Klimawandel

Björn Lomborg: «Wir müssen die Klimaprobleme mit Innovation lösen»

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24.06.2024
Klimapolitik kostet Billionen: Björn Lomborg bei seinem Auftritt in Zürich. Bild: Alex Reichmuth
Klimapolitik kostet Billionen: Björn Lomborg bei seinem Auftritt in Zürich. Bild: Alex Reichmuth

Die Fakten: Statt Verzicht zu predigen, gilt es, den Klimawandel mit technologischem Fortschritt zu bekämpfen. Das ist die wichtigste Botschaft, die der dänische Statistikprofessor Björn Lomborg den Zuhörern an einem Anlass in Zürich  vermittelte.

Warum das wichtig ist: Björn Lomborg gilt als einer der scharfsinnigsten Denker, was Klimapolitik angeht. Das amerikanische Magazin «Time» hat ihn einst als eine der hundert einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt bezeichnet. Lomborgs Standpunkte weichen vom Mainstream ab und sorgen weltweit für Aufmerksamkeit. 

  • An einem Anlass der Zeitschrift «Schweizer Monat» hat der Politologe und Buchautor seine Sichtweisen dem Publikum dargelegt. 

  • Der «Nebelspalter» war dabei.

Björn Lomborgs Standpunkte zu Klimawandel und Klimapolitik: Im Folgenden sind Lomborgs Äusserungen zu einigen zentralen Aspekten wiedergegeben:

Das Problem der Hitzetoten: 

  • Der Klimawandel führt zwar tendenziell zu mehr Hitzetoten. Doch Menschen sterben nicht nur wegen Hitze, sondern auch wegen Kälte.

  • Kälte fordert ungleich mehr Todesopfer als Hitze – auch in der Schweiz

  • Wegen der Erderwärmung geht die Zahl der Kälteopfer viel schneller zurück, als die Zahl der Hitzeopfer zunimmt.

  • Gemäss einer Lancet-Studie starben 2016 weltweit rund 116’000 Menschen mehr wegen Hitze als im Jahr 2000. Gleichzeitig ging die Zahl der Kältetoten aber um 283’000 zurück. Unter dem Strich konnten wegen des Klimawandels somit 167’000 Todesopfer vermieden werden.

  • Von dieser Entwicklung hört man in den Medien aber fast nichts. 

Todesopfer wegen Extremwetter:

  • Die Zahl der Todesfälle wegen Unwetter, Überschwemmungen, Dürren und anderer klimatisch bedingter Ereignisse hat in den letzten hundert Jahren enorm abgenommen.

  • Verzeichnete man in den 1920er-Jahren weltweit noch rund 500’000 entsprechende Todesopfer pro Jahr, sind es heute im Schnitt nur noch 15’000 –  und das, obwohl sich die Zahl der Menschen gleichzeitig vervielfacht hat.

  • Das individuelle Risiko, wegen eines Extremwetterereignisses ums Leben zu kommen, ist darum um 99 Prozent gesunken.

  • Das liegt daran, dass sich die Menschen immer besser vor Unwettern und Dürren schützen können.

  • Es ist möglich, dass die Zahl der Toten wegen Extremwetterereignissen ohne Klimawandel noch etwas stärker zurückgegangen wäre. 

  • Aber die in den Medien verbreitete Botschaft, wonach wir mit einem «Tsunami des Todes» konfrontiert seien, stimmt nicht.

Die Kosten des Netto-Null-Ziels:

  • Es gibt wenig zuverlässige Berechnungen, was die Erreichung des Netto-Null-Ziel bis 2050 kostet. Klar ist, dass Klimapolitik zu Buche schlägt, und das nicht zu knapp.

  • Gemäss Schätzungen könnten sich die Kosten insgesamt auf 500 bis 2000 Billionen Dollar belaufen. Pro Person wären das pro Jahr mindestens 14’000 Franken.

  • Die Kosten für das Netto-Null-Ziel übersteigen den Nutzen um rund das Siebenfache.

  • Damit ist klar, dass es keine gute Politik ist, das Netto-Null-Ziel bis 2050 anzustreben – abgesehen davon, kann diese Politik auch niemals durchgesetzt werden.

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«Das Urteil zu den Klimaseniorinnen ist ein schrecklicher Entscheid»: Björn Lomborg: Bild: ZVg

Die Bilanz der Atomenergie:

  • Kernkraft ist eine der sichersten Energiequellen. Sie ist viel besser als die Kohlekraft, die wegen der Luftverschmutzung unzählige Menschen tötet.

  • Im Gegensatz zu Wind und Sonne liefern Kernkraftwerke zuverlässig fliessenden Strom.

