Ein Bodybuilder hat mehr Durchblick als alle Intellektuellen

Ein Bodybuilder hat mehr Durchblick als alle Intellektuellen

Niemand hat in der gegenwärtigen Krise so versagt, wie öffentliche Intellektuelle. Warum es Sinn macht, den gesunden Menschenverstand auf der Strasse zu suchen.

image
von Milosz Matuschek am 28.11.2021, 08:00 Uhr
Foto: Enno Kapitza
Foto: Enno Kapitza
In der ersten Jahreshälfte des Jahres 2020 tauchte das Video eines jungen Mannes in einem Muscle-Shirt im Netz auf. Es stammt von einer Demo in Kanada und was der «Gym Bro», so hiess er dann im Netz, in die Kameras zu sagen hatte, klingt aus damaliger Sicht verrückt und heute mehr als hellsichtig:
«Erst werden sie euch vorschreiben Masken zu tragen, dann Kontakte nachzuverfolgen, dann eine Impfung zu akzeptieren. Und danach wird man euch sagen, die Impfung funktioniert doch nicht so gut wie geplant, deshalb müsst ihr alle anderen Massnahmen weiterhin befolgen und dann kommt ein Lockdown nach dem anderen. Es ist ein unendlicher Kreis, aus dem ihr nie rauskommen werdet. Im Juli, August, September wird gelockert, nur damit danach der nächste Lockdown kommt. Seid ihr zu blöd das zu verstehen? Es ist eine Möglichkeit eure Rechte, Freiheiten zu nehmen, eure Geschäfte zu schliessen, euch zu enteignen. Warum? Um euch abhängig zu machen. Warum? Wenn ihr unabhängig seid, arbeitet die Regierung für euch. Wenn ihr abhängig seid, und Geld vom Staat bezieht, weil eure Geschäfte dicht sind, beherrscht euch die Regierung. Dann haben wir im Grunde eine Sklavenklasse. Es ist nicht wirklich kompliziert das zu verstehen.»
Corona wird manchmal als Intelligenztest bezeichnet. Doch es ist vielmehr ein Test in gesundem Menschenverstand und basaler Skepsis gegenüber dem Staat. Die rationalen, verbildeten und akadämlichen Schönschreiber und Schlausprecher der Gesellschaft: Sie lagen alle komplett daneben. Sie waren ein peinlicher Totalausfall. Sie haben 70 Jahre den Anfängen in Sonntagsreden gewehrt. Doch als die Anfänge kamen, haben sie die neue Normalität mit grossem Hurra begrüsst. Eigentlich wie immer. Der Verrat der Intellektuellen in Sachen Corona ist ein irreparabler Vorgang. Wer gerade öffentliche Auszeichnungen verliehen bekommt, darf sich als Objekt einer Negativauslese betrachten.
Die Sloterdijks, die Navid Kermanis, die Richard David Prechts, die vielen TV-Philosophen, Leibnizpreisträger oder sonst wie ausgezeichneten inoffiziellen Staatsdiener: Sie haben in der ersten Prüfung versagt, während ein Typ im Muscle Shirt, der Kanadier Chris Sky, ohne viel Mühe wie der Nostradamus der Krise wirkt, obwohl er etwas sehr Einfaches gemacht hat. Er hat sich überlegt, was schlimmstenfalls alles vom Staat kommen könnte in einer solchen Krise und er kam beim Gesundheitsfaschismus raus. Was ist der Unterschied zwischen einer Verschwörungstheorie und der Realität? In etwa sechs Monate. Für manche Medien auch gerne ein Jahr.
Gerade reden wir über die Impfpflicht und noch immer kann sich keiner vorstellen, dass der Staat bald auch zur Enteignung schreiten könnte. Es ist wie bei einer Kuh, die zwar merkt, dass sie gemolken wird und zwar dreimal am Tag bis die Euter schmerzen; doch sie kann sich absolut nicht vorstellen, dass man ihr jemals auch ans Fleisch gehen könnte. Ernst Jünger schrieb hellsichtig in seinem Essay «Der Waldgang»: «Die Eigenschaft des Nutztiers zieht unweigerlich die Eigenschaft des Schlachttiers nach sich.» Es gibt Zeiten, da helfen keine Modellrechnungen von Panik-Wissenschaftlern, kein Blick ins Gesetzbuch und kein schlaues Geschwätz von Intellektuellen. Die wahren Krisenzeiten sind die, in denen man Denker der Antike wieder mit Gewinn liest, wo man Trost in Gedichten findet und Hellsichtigkeit in einem Gemälde.
