Wenn die Praxis nur stört

Wenn die Praxis nur stört

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von Gottlieb F. Höpli am 30.4.2021, 07:49 Uhr
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Wie baut man eine Organisation um? Wie organisiert man eine Gemeinde neu? Wie lehrt man angehende Pfarrer zu predigen? Drei Fragen – eine Antwort: Man nehme dazu aussenstehende Experten. Am besten solche, die mit der zu behandelnden Materie noch nie näher in Berührung kamen.

«Woran ist denn Frau Müller gestorben?», fragt eine Nachbarin. «An einer Grippe», lautet die Antwort. «Ja, aber daran stirbt man doch nicht», wendet die erste ein. «Stimmt, aber es ist noch eine ärztliche Behandlung dazugekommen», lautet die endgültige Erklärung des Vorgangs.
So erklärt sich der Volksmund seit jeher den unglücklichen Ausgang von Krisen, die durch die Intervention aussenstehender Experten «gelöst» wurden. Denn fast jeder, der in einem grösseren Unternehmen, einer Verwaltung arbeitet, hat sie schon erlebt, jene Übungen, die eines Tages mit so wohlklingenden Begriffen wie Restrukturierung, Reorganisation, Neuausrichtung etc. angekündigt wurden. Oft von einem ehrgeizigen neuen CEO mit einem Hochschuldiplom und wenig praktischer Erfahrung. Die in nicht wenigen Fällen mit einem Scherbenhaufen enden, welcher dann von einem neuen CEO und einer neuen Restrukturierung, Reorganisation, Neuausrichtung etc. beseitigt werden muss. Hauptsache, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit praktischer Erfahrung bleiben, denn von ihnen gibt es womöglich weniger als angehende Manager mit Hochschuldiplom.
In der Stadt St. Gallen sollen derzeit vier Spitex-Organisationen zu einer Spitex AG fusioniert werden. Mit einem neuen, betriebswirtschaftlich diplomierten Leiter, der sich durch einen «frischen Blick auf die Verhältnisse», zu deutsch: durch deren Unkenntnis auszeichnet. Das ist heute der Lauf der Welt, und deshalb wollen wir ihm auch nicht einfach die Schuld dafür in die Schuhe schieben, dass von den 140 Mitarbeiterinnen der bisherigen städtischen Spitex-Organisationen deren 34 gekündigt haben (vielleicht sind es inzwischen auch schon wieder einige mehr geworden). Der Geschäftsführer bedauert, hat damit aber kein grösseres Problem, und seine politische Vorgesetzte meinte gar kaltschnäuzig, für sie sei es «okay, wenn jemand sich neu orientiert. Ich habe lieber motivierte Mitarbeitende.» Hauptsache: Reorganisation. Oder, wie der Volksmund sagt: Operation gelungen, Patient gestorben.
Im schönen Städtchen Steckborn am Untersee ist soeben ein junger forscher Stadtpräsident zurückgetreten, knapp bevor er als einziges und letztes Mitglied des siebenköpfigen Stadtrats übriggeblieben wäre. Vier Mitglieder des Gremiums, der Stadtschreiber und weitere leitende Beamte haben seit 2019 gekündigt. Unverständlich. Dabei wollte er doch nur «frischen Wind in verkrustete Strukturen» bringen – mit nicht viel mehr als einem juristischen Examen im Rucksack.
Auch anderswo scheint Praxiserfahrung je länger je mehr als lästiges Hindernis zu gelten. Vor ein paar Jahren schon staunte ich über die Meldung, dass aus der Theologischen Fakultät der Uni Zürich der letzte Professor ausgeschieden sei, der seine Berufslaufbahn als Gemeindepfarrer begonnen hatte. Dabei wäre ein enger Kontakt zum Kirchenvolk doch schon deshalb in hohem Masse wünschenswert, weil der oberste Chef des Ganzen bekanntlich unsichtbar ist. Was in den letzten 2000 Jahren denn auch nicht ganz zufällig zu einer endlosen Abfolge von Restrukturierungen, Reorganisationen und Neuausrichtungen geführt hat…