Zeitungsente der Woche: Wenn bei Morden die Behörden schuld sein sollen...

Zeitungsente der Woche: Wenn bei Morden die Behörden schuld sein sollen...

Der «Tages-Anzeiger» ist der Meinung, dass der Dreifachmörder von Würzburg ein «kranker Flüchtling» ist, der ohne Hilfe blieb. Das wird der Wahnsinnstat nicht gerecht.

image
von Sebastian Briellmann am 9.7.2021, 11:49 Uhr
image
Die eine Lesart geht so: Zwei Wochen nach dem Attentat in Würzburg, wo ein Somalier drei Menschen mit einem 33 Zentimeter langen Küchenmesser brutal ermordet und neun weitere (zum Teil) schwer verletzt hat, ist die Stimmung weiterhin aufgewühlt in Deutschland.
Noch immer bleiben viele Fragen unbeantwortet: Warum kam der mutmasslich psychisch kranke Täter wieder aus der Psychiatrie? Hätte der Somalier überhaupt noch im Land sein dürfen? Und wenn ja: Wurde er schlecht betreut, und was müsste generell in der Betreuung verbessert werden? Aber auch: Warum stehen Flüchtlinge übermässig oft unter Drogeneinfluss? Und warum schweigt eigentlich Kanzlerin Angela Merkel noch immer konsequent?
Der Korrespondent des «Tages-Anzeigers» beurteilt das Drama etwas anders: «Kranker Flüchtling blieb ohne Hilfe – die bayerischen Behörden schafften es während Monaten nicht, dem 24-jährigen Somalier einen Betreuer zur Seite zu stellen.»
Die Behörden in Bayern haben versagt, die Behörden in Bayern sind schuld?
Es ist durchaus richtig, dass über den Umgang mit Asylbewerbern diskutiert wird, gerade wenn sie psychisch krank, wenn sie traumatisiert sind – was in Deutschland offenbar bei jedem zweiten der Fall ist. Wichtig ist auch die Frage, wann eine Abschiebung gerechtfertigt wäre, und wann nicht. Das geschieht im Text des «Tages-Anzeigers» auch stellenweise.
Wenn der Autor jedoch in Titel und Lead den Täter (ob bewusst oder unbewusst) aufgrund seines psychischen Zustands gleichsam als Opfer einer miserablen Behördenarbeit skizziert: Dann wird das der Wahnsinnstat, die nichts anderes als ein Attentat war (und mutmasslich ein gezielter Angriff auf Frauen), nicht gerecht.

Keine vernünftige Debatte möglich

Die Schriftstellerin Ronya Othmann hat die Problematik in der «Frankfurter Allgemeine Zeitung» zutreffend beschrieben. Sie ärgert sich darüber, dass die Rechten nun wieder «das Internet vollplärren» mit dem immergleichen Unsinn: Merkel ist schuld, alle abschieben, wir kennen es. Genauso wie die Gegenseite, die sich laut Othmann die «grösste Mühe» gebe, ein «islamistisches Tatmotiv» zu relativieren. Im «Tages-Anzeiger» geschah letzteres.
Othmann begründet auch, wieso die Wortwahl bei einem so schrecklichen Drama entscheidend sei. Sie schreibt, ganz generell: «Zum Unwort wird ‘Einzeltäter’ aber, wenn es im Sinne von ‘Einzelfall’ verwendet wird, denn das ist schlichtweg falsch. Im Zusammenhang mit ‘psychisch krank’, irreführend.»
«Psychisch krank» sei nicht gleichbedeutend mit «schuldunfähig». «Psychisch krank» bedeute aber auch nicht «potentieller Terrorist». Spreche man also nur von «Einzeltäter» und «psychisch krank», sei es verharmlosend und unterschlage den politischen Kern der Tat.
Diese Tragödie zeigt einmal mehr auf, dass eine vernünftige öffentliche Debatte über Islamismus, Asylwesen und Integration praktisch unmöglich ist – erst recht mit dem emotional aufgeladenen Hintergrund eines Attentats. Es gibt nur noch Scharfrichter und unverbesserliche Verteidiger. So klar lässt sich aber keine Trennlinie ziehen. Medien wären dazu da, solche Fälle sauber aufzuarbeiten – und sich nicht auf eine Seite zu schlagen.

In der Rubrik «Zeitungsente» küren wir die gewagteste Mediengeschichte der Woche. Schauen Sie vorbei, wenn wir jede Woche eine neue Geschichte ehren. Was stimmt, was ist übertrieben, was ist schlicht falsch? Der Nebelspalter spaltet den Nebel.

Mehr von diesem Autor

image

Zeitungsente der Woche: Hauptsache, es wird gejammert

Sebastian Briellmann15.10.2021comments
image

Bloss kein Corona, Verluderung der deutschen Sprache, Gender-Gaga und Posse um Buchprojekt

Sebastian Briellmann13.10.2021comments

Ähnliche Themen