Wie lange muss «Der Bund» noch sterben?

Wie lange muss «Der Bund» noch sterben?

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von Martin A. Senn am 9.4.2021, 06:31 Uhr
Die 170-jährige liberale Berner Tageszeitung  «Der Bund» verliert auch den letzten Rest ihrer Unabhängigkeit. (Bild: derbund).
Die 170-jährige liberale Berner Tageszeitung «Der Bund» verliert auch den letzten Rest ihrer Unabhängigkeit. (Bild: derbund).
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Das einstige Kampfblatt des liberalen Bundesstaats wird weiter gequält. Jetzt will Tamedia die ganze Redaktion mit der «Berner Zeitung» zusammenlegen.

Lebensverlängernde Massnahmen machen Sterbende zu Untoten. Die 170 Jahre alte Berner Tageszeitung «Der Bund» ist ein solcher Fall. Von dem einstigen liberalen Kampfblatt ist längst nicht mehr als eine Hülle übrig. Ein in Fraktur gesetzter Zeitungskopf ohne eine eigene Persönlichkeit. Es ist Zeit, den Titel in Würde sterben zu lassen und ihn in die herausragende Bedeutung zu entlassen, die ihm in der Geschichte des schweizerischen Bundesstaats zukommt. Eine gänzlich einseitige, persönliche Würdigung.
Es war, als zöge sich eine unsichtbare Mauer durch Bern. Kein «Bund»-Leser, der etwas auf sich hielt, hätte sich an einem der anderen Blätter vergriffen, die die Bundesstadt über die Jahrzehnte kommen und gehen sah. Am Sonntagmorgen fuhr mein Vater jeweils an den Bahnhof, um «La Suisse Dimanche» zu kaufen: Lieber den YB-Matchbericht auf Französisch lesen als in der Sonntagausgabe des «Berner Tagblatts».
Das ist längst vorbei. Inzwischen kommt das Redaktionelle der Berner Blätter weitgehend aus einem Topf und die meisten Zutaten aus Zürich. Und nun soll alles nur noch aus einer Küche kommen. Die Redaktionen des «Bund» und der «Berner Zeitung», entstanden 1979 nach einer langen Fusionskaskade aus dem «Berner Tagblatt» und den «Berner Nachrichten», sollen fortan komplett zusammengelegt werden. Das von der Eigentümerin, der Zürcher Tamedia AG, eingeführte «Berner Modell» wird vollends zum Berner Eintopf. Erhältlich in zwei verschiedenen Verpackungsfarben, einmal unter dem Brand «Bund» und einmal als «Berner Zeitung». Der letzte Bruch in der Berner Pressegeschichte ist damit vollzogen.
«Der Bund» war für viele Generationen von Stadtberner Freisinnigen und Liberalen die Zeitung schlechthin. Redaktoren «am Bund», wie man leicht stelzig sagte, waren Respektspersonen. Als ich in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre als frischgebackener Inlandredaktor in diesen geweihten Kreis aufgenommen wurde, musste ich mir auf eine Zehe stehen, um sicher zu sein, dass ich nicht träumte.
Kampfblatt des Bundesstaats
Die grosse Geschichte des Blattes schwang im Hinterkopf stets mit. Die erste Nummer war am 1. Oktober 1850 erschienen, das Jahresabo gab’s damals für 26 Batzen. Initiiert worden war die Zeitungsgründung von einer Gruppe junger Verfechter des Bundesstaats. Einer von ihnen, der spätere Bündner Nationalrat Andreas Rudolf von Planta, gewann für das Projekt auch in seinem Heimatkanton Anhänger. Als Bern zum Bundessitz bestimmt worden war, erreichte er an einer Versammlung «die Gründung eines ausserhalb der Parteien stehenden grossen Zentralorgans», das den neugegründeten Bundesstaat fördern sollte. Als Verleger konnte der Solothurner Buchhändler Franz Louis Jent gewonnen werden. Anfänglich wurde das Blatt von einem Alleinredaktor geschrieben.
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«Bund»-Verkäufer vor der alten Berner Bahnhofshalle. (Bild: derbund)
Auf eine Begrüssung der Leserschaft oder oder auf eine Vorstellung der neuen Zeitung verzichtete der Redaktor in der ersten Nummer, für solchen Marketing-Schnickschnack waren die Zeiten zu ernst. Stattdessen eröffnete er das Blatt mit einem Leitartikel zur «Freiburger Frage» und einem feurigen Plädoyer für die neue, liberale Bundesverfassung. Unbedingt gelte es nämlich zu verhindern, warnte er, «dass die neuen Behörden den Gang der alten nehmen und denselben nicht verlassen wollen, ohne durch ganz besonders zwingende Umstände dazu veranlasst zu sein». Das neue Blatt wollte der Stachel sein, der den Bundesstaat vorantrieb.
