Zeitungsente der Woche: Für Granit Xhaka gilt bereits Impfpflicht. Ist er nur noch ein Mensch zweiter Klasse?

Zeitungsente der Woche: Für Granit Xhaka gilt bereits Impfpflicht. Ist er nur noch ein Mensch zweiter Klasse?

Der «Blick» und der «Tages-Anzeiger» geisseln den Fussballer, weil er sich nicht impfen lässt. Offensichtlich darf er als einziger Schweizer nicht mehr selber entscheiden, was er für richtig hält.

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von Sebastian Briellmann am 3.9.2021, 12:00 Uhr
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«Verantwortungslos.» («Blick»)
«Fahrlässig.» («Tages-Anzeiger»)
Granit Xhaka, kampfeslustiger, kampferprobter Captain der Schweizer Fussballnationalmannschaft, ist positiv auf das Coronavirus getestet worden. Er fehlt deshalb dem Team vor den wichtigen WM-Qualifikationsspielen gegen Italien und Nordirland. Wo die Sportredaktionen normalerweise klagen würden ob des gewichtigen Ausfalls, schäumen sie nun vor Wut: Denn Granit Xhaka ist nicht geimpft.
Es gibt wohl kaum einen Schweizer Prominenten, der in seiner Karriere nebst viel Lob auch viel Kritik einstecken muss wie Xhaka. Für seine sportlichen Leistungen, für seinen vor Selbstvertrauen manchmal fast platzenden Charakter, für seine Haarfarbe manchmal auch. Es gibt ein Unwort, das gerne verwendet wird, wenn von ihm gesprochen wird: «polarisieren».
Xhaka, 29, lächelt das gerne weg, und dennoch lässt er (unfreiwillig) immer wieder durchblicken, dass ihn solche Kritik trifft, dass er, ein Hochbegabter auf dem Fussballplatz, ein Testosteron-Weltmeister, vielleicht auch nur wie ein Normalo reagiert, wenn er unter medialem Dauerbeschuss steht.
Nun, man muss fairerweise einwenden, dass Xhaka einen grossen Anteil daran hat, wie er beurteilt wird. Vieles, was er tut, müsste nicht sein – und eine Spur leiser, ein bisschen weniger vollmundig, wäre in einem Land wie der Schweiz, das sich in der Moderne nur einen Helden, der einigermassen kritikbefreit durchs Leben kommt, leisten will (Roger Federer), vielleicht keine schlechte Idee. Wer sich, wie Xhaka das gerne tut, dann noch mit seinen Kritikern anlegt, muss den Gegendruck annehmen können. (Lesen Sie hier: Die Schweiz hat die liberalsten Fans.)

Darf man noch selber entscheiden?

Was sich Xhaka in diesen Tagen jedoch anhören und über sich lesen muss: Es ist zu viel des Guten. Jeder Bürger dieses Landes darf enttäuscht sein, wenn sich einer, der gerne als «Vorbild» hochstilisiert wird (warum muss jeder Fussballer eigentlich Vorbild sein? Weil er viel verdient?), sich gegen die Impfung entschieden hat. Ich, doppelt geimpft, kann es auch nicht nachvollziehen. Aber das darf keine Rolle spielen: In der Schweiz darf meines Wissens noch immer jeder selber entscheiden, ob er sich impfen lassen will oder (noch) nicht.
Es wäre wünschenswert, dass dies so bleibt.
Viele Medien sehen das anders, was dazu führt, dass einzelne Menschen an den Impfpranger gestellt werden. Für Granit Xhaka, man kann es nicht anders deuten, gilt schon die Impfpflicht. Und er ist offenbar der einzige Schweizer, für den das gilt. Man muss das schon fast zum Kompliment umdeuten.
Wenn man die Kommentare liest, ist aber nicht viel Lob, sondern brutaler Tadel. «Blick»-Sportchefin Steffi Buchli wünscht Xhaka in ihrem offenen Brief zwar gute Genesung, nur um gleich anzufügen: «Gute Besserungswünsche haben über 10'000 Menschen in unserem Land leider nichts mehr genützt. Sie sind an Covid-19 verstorben.» Das klingt wie moralische Erpressung.

Verantwortungslos?

Für den «Tages-Anzeiger» sorgt Xhakas «unprofessionelles» Verhalten für «Erstaunen und Kopfschütteln». Und es ist anscheinend klar: «Bis er seine Haltung dazu ändert, handelt er fahrlässig und gedankenlos, ohne Sinn für das, was gerade in seinem Beruf gefragt und wie zentral der Teamgedanke ist.»
Ein Mensch, der sich nicht impfen lässt, ist also: verantwortungslos, unprofessionell, fahrlässig. Ist dieser Mensch, Granit Xhaka, ein Mensch zweiter Klasse?
Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass gerade jene Medien, die bei berechtigter Kritik an Xhaka gerne von Xenophobie fabulieren, nun speziell auf den Umstand hinweisen, dass doch gerade Xhaka, dieser Superstar mit Migrationshintergrund, für alle infizierten und ungeimpften Reiserückkehrer aus dem Balkan mit einer klaren Botschafts fürs Impfen positiv hätte Einfluss nehmen können. Jetzt ist er selber der Buhmann. Man ist der Frage nicht abgeneigt, ob das nicht auch etwas rassistisch angehaucht daherkommt? Sicherlich ist es ein Fall von Heuchelei.
Warum sich Granit Xhaka nicht hat impfen lassen, ob er vielleicht sogar eine gute Erklärung dafür hat (die er, und diese Feststellung ist wichtig, natürlich nicht haben muss): Interessiert niemanden.

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