  • Das Problem ist aber, dass die Atomkraft so restriktiv reguliert ist, dass sie kaum mehr wettbewerbsfähig ist. Es ist politisch sehr schwierig, diese Regulierung auf ein vernünftiges Mass zu beschränken.

  • Es macht Sinn, eine nächste, vierte Generation von Atomkraftwerken zu entwickeln, die noch viel sicherer und auch günstiger ist. Hier sollte man im grossen Stil investieren.

Die Gefahr von Kipppunkten beim Klima:

  • Es gibt ein gewisses Risiko, dass das Klima sogenannte Kipppunkte überschreitet und es zu grossen Zerstörungen kommt. 

  • Es ist darum sinnvoll, mögliche Kipppunkte bei den Kosten-Nutzen-Rechnungen zur Klimapolitik einzubeziehen. Das verändert diese Rechnungen aber nicht grundlegend: Die Kosten bleiben um ein Vielfaches höher als der Nutzen.

  • Grundsätzlich ist es eine gesellschaftliche Frage, wie viel Geld man ausgeben will, um sich auf potentiell verheerende Risiken mit kleiner Eintrittswahrscheinlichkeit vorzubereiten. Man könnte zum Beispiel auch enorme Summen ausgeben, um den Einschlag von Meteoriten zu verhindern. 

  • Die Gesellschaft muss zwangsläufig eine Abwägung vornehmen, wie weit sie fatale, aber unwahrscheinliche Risiken berücksichtigen will. Will man 99-prozentige Sicherheit – oder gar 99,99-prozentige Sicherheit? Das gilt auch für Risiken wie Kipppunkte.

Das Urteil des Gerichtshofs für Menschenrechte in Sachen Klimaseniorinnen:

  • Das ist ein schrecklicher Entscheid. Es ist nicht Aufgabe eines Gerichts zu entscheiden, was die richtige politische Reaktion auf den Klimawandel ist.

  • Zudem ist es unsinnig, mit dem Röhrenblick auf nur ein Risiko zu achten, und daraus Massnahmen abzuleiten

  • Zum Vergleich: Der Verkehr fordert in Europa jedes Jahr Zehntausende Todesopfer. Diese wären einfach zu vermeiden, wenn man die Geschwindigkeit auf fünf Kilometer pro Stunde begrenzen würde. Trotzdem ist eine solche Begrenzung kein Thema, weil ein vernünftig fliessender Verkehr einen grossen gesellschaftlichen Nutzen hat. Von daher muss politisch ausgehandelt werden, welche negativen Folgen man akzeptieren will und welche Geschwindigkeitsbegrenzung folglich gelten soll.

  • Wenn jetzt jemand, der ein Kind bei einem Unfall verloren hat, an eine Gericht gelangt und eine Begrenzung der Geschwindigkeit auf fünf Kilometer pro Stunde verlangt, dann wäre es keine gute Entscheidung der Richter, diese Forderung gutzuheissen, weil es damit sämtliche anderen Aspekte des Verkehrs ausser Acht lassen würde.

  • Genauso ist es bei der Klimapolitik: Wenn der EGMR strenge Massnahmen fordert, nur weil ältere Frauen möglicherweise unter Hitze leiden, missachtet er alle anderen Gesichtspunkte einer entsprechenden Politik. 

 Wie soll man auf den Klimawandel reagieren?

  • Wenn man den Klimawandel direkt bekämpfen will, ist es die beste Massnahme, eine CO₂-Steuer einzuführen. Sie müsste allerdings weltweit gelten, was sehr schwierig durchzusetzen ist.

  • Grundsätzlich wird es kaum funktionieren, den Leuten Verzicht zu predigen. Sie werden die Aufforderung, quasi ärmer zu werden, kaum befolgen.,

  • Viel sinnvoller ist es darum, Innovation zu fördern. Denn nur, wenn wir vorteilhafte Technologien gegen den Klimawandel haben, werden wir ans Ziel kommen.

  • Zum Vergleich: Mitte des letzten Jahrhunderts befürchtete man grosse Hungersnöte. Doch dann entwickelten Leute wie Norman Borlaug ertragreichere Sorten, und es kam zur sogenannten grünen Revolution in der Landwirtschaft. Innovation ist somit der Grund, dass die Menschen heute trotz Bevölkerungsexplosion mehr zu essen haben als früher.  

  • So muss es auch beim Problem Klimawandel gehen: Die Investitionen in Forschung und Innovation müssen darum massiv erhöht werden.

Zum Thema: Dreiteilige Serie zu Björn Lomborgs Buch «Best Things First»: siehe hier, hier und hier

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