Heute dient die «Gouvernementalität», die man dem «Bund» früher gerne vorhielt, vor allem der rot-grünen Mehrheit in der Stadt. Und interessanterweise auch der alternativen Gegenwelt rund um die Berner Reitschule. Der Prestigeverlust, den das Blatt dadurch in bürgerlichen Kreisen erlitten hat, ist nicht zu unterschätzen. Das offensichtlich mangelnde Interesse potenter Berner Investoren an der Rettung des «Bund» als eigenständige Zeitung spricht Bände.
Verboten im Deutschen Reich
Seine ursprüngliche, freiheitlich-liberale Linie hielt der «Bund» bis weit ins 20. Jahrhundert. Im Ersten Weltkrieg rieb man sich an den einheimischen Sozis und ihrem Leibblatt, der «Berner Tagwacht». Und noch heftiger später an den totalitaristischen Tendenzen im nördlichen Nachbarland. Von 1934 bis 1945 war der «Bund» im Deutschen Reich verboten, so wie auch die «Neue Zürcher Zeitung» und die Basler «Nationalzeitung». Das Etikett «freisinnig» streifte das Blatt dann nach dem Krieg allmählich ab. Ab 1958 erklärte sich der Bund im Zeitungskopf zur «unabhängigen liberalen Tageszeitung».
Als Verleger wirkten 100 Jahre lang die Nachfahren aus der Familie des Zeitungsgründers Franz Louis Jent. 1961 übernahm schliesslich Werner H. Stuber den Verlag, bis dieser 1992 an Ringier, NZZ und Publicitas verkauft wurde. Es dürfte der Bau eines neuen Druckzentrums am Stadtrand gewesen sein, der der Zeitung ihre Unabhängigkeit kostete. Die Zahlen waren allerdings schon vorher nicht mehr so, dass der Verlag sich sehr viel länger auf eigenen Füssen hätte halten können.
Stadtbekannter «Bund»-Turm
Die Zusammenlegung der Konkurrenz zur mächtigen «Berner Zeitung» hatte dem «Bund» ab Ende der Achtziger Jahre immer stärker zugesetzt. Der Inserate-Verkauf schrumpfte massiv. Aus journalistischer Sicht aber waren es immer noch rosige Zeiten. Die Redaktoren, die vom Verleger jeden Montagmorgen am Redaktionseingang per Handschlag begrüsst wurden, genossen reichlich Freiheiten und journalistische Möglichkeiten. Immer noch schickte das Berner Blatt eigene Auslandkorrespondenten in die Welt. Und die Nähe zum Bundeshaus, das nur drei Gehminuten vom Eckhaus mit dem markanten «Bund»-Turm an der Effinger- und Monbijoustrasse entfernt lag, bot der Inlandredaktion einen bedeutenden Standortvorteil gegenüber der schreibenden Konkurrenz. E-Mails und Internet kannte man ja noch nicht.
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Ein Steinwurf neben dem Bundeshaus: Der Turm des alten Redaktionsgebäudes.
Die «Bund»-Redaktion bestand zu einem grossen Teil aus erfahrenen Herren, viele mit Doktortitel und alle mit jahrelanger Expertise in ihrem Fachgebiet. Und die wenigen Frauen waren umso stärkere, profilierte Persönlichkeiten wie Therese Giger und Marianne Heimoz etwa, beide später erfolgreiche FDP-Politikerinnen.
À propos «Schifflikapitän»
Als junger Redaktor wurde man von den älteren Kollegen an die Hand genommen. Mein Ressortleiter, Konrad Stamm, nahm mich mit zum letzten grossen Interview, das Bundesrätin Elisabeth Kopp vor ihrem Rücktritt gab. Oder man wurde reihum in die verschiedenen Geheimnisse wenn nicht des Journalismus, so immerhin des Hauses eingeführt. Eines der grössten hütete der Feuilleton-Chef, Charles Cornu: Wer nämlich der stadtbekannte «Schifflikapitän» war, der allwöchentlich unter der Rubrik «À propos» die Berner Prominenz so liebenswürdig durch den Kakao zog. Eines Tages kam Cornu in mein Büro, schloss die Tür hinter sich und eröffnete mir mit bedeutungsvoller Miene, dass es in Wahrheit drei «Schifflikapitäne» gebe und dass ich einer von ihnen werden sollte.
Derart gebauchpinselt behielt ich den «Bund» stets in bester Erinnerung, die sich über die Jahre laufend weiter verklärte. Nicht einmal die Übernahme durch Ringier – Frank A. Meyer wolle eine eigene Zeitung, spöttelte man in der Stadt – änderte etwas daran. Als Mitte der Neunziger Jahre die NZZ die Führung übernahm, keimte sogar etwas mehr Hoffnung auf. 2004 wurde der Verlag dann von der Espace Media übernommen, deren Hauptaktionärin seit 2007 die Tamedia AG ist.
Der «Bund» - Auflage noch rund 34'000 Exemplare - hat nichts mehr zu tun mit der Zeitung, in der ich Journalist geworden bin, und erst recht nicht dem alten liberalen Kampfblatt. Damals konnten wir uns aber gerade noch so auf die grosse alte Zeit des Blatts berufen. Heute ist es dafür zu spät. Der Umbruch in der Medienwelt ist zu gigantisch. Höchste Zeit, dem Untergang ein Ende zu setzen. Die Erinnerung an einen grossen Titel ist allemal besser als die endlose Abfolge von stets schlechter werdenden Epigonen.
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