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Begibt man sich auf die Suche nach den gemeinschaftlichen Werten einer wie auch immer zu definierenden Gruppe Menschen, so erweist sich deren Sprachgebrauch als höchst verräterisch. Und als konzentrierteste Form, sozusagen als linguistisches Destillat des unsteten Zeitgeistes, ist das jeweils auf Länderebene gekürte «Wort des Jahres» anzusehen.
Was trieb wohl die eidgenössische Volkspsyche, im Spiegel besagten Jahreswortes betrachtet, im vergangenen Jahr um? Unser gottgeweihtes Bankgeheimnis, das vom ketzerischen Europa und den infamen Yankees aus der Monstranz gezerrt und besudelt wird? Oder die inzwischen von manchen als frivol eingestuften Bankmanagerboni? Weder noch, das eidgenössische Wort des Jahres 2009 war «Minarettverbot». Hört, hört, die Angst vor dem heimtückischen Muselman und seinen vieldeutig verschleierten Haremsmiezen à la SVP-Plakat wirkt sogar stärker noch als der Schweizer Sinn fürs Merkantile, der ja bekanntlich auch nicht gerade von Pappe ist.
Nördlich des Rheins, bei unserem verachtend bewunderten Nachbarvolk der Sauschwaben, gabs letztes Jahr zumindest wortmäs sig keine Überraschung; mit «Abwrackprämie», dem deutschen Wort des Jahres 2009, blieben die Germanen ihrem Ruf als Anbeter der durch Verbrennungsmotoren angetriebenen Kraftfahrzeuge treu.
Richtig spannend wirds jenseits des grossen Teiches, bei den Amis. Deren Wort des letzten Jahres liefert ungewollt eine realistische Beschreibung des American Dream sowie des Gesamtzustands der amerikanischen Bevölkerung: to tweet – zwitschern/piepen/es piept.
«Does it tweet in your pumpkin?», wäre beispielsweise eine scharfsinnige Retourkutsche, um mit einem Immigration Officer auf einem amerikanischen Flughafen, der einem gerade die etwas kuriose Frage stellte, ob man anlässlich seiner US-Ferien namhafte Kapitalverbrechen plane und/oder im Schilde führe, den Präsidenten der USA um die Ecke zu bringen, ganz schnell in einen intensiven Gedankenaustausch zu gelangen.
Womit wir nunmehr nach längerer Vorrede dort angelangt wären, wo to tweet oder auch twittern seinen megamodernen semantischen Tiefgang erhält: beim Social Networking! Endlich, endlich haben wir all diejenigen technischen Mittel zur Verfügung, um das zu verwirklichen, wovon z.B. der glühende Idealist Friedrich Schiller einst vergeblich träumte: «Alle Menschen werden Brüder!» Heute ist es wahr geworden, Atlantis in seiner gigantischen Schönheit, mit all seiner herzzerreissenden Menschenliebe, es ist wiederauferstanden – hosianna, lobet den Herrn! Präziser gesagt: Die Herren Bill Gates, Steve Nobs und Mark Zuckerberg. Letztgenannter, der Gründer von Facebook, dürfte in Hinblick auf seine sozialtherapeutische Bedeutung als Heilsbringer und Erlöser direkt nach Jesus Christus anzusiedeln sein. Seine messianische Botschaft lautet: «Facebook ermöglicht es dir, mit den Menschen in deinem Leben in Verbindung zu treten und Inhalte mit diesen zu teilen.»
Das ist das Revolutionäre des neuen sozialen Netzgewürges und exakt das, worauf ich gewartet habe: Mit den mysteriösen Menschen, die mir bereits mehrfach in der Küche und im Badezimmer begegnet sind, ohne dass ich es wagte, das Wort an sie zu richten, via PC Verbindung aufzunehmen. Ich gehe zu Facebook und poste an die virtuelle Pinnwand: «Wenn Sie schon das letzte Blatt Klopapier verbrauchen, Fräulein, sollten Sie wenigstens alte Zeitungen neben den Orkus legen.» Nach diesem Posting fühle ich mich tief befreit und bleibe eine Woche am Bildschirm, um in Echtzeit zu beobachten, wie vielen anderen Usern meine sensationelle Message gefällt.
Viele aufregende Experiences kann man auch bei «Twitter» sharen; da mikrobloggte doch kürzlich jemand: «Hab gestern ’ne Pulle Jägermeister getrunken und musste die ganze Nacht lang kotzen. Liegt das an den Kräutern?»
Nee, eher wohl daran, dass das exzessive Teilen von Inhalten in sozialen Netzwerken zu massivem Abbau der wenigen noch vorhandenen Gehirnzellen führt.
Jan Peters
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