Bühne frei für das Klimatheater!

Bühne frei für das Klimatheater!

Heute Sonntag startet die diesjährige Uno-Klimakonferenz. 25'000 Teilnehmer reisen an. Was wird da eigentlich gespielt? Eine Glosse.

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von Alex Reichmuth am 31.10.2021, 16:00 Uhr
Klimakonferenz 2015 in Paris. Bild: Keystone
Klimakonferenz 2015 in Paris. Bild: Keystone
Herzlich willkommen beim Klimatheater. Nach einem Jahr Coronapause treten die Klimaakteure nun endlich wieder auf. Dieses Jahr gastiert das Theater im schottischen Glasgow – einer Stadt, die durch klimabelastende Schwerindustrie gross geworden ist. Es wird wie immer das gleiche Stück aufgeführt: «Rettung der Welt«. Vorhang auf!

Erster Akt: Das Vorspiel

Schon seit Wochen und Monaten wird für die neue Vorstellung getrommelt. Düstere Warnungen allenthalben. Der Weltklimarat ermahnt die Welt, das 1,5-Grad-Ziel nicht zu verfehlen. «In Glasgow und bis zum Ende dieses Jahrzehnts haben wir die Möglichkeit, den nächsten hundert Generationen entweder zu helfen oder sie zu verraten», orakelt Ben Strauss, Präsident der Journalisten- und Wissenschaftsorganisation Climate Central. Prinz Charles – immer zur Stelle, wenn es um die Klimaapokalypse geht – greift zu Superlativen: Die Glasgower Konferenz sei die wohl «letzte Chance für die Menschheit». Charles ist schon mal vorangegangen, was die Rettung der Welt angeht: Sein Aston Martin fährt mit «überschüssigem englischem Weisswein und Molke aus der Käseherstellung» (kein Witz!).

Zweiter Akt: Das Stelldichein der Mächtigen

«We must act now!», verkündet Uno-Chef Antonio Guterres mit erhobenem Zeigefinger. Man müsse den «Krieg gegen die Natur» beenden. Die diesjährige Vorstellung des Klimatheaters sei «der Wendepunkt für die Menschheit, schwabuliert Gastgeber Boris Johnson. US-Präsident Joe Biden spricht von «Alarmstufe rot». Die Welt sei in Gefahr. «Das ist keine Übertreibung. Das ist eine Tatsache.» Die Zuschauer sind erleichtert, dass Amerika wieder mitspielt. Bidens Vorgänger hatte nicht viel übrig für solches Theater. Und auch Chinas Machthaber Xi Jinping macht mit, wenn auch nur aus der Ferne. Er verspricht Klimaneutralität seine Landes bis 2060. Und baut gleichzeitig ein Kohlekraftwerk am anderen. Nicht dabei beim Klimatheater ist der Papst. Schade, denn es handelt sich in Glasgow ja quasi um ein religiöses Ritual.

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Karikatur: Tim Oliver Feicke

Dritter Akt: Der Tanz der Klimaaktivisten

Eine bunte Schar stürmt die Bühne. Greenpeace, Extinction Rebellion, Fridays for Future – alle sind sie da. Die Aktivisten tragen Schilder und Transparente mit sich und demonstrieren für die Rettung des Planeten. Für Special Effects ist gesorgt. Die Aktivisten legen sich auf den Boden und lassen sich von Polizisten wegtragen. Sie spielen Tennis in den Eingangshallen von Banken. Sie klettern auf hohe Gebäude und bringen Plakate an. Sie schweben mit Gleitschirmen in Sportstadien. Sie ketten sich an Bäume und kleben sich an Wände. Auch Greta Thunberg, die heilige Mutter Maria aller Klimabewegten, ist da. Diesmal musste sie nur über die Nordsee reisen statt über den Atlantik. «Ich will, dass ihr in Panik geratet», tönt es von ihr. Das Publikum johlt und applaudiert.

Vierter Akt: Die Verlängerung

Schon ist das Theater in der Überzeit. Von Streit und Zwist unter den Akteuren ist zu hören. Es wird verhandelt, verhandelt, verhandelt – ganze Nächte lang. Es herrscht Notstand beim Klimanotstand. Gar von einem Scheitern des Klimatheaters ist die Rede. Werden sich die Akteure einigen können? Werden sie die Welt vor der Katastrophe retten? Der Vorhang schliesst sich. Es wird dunkel. Trommelwirbel ertönt. Die Spannung steigt ins Unerträgliche. «Die Welt schaut auf uns», tönt es aus dem Off.

Fünfter Akt: Das Finale

Der Vorhang geht wieder auf. Es ist vollbracht! Die Akteure sind sich einig geworden, dass sie den Klimawandel entschlossen bekämpfen wollen. Sie haben feierlich eine Abschlusserklärung unterzeichnet, wonach die Erderwärmung auf unter 2 Grad, wenn möglich 1,5 Grad begrenzt werden soll. Und dass jedes Land nach seinen eigenen Möglichkeiten dazu beitragen soll. Natürlich alles freiwillig und unverbindlich. Applaus brandet auf! Die Zuschauer springen von ihren Sitzen. Standing Ovation! Die Welt ist gerettet – hurra! Die Akteure verneigen sich.
Auf Wiedersehen beim Klimatheater! Die nächste Vorstellung geht 2022 über die Bühne, voraussichtlich in Ägypten – einem Land, das ja besonders vorbildlich beim Klimaschutz ist. Und dann heisst es wieder: The same procedure as every year!

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