Zertifikatspflicht in Restaurants: Ein Zürcher Gastronom fährt Slalom

Zertifikatspflicht in Restaurants: Ein Zürcher Gastronom fährt Slalom

Mal findet er die Idee grossartig, mal lehnt er sie entschieden ab, dann ist er wieder Feuer und Flamme für sie. Der Zürcher Gastronom Michel Péclard wechselt seine Meinung zur Zertifikatspflicht in Restaurants im schnellen Takt – innerhalb weniger Monate.

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von Stefan Millius am 7.9.2021, 04:00 Uhr
Michel Péclard. (Screenshot: SRF)
Michel Péclard. (Screenshot: SRF)
«Ich werde bedroht und gleichzeitig gefeiert»: So äusserte sich Michel Péclard im März 2021 im «Gastrojournal». Anlass für die gemischten Gefühle war seine vorausgegangene Aussage, er sei bereit, ausschliesslich geimpfte Gäste zu bewirten, denn: «Hauptsache, wir können wieder aufmachen.» Danach sei er Opfer eines Shitstorms geworden.
Péclard, dessen Karriere laut eigener Biografie mit einem Spiesslistand am Zürifest 1994 begann, betreibt heute mit seiner Pumpstation Gastro GmbH insgesamt 15 Restaurants und Bars in Zürich. Weil er ein Freund klarer Worte ist (und vermutlich ein guter Freund einiger Journalisten), erhält er gern und oft Platz in den Zeitungsspalten. Im Frühjahr 2021, lange bevor eine Zertifikatspflicht für die Gastronomie ein ernsthaftes Thema war, legte er proaktiv vor und fand die Idee sehr gut, bestimmte Bevölkerungsgruppen aus den Restaurants auszuschliessen.

Plötzlich ganz anderer Meinung

Ob es der darauf folgende Shitstorm war, den er schlecht verdaute oder doch ein echter Meinungsumschwung, das weiss niemand. Sicher ist nur: Gerade mal vier Monate später, im Juli 2021, klang es in Michel Péclards bevorzugtem Verlautbarungsorgan, dem «Blick», plötzlich ganz anders. In einem Videobeitrag zog der Gastronom, angesprochen auf die Zertifikatspflicht, tüchtig vom Leder. Eingeführt wurde der Beitrag so:
«Die Impfbereitschaft lahmt und mit der Delta-Variante droht ein Herbst mit strengeren Massnahmen. Können wir bald nur noch mit dem Impfzertifikat in die Beiz oder zum Konzert? Der Zürcher Gastronom Michel Péclard ist klar dagegen.»
Und zwar sehr klar. Zugang nur noch für Geimpfte? Das würde «Totschlag in unseren Beizen geben», sagte Péclard vor der Kamera sichtlich aufgebracht. Und so ging es auch weiter im Beitrag. Er würde das nicht machen, das gehe gar nicht, er finde das auch nicht richtig, so Péclard. Man könne ja die Impfung propagieren, aber dann «mit positiven Vibes und nicht mit Verboten, sicher nicht mit 'du musst, du musst, du musst'.» Er redete sich regelrecht in Rage.

Und wieder eine 180-Grad-Wende

Das war eine veritable Kehrtwende zu seiner früheren Äusserung für die Zertifikatspflicht, die offenbar niemandem auffiel. Das gilt auch für seinen nächsten Stimmungswechsel, der schon bald folgte. Am 26. August 2021 bot der «Blick» dem umtriebigen Gastronomen wieder eine Plattform. Nun wollte Péclard von Totschlag in den Beizen plötzlich nichts mehr wissen – im Gegenteil. Das sagte er zu einer möglichen Zertifikatspflicht:

«Wenn das der Weg ist: super. Ich wüsste nicht, was man sonst machen sollte.»

Seinem Verband «GastroSuisse», der sich gegen die Zertifikatspflicht stemmt, las der Zürcher die Leviten. Er verstehe den Widerstand nicht. Die Handhabung des Zertifikats sei keine Sache, sie dauere nur ein paar Sekunden.
Innerhalb eines knappen halben Jahres hat Péclard seine Meinung zu ein- und demselbem Thema also zwei Mal diametral geändert. Das kennt man sonst höchstens von Politkern. Nichtsdestotrotz wird er nun munter als Kronzeuge für eine Stimmungswelle in der Gastronomie aufgeführt. Auch in den Zeitungen des Verlags CH Media konnte er inzwischen sein Bekenntnis zur Zertifikatspflicht ablegen – ohne seinen früheren Widerstand preiszugeben. Niemand konfrontiert ihn mit seinen früheren Aussagen

Fast kein Betrieb ist bereits dabei

Nur dass diese Stimmungswelle in der Gastronomie gar keine ist. Michel Péclard ist zwar einer von mehreren Beizern, die im «Blick» und anderen Medien aktuell als Vorzeigebeispiele dafür dienen sollen, wie breit abgestützt die Zertifikatspflicht für Restaurants in der Branche sei. Regelmässig werden in der Zeitung Betriebe vorgestellt, die diese bereits eingeführt haben, obschon sie noch gar nicht vorgeschrieben ist.
Aber diese Beispiele sind alles andere als repräsentativ. Vergangene Woche stellte «GastroSuisse» die Auswertung einer Umfrage unter den Mitgliedern vor. Fazit: Bis heute haben 97 Prozent der Betriebe auf eine freiwillige Umsetzung der Covid-Zertifikatspflicht als Zugangsbeschränkung verzichtet. Offensiv präsentiert werden also einige wenige Ausnahmen und keineswegs die Masse. Es kommt verschwindend wenig Gastrobetreibern in den Sinn, einen Teil des Publikums im vorauseilendem Gehorsam auszuschliessen.
Dieses Resultat wird gerne totgeschwiegen. So verwiesen die CH-Media-Zeitungen im erwähnten Beitrag zwar darauf, dass es zwar Gastrobetriebe gebe, die die Zertifikatspflicht ablehnten, fügten aber hinzu, die entsprechende Umfrage datiere vom letzten Mai. Kein Wort davon, dass inzwischen eine brandaktuelle Befragung von Ende August vorliegt, die das Unbehagen der Branche glasklar zeigt.
Gut möglich, dass uns noch eine dritte Kehrtwende auf dem Péclard-Slalom bevorsteht. Der Branchenverband befürchtet bei Einführung der Zertifikatspflicht eine Verringerung des Gästepotenzials von Restaurants von bis zu 45 Prozent . Sollte es so kommen und sollten auch Péclards Betriebe davon betroffen sein, stehen die Chancen gut, dass die «Blick»-Leser bereits die vierte anderslautende Version zu lesen bekommen. Dann wäre wohl wieder «Totschlag in den Beizen» angesagt.

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