Somms Memo

Wer in der Grossstadt lebt, ein gutes Einkommen hat, wählt links – und verabscheut, wer anders denkt. Der neue Klassenkampf.

image 9. August 2023 um 10:01
Praxis der Intoleranz: Klimakleber bei der Verrichtung ihrer fortschrittlichen Tätigkeit. (Bild: Keystone)
Praxis der Intoleranz: Klimakleber bei der Verrichtung ihrer fortschrittlichen Tätigkeit. (Bild: Keystone)
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Die Fakten: Eine Studie kommt zum Schluss, dass Linke, Gutverdiener und Grossstädter intoleranter sind als die mittelständische Rechte auf dem Land. Warum das wichtig ist: Das Establishment wird immer unduldsamer. Eine Art Klassenkampf von oben soll das eigene Versagen überspielen. Forscher der Technischen Universität Dresden haben für die deutsche Stiftung Mercator eine umfangreiche Untersuchung zum Thema «affektive Polarisierung» in Europa vorgenommen:
  • Rund 20 000 Leute in zehn ausgewählten EU-Ländern wurden befragt: in Deutschland, Frankreich, Griechenland, Italien, den Niederlanden, in Polen, Schweden, Spanien, Tschechien und Ungarn
  • Die Schweiz wurde nicht berücksichtigt

Unter «affektiver Polarisierung» versteht man die Tatsache, wie gut ein Mensch mit jemandem umgehen kann, der eine andere Meinung vertritt als er selbst.
  • Ich bin maximal «affektiv polarisiert», wenn ich dem anderen lieber den Kopf abreisse, als seinen Standpunkt hinzunehmen, den ich nicht teile – man könnte auch sagen: ich bin borniert und stolz darauf
  • Wenn ich den Andersdenkenden trotzdem leben lasse, bin ich minimal «affektiv polarisiert». Das bedeutet keineswegs, dass ich gutheisse, was er sagt oder meint, aber ich wünsche ihn nicht in die Hölle (oder nicht so häufig)

Davon zu unterscheiden, wenn auch nahe damit verwandt, ist die «politische Polarisierung» – sie misst, wie weit die Positionen in der Bevölkerung auseinanderliegen.  Wenn die einen in die EU wollen, die anderen um jeden Preis nicht, dann sind das schwer vereinbare Meinungen – die Polarisierung ist hoch, dennoch sorgt die Demokratie in der Regel dafür, dass selbst solche Konflikte ohne Bürgerkrieg gelöst werden.  Man stimmt einfach ab – oder wählt eine andere Partei an die Macht. Die Mehrheit entscheidet – ob sie nun recht hat oder nicht.
  • Einen solchen Beschluss, der einem nicht passt, fröhlich zu akzeptieren, ist eine Voraussetzung dafür, dass die Demokratie überlebt. Wer das nicht kann, greift irgendwann zu den Waffen

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So gesehen sind die Ergebnisse der Dresdner Studie keinesfalls ermutigend. Aus zwei Gründen:
1. Es erweisen sich ausgerechnet jene als am intolerantesten, die es sich eigentlich leisten könnten, etwas grosszügiger zu sein:   Sie sind Akademiker – und älter Sie erzielen ein hohes Einkommen Sie leben in der Grossstadt Sie wählen links Und wer ihre Ansichten nicht teilt, den möchten sie am liebsten auf den Mond schiessen. Sicher halten sie sich für besonders modern und tolerant
2. Wenn solche Leute, die man auch als Angehörige der Elite bezeichnen könnte, sich so unnachsichtig über das «tumbe Volk» erheben, dann hat das ein übles Geschmäcklein, es riecht nach: Klassenkampf von oben Arroganz der Macht Irgendwann wehren sich die «tumben Leute», die gerne Auto fahren und in überzahlten Wohnungen in der Agglo schwitzen oder frieren. Dann schmeckt es nach Revolution.

The Big Picture: Interessanterweise ist die «Klassenfrage», also die soziale Ungleichheit, keine Frage mehr, die die Menschen speziell gegeneinander aufbringt.  Hier massen die Forscher eine unterdurchschnittliche affektive Polarisierung. Das ist erstaunlich – zumal kein Thema die europäische Politik in den vergangenen gut hundert Jahren dermassen geprägt hat; ja der zentrale Gegensatz zwischen der Linken und den Bürgerlichen beruhte darauf.

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Wenn sich die Menschen in der EU heute in die Haare geraten, dann sind es zwei Themen, die an erster Stelle dafür verantwortlich sind
  • Klimawandel und Zuwanderung
  • Bei keiner Frage ist die «affektive Polarisierung» grösser, nie hassen sich die Menschen für eine abweichende Meinung leidenschaftlicher

Wir erleben ein Duell der Blinden und Einäugigen:
  • Für die Linke ist jeder ein Klimaleugner, der daran zweifelt, dass wir die fossilen Brennstoffe in zwei Wochen zum Verschwinden bringen
  • Die Rechte sieht böse Mächte am Werk, denen es darum gehen soll, Europas Bevölkerungen auszutauschen. Wer das nicht glaubt, gilt als Verräter

Dazu passt dieser Befund:
  • 55 Prozent der Befragten in allen Ländern möchten die Zuwanderung einschränken, nur 25 Prozent wären gerne weiterhin grosszügig
  • Trotzdem lassen sich die politischen Eliten in den meisten EU-Ländern dadurch nicht beirren. Sie halten an einer verfehlten und offensichtlich nicht mehrheitsfähigen Immigrationspolitik fest, als wäre nichts geschehen

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Wie es weitergeht: Auf die Dauer kommt das nicht gut. Statt das eigene Versagen zu vertuschen, indem man einfach schweigt und auf die Komplizenschaft der meisten Journalisten vertraut, die ebenso gerne schweigen, wo sie sonst doch so gesprächig sind, wäre ein Politikwechsel angezeigt. Noch ist davon nichts zu sehen. Auch die Klimapolitik dürfte die etablierten Eliten in Schwierigkeiten bringen:
  • Haben die Politiker nicht sehr viel versprochen? Netto Null bis 2050 – ohne darauf hinzuweisen, dass wir unser Leben radikal ändern müssten und wir dafür auch noch teuer zu bezahlen haben
  • Und das bei einem Thema, das, wie Figura zeigt, inzwischen am meisten polarisiert, wo insbesondere die eine Seite, die linke und grüne und gut ausgebildete, für abweichendes Verhalten etwa so viel Verständnis hat, wie ein Metzger für den Standpunkt des Kalbes, bevor es zu einer Wurst verarbeitet wird

Wenn es im Volk rumort, wenn die falschen, gefährlichen Parteien deshalb auf einmal anschwellen – und dem Establishment nichts Klügeres einfällt, als die Dinge auszusitzen und für dumm zu erklären, wer widerspricht, wenn aus dem politischen Gegner, den man bekämpft, schliesslich ein Feind wird, den man besser vernichtet, dann stehen unruhige Zeiten bevor.  Und die Intoleranten in ihren schönen Villen mit Solardach werden hoffen müssen, dass das neue Establishment nicht so intolerant ist wie sie selbst. Oder um es mit dem Dalai Lama auszudrücken: «Wenn es darum geht, Toleranz zu üben, ist der Feind der beste Lehrer». Ich wünsche Ihnen einen wundervollen Tag Markus Somm Wer es genauer wissen will: Studie der TU Dresden

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