Ich war viel unterwegs in den letzten Monaten: Kanarische Inseln, Panama, Costa Rica, Kolumbien, Mexiko. Ich bin nie mehr gereist als in Zeiten von Corona. Überall gibt es mehr oder weniger ein pro-Forma-Spiel rund um die Regeln. Man steht mit Abstand in der Schlange zum Flieger, nur um dann dort zusammengepfercht – alle Flieger waren stets maximal voll – mit Maske sitzend darauf zu warten, bis das Verpflegungsprogramm beginnt. Dann darf man nämlich die Maske absetzen, das Virus braucht schliesslich auch mal Mittagspause. Aber nach dem Essen bitte gleich wieder aufsetzen, sonst droht eine Anzeige. Ich darf jedenfalls nach zwei Jahren erfolgreicher Pandemiebekämpfung aktuell vielleicht noch Lebensmittel zu kaufen, wenn ich das Geld dazu habe. Wer obdachlos oder bedürftig ist, muss in Deutschland erst zur Spritzenkur, bevor er einen abgelaufenen Joghurt oder ein halbhartes Brot bei einer Tafel zugesteckt bekommt – sogar die Mildtätigkeit hat man in Deutschland schon totalitarisiert. Die Ausstellung über Spaltung des KZ Buchenwald ist dank 2G auch nur für Geimpfte zugänglich. Ob da wohl irgendwer einen pädagogischen Aha-Moment haben wird?
Wenn ich Deutschland betrete, fühle ich mich, als wäre ich auf ein Kabel gestiegen, das einem sämtliche Energie absaugt. Zu sagen, dass kein Land autistischer mit Corona umgeht als Deutschland, wäre eine Beleidigung der Autisten. Doch die Deutschen leiden eben wie kaum ein Volk seit 200 Jahren an Gesetzespositivismus und kantischem Rigorismus in der Variante der Kittel- und Beamtengläubigkeit. Sie glauben, dass ausgerechnet die Asperger-Moral eines Philosophen mit etlichen Zwangsstörungen – Kant ging mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks seine Spaziergangsroute, hatte feste tägliche Routinen von früh bis spät – der richtige Ratgeber ist, um Normen so überzuerfüllen, dass eine Art totalitärer Slapstick daraus entstehen muss. Ich bin inzwischen überzeugt: diese Gesellschaft würde in der Masse letztlich alles machen, was man von ihr verlangt.
Die bayerische Kabarettistin Monika Gruber hat kürzlich ihre Bühnenkarriere beendet, sie tritt kritisch auch bei der Aktion #allesaufdentisch in Erscheinung. Grund für ihren Rücktritt: Wenn sie morgens in der Zeitung lese, dass es nun «Menschenmilch» statt «Muttermilch» heisse, könne sie das satirisch einfach nicht mehr überhöhen. Mir geht es ähnlich. Man kann satirisch gar nicht viel über Corona schreiben, die Realsatire ist Wahnsinn genug. Man stelle sich vor, kurz vor dem Winter kommt doch tatsächlich eine «Supervariante». Sind Sie auch so überrascht?
Ich kam vor gut zwei Jahren in die Schweiz, das wohl freieste Land der Welt und das einzige, welches überhaupt eine Abstimmung zu den Massnahmen zulässt. Ich hatte nie grosse Angst vor einem übergriffigen Bundesrat. Die Politik ist mir relativ egal. Ich habe mehr Angst vor einer Mehrheitsgesellschaft, die an dieser Übergriffigkeit nichts Skandalöses mehr findet, die jede Übergriffigkeit und manche Spaltung sogar noch begrüsst. Und die noch ein paar Jahre und schlaues Rätselraten braucht, um ein paar grobe aber offensichtliche Zusammenhänge zu verstehen, die einem Typen im Muscle-Shirt schon vor 1,5 Jahren klar waren. Was würden Sie an meiner Stelle tun: kein Kulturprogramm, kein Restaurant, kein Fitnessstudio und eine Sprache, die Sie nur halb verstehen. Kann man das nicht billiger in Kasachstan oder Armenien haben? Dort wäre auch der Strompreis günstiger, falls man mal billig Bitcoin schürfen müsste.
Gerade bin ich im deutschsprachigen Raum unterwegs, um eine Doku zu drehen. Es ist ein Spiessroutenlauf: Hotels, AirBnb etc. sind für mich nicht mehr ohne irgendein G betretbar. Ich hangele mich von einem Unterschlupf zum Nächsten. Mein Stammlokal heisst Uber Eats. Ich lebe in einer Parallelwelt der Ungeimpften. Ich verstehe langsam, was dieses G bedeutet. Es ist das G für Ghetto. Der öffentliche Raum ist für mich mit Begehungsverboten gepflastert, niemand hat mich in das Ghetto gesteckt. Das Ghetto wurde um mich herum gebaut. Ich weiss nicht, wann es den anderen auffallen wird, dass es dieses Ghetto gibt. Ich weiss nur, dass meine Eltern das kommunistische Polen vor 38 Jahren sicher nicht deshalb verlassen haben, um in einem Gesundheits-Ghetto von Chinas Gnaden zu leben.
Einstein meinte, es sei eine Definition von Wahnsinn, stets das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten. Ich glaube auch nicht, dass man Wahnsinn logisch auflösen kann. Und doch schreibe ich seit zwei Jahren gefühlt den immer gleichen Text, der genau das bewirken will. Ist es Ihnen auch schon aufgefallen? Verrückt, oder?

Mehr von diesem Autor

image

Nebenwirkungen der Covid-Impfung: Plötzlich und unerwartet totgeschwiegen

Milosz Matuschek9.1.2022comments

Ähnliche Themen

image

CORONA: Die aktuellen Zahlen, Trends und Fakten

Nebelspalter Datenteam20.1.2022comments