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Cartoon: Michael Cambon

Eines Morgens erwachte ich und stellte verwundert fest, dass ich über Nacht zu einem Indianer geworden war. Vor mir stand mein Urahn Starker Adler, dem ganz offensichtlich der grosse Sprung vom Traum in die Wirklichkeit gelungen war. «Guten Morgen, mein Sohn», sagte er. «Von heute an ist dein Name nicht mehr Didi F., sondern Wilder Büffel.» – «Und was jetzt?», fragte ich ihn, nachdem ich mich zirka zwanzig Sekunden lang über den schönen, neuen Namen gefreut hatte. «Also, zunächst einmal brauchst du Indianerkleidung», erklärte er. «Und anschliessend musst du zu deinen roten Brüdern zurückkehren, die in ihrem Reservat in Amerika schon sehnsüchtig auf dich warten. Du sollst ihnen nämlich als ihr Häuptling dabei helfen, sämtliche Bleichgesichter wieder aus Amerika zu vertreiben, da sie dort nun wirklich nichts zu suchen haben.» – «Einverstanden», sagte ich. 

 

Eine halbe Stunde später betraten wir einen Kostümverleih. Ich wählte unter einem guten Dutzend von Indianerkostümen jenes aus, das nach Meinung meines Urahns der indianischen Originalkleidung am ähnlichsten war. Nachdem ich mich umgezogen hatte, suchte ich meine Bank auf, um mein Konto aufzulösen, da ich nicht vorhatte, nach meiner Rückkehr in meine wahre Heimat jemals wieder europäischen Boden zu betreten. «Guten Tag, Herr F.», sagte der Bankbeamte und konnte sich ein unverschämtes Grinsen nicht verkneifen. «Ist heute etwa irgendwo ein Kostümball? Es ist doch gar nicht Fasching ...» – «Schweig, Bleichgesicht», herrschte ich ihn an. «Und mein Name ist nicht F., sondern Wilder Büffel.» –Selbstverständlich, Wilder Büffel», antwortete er grinsend. «Und was kann ich für Sie tun, Wilder Büffel?» – «Ich möchte mein Konto bei Ihnen auflösen.» – «Auflösen? Direkt auflösen?» – «Ja, genau.» –«Also schön, ich kann Sie leider nicht daran hindern», seufzte er, füllte einen Wisch aus und schob ihn mir zu. «Wenn Sie hier bitte unterschreiben.» Ich tat es.

 

Er aber begutachtete die Unterschrift und stellte dann ärgerlich fest: «Also, ich muss schon sagen, Herr F., da hört der Spass wirklich auf. Ich meine, wenn Sie als Indianer verkleidet herumlaufen, ist das Ihre Sache, aber Sie können hier doch nicht als «Wilder Büffel» unterschreiben, ich meine, das geht doch nicht, das müssen Sie doch selbst einsehen.» Ich gebe zu, dass die Versuchung gross war, ein letztes Mal mit meinem früheren Namen zu unterschreiben, um die Sache zu beschleunigen, doch mein Urahn schüttelte den Kopf: «Tus nicht, Wilder Büffel», ermahnte er mich. «Es wird Zeit, dass du dich voll und ganz zu dem bekennst, der du bist.» 

 

«Es stimmt, dass ich früher Didi F. geheissen habe», erklärte ich dem Bankbeamten. «Nun aber heisse ich Wilder Büffel.» – «Alles schön und gut, aber Ihr Konto lautet nun mal auf Didi F., also müssen Sie auch mit diesem Namen unterschreiben, da kann ich Ihnen nicht helfen.» 

 

«Und was jetzt?», fragte ich meinen Urahn. «Sag ihm, dass du ihn skalpieren wirst, wenn er dir noch länger Schwierigkeiten macht.» Ich sagte es ihm. «Äh... in diesem Fall... ja, richtig, da fällt mir ein, es gibt tatsächlich eine Möglichkeit», stammelte der Bankbeamte. «Allerdings ist die Sache ziemlich kompliziert, weil Sie nicht bereit sind, auch nur ein einziges Mal noch mit Ihrem früheren Namen zu unterschreiben, ein ziemlicher. Papierkrieg, es kann also eine Weile dauern. Entschuldigen Sie mich bitte, ich muss mir die notwendigen Formulare zusammensuchen.» – «In Ordnung», sagte ich.

 

Daraufhin entfernte er sich und kehrte erst eine Viertelstunde später mit einigen Formularen zurück. Gleich darauf betraten zwei Sanitäter die Bank, packten mich, zwängten mich in eine Zwangsjacke und zerrten mich in einen Krankenwagen. «Keine Sorge, Wilder Büffel!», rief mir mein Urahn nach, den die Sanitäter seltsamerweise vollkommen ignorierten. «Wir holen dich wieder raus, ganz bestimmt, es kann zwar eine Weile dauern, aber du kannst dich darauf verlassen, das verspreche ich dir!» Wie erwartet, wurde ich in einer Nervenheilanstalt abgeliefert, deren Insasse ich seither bin. Es macht mir auch nicht sonderlich viel aus, hier zu sein, schliesslich weiss ich ja, dass meine roten Brüder mich eines Tages befreien werden, denn ein Indianer bricht sein Ehrenwort niemals.

 

Allerdings muss ich zugeben, dass ich schön langsam etwas ungeduldig werde, da seit jener schicksalhaften Begegnung mit meinem Urahn mittlerweile schon dreissig Jahre vergangen sind.

 

 

Dietmar Füssel



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