Die Fakten: Joe Biden hielt gestern seine State-of-the-Union-Rede. Dabei nannte er seinen Gegner Donald Trump nie beim Namen.
Warum das wichtig ist: Wer polarisiert da wen? Es war eine aggressive, schwarze Rede. Ob sie Biden hilft? Zweifel sind erlaubt.
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Wer sich die Mühe genommen hat, die gut einstündige Rede zu schauen, dem dürften vor allem zwei Dinge aufgefallen sein:
- Joe Biden brüllte häufiger, als dass er redete. Als stünde er auf einem Bahnperron, wenn ein Schnellzug vorbeidonnert, schrie er, damit ihn auch der letzte, womöglich schwerhörige Bahnkunde verstand. Er gab sich verärgert, schlecht gelaunt, er blickte finster – er wirkte, als stünde er unter Drogen
- Und er machte keine Gefangenen: Kaum ein versöhnliches Wort über die Republikaner, selbst da, wo er auf ihre Unterstützung angewiesen wäre, nämlich in Sachen Ukraine, und natürlich nichts Nettes über Donald Trump, den Konkurrenten, den er zwar 13-mal erwähnte – aber ohne dessen Namen in den Mund zu nehmen. Er sprach bloss von seinem «Vorgänger», als handelte es sich um den Leibhaftigen, der die Menschen bald in die Hölle holt
Gewiss, Trump springt mit Biden genauso übel um, aber dafür war Trump immer berüchtigt, und manche Amerikaner wählten seinerzeit genau aus diesem Grund Biden: Weil sie sich einen anderen Ton erwünschten.
Inzwischen ist Biden einfach der schlechtere Trump, wenn auch weniger lustig.
In Amerika selbst kam die Rede so an, wie die Amerikaner sich selber fühlen: unterschiedlich.
- Das Wall Street Journal, Republikanisch, aber Trump-skeptisch, sprach von einer «parteiischen State-of-the-Disunion-Rede», einer Rede der Zwietracht, die nichts mit dem üblichen Ritual zu tun hatte, sondern ein Beitrag zum Wahlkampf war
- CNN dagegen, links und Biden-freundlich, schob, kaum war die Rede vorbei, eine Umfrage nach, die zeigte, dass 6 von 10 Zuschauern Bidens Auftritt als überzeugend empfunden hatten – was zutreffen mag. Republikaner dürften sich die Rede kaum angeschaut haben. Masochisten sind sie nicht alle
Offen bleibt, ob Biden damit Boden gut gemacht hat. Was dafür spricht:
- Er wirkte zwar aggressiv, aber auch lebendig. Wenn zur Zeit 6 von 10 Amerikanern seine mentale Gesundheit anzweifeln, wie eine Umfrage von AP neulich ergab, dann vermochte er dieses Urteil wohl zu relativieren. Es unterliefen ihm keine Versprecher, er las zwar vom Teleprompter ab, aber das bewältigte er tadellos
- Es war keine versöhnliche Rede, ohne Frage, aber eine solche war wohl auch nicht erwartet worden, und hätte ihm nichts gebracht. Es herrscht Wahlkrieg in Amerika, es gilt, die eigenen Truppen zu sammeln und für die Schlacht aufzuhetzen. Alles andere hätte geklungen wie eine Aufforderung zur Kapitulation
Zumal die Moral der Demokraten bereits in der Hölle angelangt ist.
- Kann es Biden noch –
- oder müssen wir ihn auswechseln?
Diese Frage beschäftigt mittlerweile so gut wie jeden Demokraten und alle Journalisten, die sich ihnen nahe fühlen, was für die meisten unter ihnen gilt, sofern sie in Mainstreammedien tätig sind.
Wenn sie ihre Zweifel an Biden überwinden möchten, dann helfen ihnen allerdings diese Medien wenig. Ausgerechnet in der New York Times, dem Leitblatt der Demokraten, erschien vor wenigen Tagen eine Umfrage, die Bidens Not unterstrich – ich habe sie diese Woche bereits einmal erwähnt.
- Demnach lag Trump fünf Prozentpunkte vor Biden: 48 versus 43

Was ich nicht erwähnt habe, sind die Resultate im Detail, insbesondere jene, die das mögliche Wahlverhalten der Minderheiten beschreiben: Für Biden sind sie katastrophal.
- Biden verliert die Schwarzen und die Hispanics
- Vor allen Dingen die Arbeiter unter ihnen
2020 gewann Biden gemäss New York Times 87 Prozent der schwarzen Wähler für sich, und 60 Prozent der Latinos, wogegen er bloss 46 Prozent der Weissen erreichte. Trump holte 49 Prozent der Weissen.
Trifft die jüngste Umfrage zu, die die New York Times gemeinsam mit dem Forschungsinstitut Siena vorgenommen hat, dann hat sich Epochales ereignet:
- Jetzt wollen nur noch 66 Prozent der Schwarze Biden wählen, eine Abnahme um 21 Punkte
- Und volle 23 Prozent würden sich für Trump entscheiden. Kaum ein Republikaner war bei den Schwarzen je derart beliebt

Noch düsterer sind Bidens Aussichten, wenn wir auf die Hispanics blicken. Hier führt Trump sogar:
- Bloss 40 Prozent der Latinos sprechen sich für Biden aus, ein Rückgang von 20 Punkten
- Wogegen Trump 46 Prozent der Latinos für sich gewinnt
Verkehrte Welt.
Wenn man bedenkt, dass die führenden Demokraten, das heisst: jene, die man in den Medien hört, sich immer radikaler äussern, wenn es darum geht, den realen oder vermeintlichen Rassismus in Amerika zurückzudrängen; wenn man sieht, wie sie Affirmative Action für Schwarze, eine politisch korrekte Sprache oder andere immer weitergehende anti-rassistische Massnahmen verlangen, dann kann man sich nur wundern, dass es bei jenen, für die sie das angeblich tun, offenbar nicht ankommt.
- Immer mehr Schwarze misstrauen den Versprechen der Demokraten unter Biden
Das ist natürlich bitter. Aber nicht ganz überraschend. Deshalb habe ich «angeblich» geschrieben. Ein Thema für ein nächstes Memo.
Vorläufig nur so viel: Vielleicht hülfe es, die Demokraten erinnerten sich an einer der grössten Anti-Rassisten aller Zeiten: Martin Luther King. Er sagte einmal:
«Wir müssen lernen, als Brüder zusammen zu leben, oder wir sterben gemeinsam als Narren».
Ich wünsche Ihnen ein erholsames Wochenende
Markus Somm
PS. Joe Bidens State of the Union: https://www.youtube.com/watch?v=u42TQs4Pf2c

