Zu Besuch an der Premiere der Staatsparty: Kaum Impfungen – trotz ganz viel Liebe

Zu Besuch an der Premiere der Staatsparty: Kaum Impfungen – trotz ganz viel Liebe

Schweizer Künstler eröffnen am Montagabend die nationale Impfwoche in Thun. 500’000 Franken kostet der Anlass. Hat es etwas gebracht?

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von Serkan Abrecht am 9.11.2021, 13:29 Uhr
Liebevoller Sänger: Dabu beim Impfkonzert in Thun. Bild: Keystone-SDA
Liebevoller Sänger: Dabu beim Impfkonzert in Thun. Bild: Keystone-SDA
Mitarbeit: Maria-Rahel Cano
Gleissendes Scheinwerferlicht, ein kalter Wind beisst sich an der Haut fest und David Bucher, besser bekannt als: Dabu, hat viel Liebe zu vergeben: «So wie früener verschwindemer grad. Will mir händ so viel Liebi zge. Als wär das öppis wos Läbe lang hebt. Aber morn bisch wider weg».
Er singt, springt, nur in ein dünnes Jeansjäckchen gehüllt, die blonden Haare wirbeln durch die Luft. Dabu eröffnet mit seinem Hit «Angelina» die Impf-Konzerttour des Bundes auf einem Parkplatz beim Hafen Lachen am Thunersee.
Zwischen zwei Reisebussen mit dem aufgedruckten BAG-Slogan «Back on tour» glitzert die Bühne. Mehrere hundert Leute klammern sich an ihre Glühweinbecher und wippen mit Dabu mit. 500 Gäste sind an diesem Openair erlaubt. Ein Covid-Zertifikat braucht es nicht, schliesslich will man die Ungeimpften zum Nadelstich bewegen – mit Dabu, Stress, Stefanie Heinzmann und Sophie Hunger wirkt es eher, als wolle man sie dazu verführen. So ganz fruchtet diese Strategie nicht.
Zu Beginn des Abends um 19 Uhr herrscht jedoch gähnende Leere im Impfmobil des Kantons Bern, das am Eingang seinen Platz bezogen hat. Das Wartezelt davor ist ebenfalls leer. Die Leute strömen direkt ins Gelände. «Wir sind ja sowieso schon geimpft. Wir sind nur wegen der geilen Acts hier», sagt eine junge Frau, die zusammen mit ihrem Freund bei der Bühne steht.

«Es ist ein wenig enttäuschend»

Während sich das Gelände im Verlauf des Abends mit Menschen füllt, kommt einem das Impfzelt noch einsamer vor. Ein Arzt steht vor dem Impfmobil: «Ja, es ist schon ein wenig enttäuschend», sagt der Mann mit einer weissen FFP-2-Maske, der sich in der Kälte ziemlich verloren die Beine in den Bauch steht. Die Prognose für den Abend sei so, wie man es momentan erwartet. Ergo: nicht sehr rosig. «Ich denke, von denen, die da an das Konzert kommen, wird sich fast niemand impfen lassen.» Manche seien für die Boosterimpfung gekommen, so der zuständige Arzt, da die ab heute im Kanton Bern freigegeben wurde.
«Und die sind auch schon hier», sagt er und deutet zum See. Gleich auf der anderen Seite – vis à vis vom Impfmobil – hat sich ein Grüppchen von Gegnern des Covid-Gesetzes versammelt. Den Medien gegenüber sind sie skeptisch. Eine Frau mit roten Haaren bricht aber das Schweigen. «Wir sind eine bunte Truppe. Total durchmischt. Gäll, Fippu?», und wendet sich an den Mann neben ihr. «Ja, durchmischt und politisch unabhängig», sagt dieser mürrisch, «wir machen am Montag immer einen Spaziergang zum gegenseitigen Austausch. Wir sind die Regio-Gruppe der Covid-Gesetz-Gegner aus Thun.»
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Ein wenig abseits: Massnahmengegner im Gespräch. Bild: Maria-Rahel Cano
Aber statt eines Spaziergangs habe man sich entschieden, mit den Plakaten vor das Impf-Konzert zu stehen. «Um ein Zeichen zu setzen», sagt Fippu. Sie haben jedoch ein wenig Respekt vor den Securitas und wollen nicht zu nah an das Gelände. Impfen lassen soll sich jeder dürfen. «Aber dieser Zwang – und es ist ein Zwang –, den finden wir pervers. Den finden wir falsch», sagt die Gruppe unisono. Aufs Gelände ihre Botschaft verbreiten: Das wollen sie aber nicht. Obwohl der Anlass gratis ist und keine Zertifikatspflicht gilt.

