Riesenkrach im Hause Ringier

Riesenkrach im Hause Ringier

Ärger mit der eigenen Redaktion, Streit mit der deutschen Partnerin: Beim Medienunternehmen liegen nach den bekannt gewordenen Äusserungen von Konzernchef Marc Walder die Nerven blank.

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von Alex Reichmuth am 6.1.2022, 18:00 Uhr
Gehörig unter Druck: Ringier-CEO Marc Walder. Bild: Keystone
Gehörig unter Druck: Ringier-CEO Marc Walder. Bild: Keystone
Der Vorgang ist vermutlich einzigartig: In der heutigen Ausgabe des «Blick» sieht sich Chefredaktor Christian Dorer genötigt, die Arbeitsweise der eigenen Redaktion in aller Öffentlichkeit zu verteidigen (siehe hier). Am Silvester hat der «Nebelspalter» ein Video veröffentlicht, in dem Ringier-Chef Marc Walder zu hören ist, wie er an einer Managertagung sagt: «Wir hatten in allen Ländern, wo wir tätig sind – und da wäre ich froh, wenn das in diesem Kreis bleibt – auf meine Initiative hin gesagt: ‹Wir wollen die Regierung unterstützen durch unsere mediale Berichterstattung, dass wir alle gut durch die Krise kommen.›» (siehe hier)
«So arbeitet Blick: Unabhängig und mit Haltung», ist die heutige Verteidigungsschrift betitelt. Betont werden also Eigenschaften, die im Journalismus selbstverständlich sein sollten. Walders Aussagen könnten tatsächlich «nach Befehlsausgabe, nach Appell zu Regierungshörigkeit» klingen, gibt Dorer im Namen der ganzen Chefredaktion zu. Aber: «Die Äusserungen unseres Chefs rücken uns in ein falsches Licht. Marc Walder hat sich bei der Redaktion entschuldigt, er bedauert seine Wortwahl.»

«Es ist nicht die Kultur, die wir bei Ringier kennen»

Es habe nie einen «Befehl» gegeben, «und Blick hätte ihn auch nicht ausgeführt», versichert Dorer. «Es ist nicht die Kultur, die wir bei Ringier kennen.» Der Chefredaktor beschwört, die Blick-Redaktion arbeite «unabhängig von Einmischungen, von Regierung, von Direktiven und selbst vom CEO», aber nicht unabhängig «von gesellschaftlicher Verantwortung».
Bemerkenswert daran ist nicht nur, dass sich Marc Walder bei der Redaktion entschuldigt hat, sondern dass der Chefredaktor dies öffentlich rapportiert. Mehr Schmach für Walder ist kaum denkbar.
Dabei ist der CEO bereits gestern öffentlich desavouiert worden – von Firmen-Haupteigentümer Michael Ringier, auf der Titelseite des «Blick». Zwar konnte es sich Michael Ringier nicht verkneifen, gegen die «journalistischen Heckenschützen» wegen angeblicher «böswilliger Diffamierung» zu schiessen. Aber er schrieb auch, dass Marc Walder selber am besten wisse, «dass seine Formulierungen während einer Managementkonferenz vor einem Jahr nicht zu den Sternstunden einer sonst unglaublich erfolgreichen Karriere gehören». Mit anderen Worten: Walder hat einen Riesenbock geschossen (siehe hier).

«Für diese unglückliche Aussage möchte ich mich entschuldigen»

Die Nerven liegen also blank im Hause Ringier. Zu allem Ungemach kommt auch noch ein Streit mit der deutschen Geschäftspartnerin Axel Springer, der Besitzerin der «Bild»-Zeitung. Denn Walder hatte in besagter Managerversammlung «Bild» vorgeworfen, die deutsche Regierung während der Pandemie «wahnsinnig hart» angegangen zu sein, und unterstellte der Zeitung, damit gewalttätige Demonstrationen befördert zu haben.
Dazu muss man wissen, dass «Bild» mit 1,16 Millionen gedruckten Exemplaren die auflagenstärkste Zeitung Deutschlands ist. Axel Springer führt in einem Joint Venture mit Ringier diverse Zeitungen und Zeitschriften in der Schweiz – darunter die «Schweizer Illustrierte», den «Beobachter» und die «Handelszeitung». Auch im Ausland geschäften die beiden Medienkonzerne gemeinsam. Bis im letzten Sommer war das noch in verschiedenen osteuropäischen Ländern der Fall, jetzt noch in Polen.

«Schwere Vorwürfe gegen Schweizer Verlags-Chef»

Schlagzeile der «Bild»-Zeitung

Die Angriffe von Walder gegen «Bild» sind bei Axel Springer offensichtlich sehr schlecht angekommen. Die Zeitung berichtete jedenfalls brühwarm über die Walder-Affäre: «Schwere Vorwürfe gegen Schweizer Verlags-Chef» (siehe hier).
Zudem sah sich Marc Walder wegen der abfälligen Bemerkung über «Bild» zu einem weiteren «Mea Culpa» gezwungen, in einem Interview mit der «Neuen Zürcher Zeitung»: «Für diese unglückliche Aussage gegenüber ‹Bild› möchte ich mich entschuldigen», sagte der CEO von Ringier (siehe hier). Man kann davon ausgehen, dass er solche Worte nur gewählt hat, weil der Rüffel aus Berlin gewaltig war.

Walders Position ist wohl am Wackeln

Vermutlich ist Marc Walder angezählt. Wer vom eigenen Chef öffentlich solche «Haue» bekommt, und wer mehrfach öffentlich zu Kreuze kriechen muss, dessen Position ist wohl gehörig am Wackeln. Es würde nicht verwundern, wenn es bald zu einer Neubesetzung käme.

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