Task Force: Sogar den Stressforscher stresste der Job

Task Force: Sogar den Stressforscher stresste der Job

Die wissenschaftliche Task Force in der Schweiz sollte weit mehr tun als die Ansteckung zu reduzieren. Deshalb gehören ihr Experten aus verschiedenen Fachrichtungen an. Nur merkt man davon nichts. Was hat beispielsweise der Stressforscher in diesem Gremium bewirkt, bevor er den Bettel hinwarf?

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von Stefan Millius am 19.4.2021, 12:03 Uhr
Dominique de Quervain. (Bild: Youtube)
Dominique de Quervain. (Bild: Youtube)
Dominique de Quervain leidet unter demselben Schicksal wie fast alle Mitglieder der «Swiss National Covid-19 Science Task Force», die so heisst, als würde sie sich der Sprache in ihrem eigenen Land schämen: Kein Mensch kannte ihn, bevor er in das beratende Gremium des Bundesrats berufen wurde. Nun hat er es in die Schlagzeilen geschafft, aber erst durch seinen Rücktritt aus der Task Force.
Leise gehen wollte er offenbar nicht. Er trat zum Schluss auf Twitter noch kräftig nach.
De Quervain ist nicht der erste, der die Beratungstruppe verlässt. Ein «Knall», wie einige Zeitungen schrieben, ist sein Abgang aber nicht. Die Task Force ist mit 76 Mitgliedern gutschweizerisch überfrachtet, da fällt einer mehr oder weniger kaum auf.

Freie Rede reichte nicht

Überhaupt: Von welchem Korsett spricht Dominique de Quervain? Hat ihm jemand den Mund verboten oder den Twitterzugang gesperrt? Nichts von beidem, er konnte stets sagen, was er wollte. Aber wie andere zuvor reichte ihm das offenbar nicht. Dass der Bundesrat nicht jede Empfehlung der Task Force umsetzte, dass einige Parlamentarier kritisierten, die Wissenschaftler seien zu omnipräsent und wirkten wie ein verlängerter Arm der Regierung: Das empfand er offenbar als Korsett.
Dabei stellt die Task Force auf ihrer Webseite ja selbst gleich einleitend fest:

«Die Task Force trifft keine Entscheidungen zu Massnahmen oder Handlungen.»

Auszug aus sciencetaskforce.ch
Darauf legt auch ihr Präsident Martin Ackermann in jedem Interview viel Wert, nur um dann dennoch permanent unterschwellig empört zu sein, dass nicht alles, was seine Truppe sagt, sofort zum bundesrätlichen Dekret wird.

Beraten und schweigen

Der Frust der Wissenschaftlertruppe hat einen anderen Ursprung. Allmählich hat sich bei vielen Beobachtern die Einsicht durchgesetzt, dass es wenig Sinn macht, wenn die Wissenschaftler am Dienstag vor den Kameras sagen, was man unbedingt sofort tun müsste und der Bundesrat am Mittwoch etwas anderes verkündet. Der Ruf nach einem diskreteren Auftreten scheint die Mitglieder der Task Force zu beleidigen.
Dabei ist der Ruf berechtigt. Die Aufgabe der Task Force wäre eine ganz andere, weit weniger offensive – und viel weniger glamourös. Ein beratendes Gremium sollte hinter den Kulissen beraten und das Ergebnis dann schweigend akzeptieren. Auch bei Unzufriedenheit. Ein guter Berater ist unsichtbar, und sein Ratschlag ist unverbindlich. Für die Bevölkerung wurde es durch das offensive Auftreten der Task Force mit ihrem ausgeprägten Eigenleben aber immer undurchsichtiger, wer denn nun wirklich das Sagen hat. In einer Zeit der unpopulären Massnahmen ist das Gift.

Spezialgebiet: Stress

Besonders interessant ist der Rücktritt von Dominique de Quervain aus einem anderen Grund. Im Unterschied zu Christian Althaus, welcher der Task Force Ende Januar den Rücken kehrte, ist er kein Epidemiologie, sondern Neurowissenschaftler mit Spezialgebiet Stress. Das ist eine Kompetenz, die in der Beratertruppe durchaus Sinn macht.
Denn Stress, so viel ist sicher, herrscht derzeit in der Schweiz. Und zwar nicht nur unter den direkten Opfern des Virus. Eine in gewissen Branchen stark steigende Arbeitslosigkeit, verunsicherte Jugendliche ohne berufliche Perspektive, vereinsamte alte Menschen: Das und mehr wäre ein grosses Tummelfeld für einen Stressforscher.

Interdisziplinär, aber einseitig

Dass das Gremium interdisziplinär zusammengesetzt ist und ihm auch andere medizinische Fachleute oder Ökonomen angehören, ist also sehr vernünftig. Nur hat man bisher leider nichts davon gemerkt. Die Forderungen der Task Force beziehen sich ausnahmslos auf den Schutz vor der Verbreitung des Coronavirus. Kein Wort der Ökonomen zu den wirtschaftlichen Kollateralschäden – und zumindest gegen aussen kein Wort vom Stressforscher de Quervain zu den Folgen auf die Gesellschaft und ihr Nervenkostüm.
Seinen Rücktritt muss man schon deshalb nicht beklagen, weil er sich in der Task Force entweder zu wenig für sein Spezialgebiet eingesetzt oder sich damit nicht durchgesetzt hat.

Bestehende Kommission hätte gereicht

Kommt dazu: Ginge es allein um die epidemiologische Gefahr, hätte es die Task Force gar nie gebraucht. Für diesen Fall gibt es seit langem die «Eidgenössische Kommission für Pandemievorbereitung und -bewältigung», kurz EKP, mit 14 Mitgliedern. Wie es der Name schon sagt, war sie ausdrücklich nicht nur für die Pandemieprävention gedacht, sondern auch als begleitende Kommission während der Pandemie.
Die EKP leidet derzeit unter arger Langeweile, weil sie ausgebootet wurde mit dem Mandat, welches das Bundesamt für Gesundheit der neuen Task Force erteilte. Diese ist mehr als fünf Mal so gross und vielfältiger zusammengesetzt als die EKP. Sie sollte entsprechend auch verschiedene Aspekte der Coronasituation beleuchten, bewerten und in die Empfehlungen einfliessen lassen. Denn wenn nicht: Was tun satte 76 Leute aus allen möglichen Fachrichtungen da?

Ein weiterer Frustrierter

Wäre Dominique de Quervain zurückgetreten mit dem Hinweis, dass die Task Force seine warnende Stimme über den zunehmenden Stress in der Gesellschaft nicht aufgenommen habe: Es hätte Sinn gemacht. Stattdessen klingt er wie ein frustrierter Epidemiologe à la Christian Althaus. Seine Abschiedsworte auf Twitter können nur eines bedeuten: Er hat die Empfehlungen der Task Force immer brav mitgetragen. Was darauf hinweist, dass man in dieses Beratergremium nur aufgenommen wird, wenn man die von Panik geprägte Stossrichtung von Ackermann und Co. von Anfang an mitträgt.
Wenn sogar Vertreter anderer Fachrichtungen nur das Virus jagen, sich aber keine Gedanken über gesellschaftliche, wirtschaftliche und soziale Folgen der Massnahmen machen und sich so für die «anderen» Opfer stark machen, sind sie eigentlich nur eines: Überflüssig.
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