Ironie mit Stress

Die Sänger auf der Bühne sprechen von Liebe und Solidarität. Politik scheint nicht erwünscht an diesem Abend. Dabu schaut deshalb auch ein wenig genervt, als die Moderatorin den Berner Gesundheitsdirektor Pierre-Alain Schnegg und den Thuner Stadtpräsident Raphael Lanz für eine kurze Ansprache auf die Bühne bittet. Und doch schwebt sie unterschwellig mit, die Politik.
Aber es erstaunt nicht, dass der Rapper Stress seinen Gassenhauer «F*ck Blocher», in dem er den SVP-Doyen und die ganze Volkspartei beschimpft, nicht singt. Es entbehrt aber nicht einer gewissen Ironie, dass Stress kurz vor Beginn des Konzerts zusammen mit Bundespräsident Guy Parmelin auf dem Bundesplatz die Impfwoche offiziell eröffnet. Wenige Stunden später steht er auf der gleichen Bühne wie Schnegg und Lanz. Alle drei gehören der SVP an.
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SVP auf der Bühne: Pierre-Alain Schnegg (mit Mikrofon) und Raphael Lanz. Bild: Maria-Rahel Cano
«Ja, das ist so in der Politik. Da ist man sich manchmal bei bestimmten Themen wieder einig», sagt Schnegg beim Hotdog, während Stress auf die Bühne tritt. Und was hält er von dem Event? «Es ist eine neue Kommunikationsstrategie, und die finde ich hervorragend.» Das heisst im Umkehrschluss, dass man zuvor schlecht kommuniziert hat? «Nein, aber zu Beginn hat man versucht, die Vulnerablen zu erreichen. Nun wollen wir die Jungen erreichen», sagt Schnegg.
Stadtpräsident Lanz freut sich sehr darüber, dass so viele tolle Künstler ausgerechnet in Thun auftreten dürfen. Auf der Bühne meint er, dass «wir heute mehr als zuvor Verbindendes und Gemeinsames brauchen». Warum ausgerechnet der Standort Thun für den Startschuss dieser «Impfkonzerttour» ausgewählt wurde, kann auch der Stadtpräsident nicht beantworten. Er finde es aber gut, dass der Anlass bisher nicht belehrend daherkomme. Vielmehr sei es einfach ein Abend, wo alle es «flott» miteinander haben können.
Er selbst habe nur Vorbehalte, wenn man zu viel Druck bezüglich der Impfung mache. «Ich finde, es muss immer noch jeder selber entscheiden können», sagt Lanz. Auch er will die Jungen erreichen, gibt sich aber skeptisch: «Ich glaube nicht, dass man mit so einer Konzertreihe Leute, die sonst ganz eine andere Meinung haben, von einer Impfung überzeugen kann.»
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Kein schlechtes Wort zur SVP: Rapper Stress. Bild: Keystone-SDA

Viel Steuergeld für ein bisschen Liebe

Viele Junge sind da, das schon, aber die Teilnehmerzahl lau. Die Ränge hinter dem Zelt für die Bühnentechniker sind leer. Gegenüber «20 Minuten» spricht der Veranstalter von 400 Gästen. 100 bleiben dem Anlass offenbar fern – trotz bestellten Gratistickets. Zudem seien 25 Personen geimpft worden.
Nachfrage beim zuständigen Arzt beim Impfmobil. «Wir haben ungefähr 20 Booster-Impfungen durchgeführt und circa 20 normale Impfdosen gespritzt.» Weiter führt er aus: «Also die vierzig Leute hätten wir wahrscheinlich auch ohne Konzert geimpft.»
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Gähnende Leere: Das Impfzelt am Thunersee. Bild: Maria-Rahel Cano
Machen wir die Milchbüchlein-Rechnung: Die gesamte Impfwoche kostet den Steuerzahler 100 Millionen Franken (Lesen Sie hier). Die Konzerttour mit fünf Shows kostet 2,5 Millionen Franken. Maximal 500 Personen dürfen teilnehmen. In Thun haben sich also je nach Angabe 25 bis 40 Personen impfen lassen. Das macht also 500’000 Franken für 40 Geimpfte. Der Sound ist gut, die Stimmung auch – aber sie kostet. Sie kostet viel – trotz aller Liebe von Dabu.

Bund zahlt für Musik, Impfwerbung der Künstler ist gratis

2.5 Millionen Franken kosten den Bund die Impfkonzerte der «Back on Tour». Verschiedene Künstlerinnen und Künstler aus der Schweiz treten dabei in der Impfwoche auf, weil sie «einen Beitrag leisten möchten, um gemeinsam aus der Pandemie zu kommen.», heisst es von Seiten des Managements von Baschi, Anna Rossinelli und Dabu. Wenn sie für die Kampagne positive Testimonials zur Impfung abgeben, geschehe das aus «persönlicher Überzeugung», eine vertragliche Verpflichtung bestehe nicht. Gratis treten die Musikerinnen und Musiker aber nicht für ihre persönliche Überzeugung auf. Laut BAG erhalten alle Acts eine «branchenübliche Gage». Zahlen wollte zwar niemand nennen, aber Freiwilligenarbeit für die gute Sache leisten die Künstler definitiv nicht. Stutzig macht zudem, dass alle dieselbe Gage erhalten, wo sich doch, branchenüblicherweise, der Marktwert eines Acts in dessen Entlöhnung widerspiegelt. (fo)

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