Zeitungsente der Woche: SRF hätschelt Klimaaktivisten

Zeitungsente der Woche: SRF hätschelt Klimaaktivisten

Das Schweizer Fernsehen kann sich offensichtlich schlecht mit dem Nein zum CO2-Gesetz abfinden. Wie ist es anders zu erklären, dass am Tag nach der Abstimmung in einem SRF-Artikel nur Befürworter zu Wort kommen, die wenig überraschend nicht viel mit der Entscheidung des Stimmvolks anfangen können?

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von Sebastian Briellmann am 18.6.2021, 11:00 Uhr
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Der Montag muss ein schwieriger Tag für das Schweizer Fernsehen gewesen sein; das Nein zum CO2-Gesetz, das darf man so festhalten, war wohl eher nicht im Sinne der Journalisten in Leutschenbach. Dabei haben diese bis zum bitteren Ende am Sonntagabend alles versucht – und sogar grosszügig auf die eigene Neutralität verzichtet.
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Screenshot SRF
Und dann, Montag, Katerstimmung, Wunden lecken. Irgendetwas muss sich doch tun lassen, für das Klima. Ein Zeichen setzen, oder zumindest aufzeigen, wie ignorant der Nein-Stimmende sich verhalten hat? Kein Problem. Schnell waren Kritiker gefunden, die mit der Entscheidung haderten. Das Resultat: «Schweiz verliert an Boden beim Kampf gegen den Klimawandel.»
Das SRF findet für seine These zwei Kronzeugen, die wenig überraschend kaum angetan sind vom Entscheid des Schweizer Stimmvolks: Ein Vertreter der deutschen NGO Germanwatch, die laut SRF einen «viel beachteten Klimaschutz-Index» herausgebe. Und einen Mitarbeiter von ClimateAction-Tracker, «einem Projekt», wie SRF schreibt, «in dem Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen die Klimamassnahmen der Staaten vergleichen und schauen, ob diese mit den Zielen des Pariser Klimaabkommens in Einklang sind».
Wieso fühlt sich ein Service-Public-Sender bemüssigt, zwei Organisationen, die aus ideologischen Gründen für mehr Klima-Staatsausgaben sind, unwidersprochen eine Plattform zu geben?

Die ausgezeichnete Recherche

Die Gratis-Werbung für Germanwatch und ClimateAction-Tracker zeigt, wie leicht es für NGO und sonstigen aktivistischen Gruppen mittlerweile ist, in grossen und einflussreichen Medien ihre Botschaften zu platzieren. Die «Welt» hat zu Beginn dieses Jahres in einer ausgezeichneten Recherche aufgezeigt, wie «Medien einer Umweltorganisation auf den Leim gehen». Es geht, genau, um den Klima-Index von Germanwatch.
Die deutsche Tagesschau berichtete etwa: «Dürre, Stürme, Überschwemmungen – die Folgen des Klimawandels werden immer deutlicher sichtbar, und sie treffen vor allem arme Länder.» Und der Spiegel schrieb: «Stürme, Hitze, Dürren: In den vergangenen 20 Jahren plagte Extremwetter Deutschland wie nur wenige andere Länder der Welt.»

Die merkwürdige Chance

Stimmt aber alles gar nicht. Kurzfassung des Berichts in der «Welt»: Die gut aufgestellte Lobby-Organisation arbeitet zwar mit seriösen Daten, zieht daraus aber die falschen Schlüsse. In der «Welt» heisst es: «Der Germanwatch-Index zeigt weder die Folgen des Klimawandels, noch wird Deutschland besonders von Extremwetter geplagt.» Das ist in der Schweiz wohl kaum anders – dennoch wird im SRF-Bericht davon gesprochen, wie sehr unser Land nun zurückfallen werde beim Klimaschutz.
Alles ganz schlimm also, alles dem Untergang geweiht? Nicht ganz, eine Chance habe das Nein fürs CO2-Gesetz auch ergeben, berichtet SRF. Man habe nun zumindest theoretisch die Möglichkeit, wird der ClimateAction-Tracker-Aktivist zitiert, in einem neuen Anlauf noch «ambitionierter» zu werden.
Schön wäre es bereits, wenn zumindest das SRF ein bisschen ambitionierter würde – und auch in schweren Stunden ihre eigenen Richtlinien, ausgewogene Berichterstattung und so, beherzigen würde. Das hilft auch dem Klima, also der Befindlichkeit bei den Zuschauern.

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