
     
  • zumal sie von fast nichts anderem lebten als von der Sklavenjagd

Das sollte Arregger bald selber herausfinden. Als die Piraten die Barke enterten, sei er noch ruhig geblieben, schrieb er in einem Bericht, den er Jahre später verfassen sollte. Fast unbeteiligt schaute er zu, wie der Kapitän aufs andere Schiff abgeführt wurde, und die Matrosen ängstlich auf ihn warteten. Ihm, so dachte er, könne ja nichts passieren. Schliesslich fuhr er unter dem Schutz der französischen Flagge, und seine Papiere verrieten nicht, dass er als spanischer Offizier nach Oran unterwegs war. 

  • Zu jener Zeit pflegte Frankreich freundschaftliche Beziehungen zum Sultan des Osmanischen Reiches, dem der Dey von Algier als Vizekönig unterstellt war

 
Doch der wollte davon nichts wissen. Arregger wurde nach Algier verfrachtet, wo ihm der Dey in einer ersten Audienz (der französische Konsul war dabei) eröffnete, dass er ab jetzt ein Sklave des Staates sei. Wie das Tausenden von Europäern zu jener Zeit genauso widerfahren war.
 
Dabei hatte Arregger zunächst Glück im Unglück. Im Gegensatz zu den Matrosen der Barke, den Schiffsjungen oder dem Maurermeister, die sofort auf den Sklavenmarkt geworfen und dort verkauft wurden, ohne dass später bekannt worden wäre, was mit ihnen geschehen war, kam der Solothurner zu christlichen Ordensbrüdern, die ihn als gefangenen Gast aufnahmen. 
 
Denn der Dey hielt Arregger für einen sehr bedeutenden Mann, für den er bei den Franzosen oder Spaniern oder dessen Familie ein stattliches Lösegeld herauszuschlagen hoffte, zumal dies Teil seines Business Models war.
 
Es war das Geschäftsmodell aller drei sogenannten Barbaresken-Staaten, die Mitte des 16. Jahrhunderts aufgekommen waren und bis Anfang des 19. Jahrhunderts bestanden – bis Frankreich 1830 Algerien besetzte und damit der Sklaverei im Mittelmeer ein Ende bereitete. So gesehen darf man dem französischen Kolonialismus in Nordafrika durchaus auch Verdienste zusprechen.

Das Geschäft ging so:

  • Die Muslime jagten Christen – und zwar deshalb, weil ihnen der Koran untersagte, andere Muslime zu versklaven (wie es den Christen verboten war, Christen als Sklaven zu halten, worum sie sich dann in Amerika jedoch nicht kümmerten).

    Ein Achtel einer Prise (wie man die Beute zur See nennt) stand dem Dey zu. Die Sklavenjagd war mit anderen Worten ein legales Geschäft unter staatlicher Beteiligung
     
  • Die neu gewonnenen Sklaven setzten die Piraten überall im Osmanischen Reich ab, während der Dey sie meistens selbst nutzte, um öffentliche Bauten, wie Strassen, Häfen oder Festungen zu erstellen. Diese Staatssklaven wurden sehr übel behandelt, wie Arregger schliesslich selbst erfahren musste. Übler erging es nur jenen, die als Ruderer auf die Galeeren kamen
     
  • Wenn sich allerdings herausstellte, dass sich unter den Gefangenen eine reiche oder mächtige Person befand, dann wurde versucht, ein Lösegeld einzutreiben, zum Teil handelte es sich um brutal hohe Preise, doch das Schicksal eines Europäers in Algier war auch so brutal, dass dessen Verwandte oft zu allem bereit waren

Der amerikanische Historiker Robert C. Davis hat eine aufwendige und präzise Recherche vorgenommen, um die Zahl der Menschen zu berechnen, die insgesamt von den Barbaresken-Staaten versklavt worden waren, solange diese existiert hatten: 

  • Er kommt auf 1 bis 1,25 Millionen Europäer
     
  • Man spricht von der sogenannten White Slavery, der weissen Sklaverei
     

Es handelt sich um ein Phänomen, das wohl den meisten Zeitgenossen nicht bekannt ist. Morgen erfahren Sie, wie es unserem Solothurner Lorenz Arregger weiter ergangen ist. Als Cliffhanger nur so viel: Er sollte sechs Jahre als Sklave in Algier bleiben.


Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Tag

Markus Somm

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