Was kostet uns der Klimawandel? Schlumpfs Grafik, Folge 19

Was kostet uns der Klimawandel? Schlumpfs Grafik, Folge 19

Steigende Temperaturen verursachen Schäden, die kosten. Um solche Schäden zu vermeiden, ergreift die Politik Massnahmen, die ebenfalls kosten. Das Finden der optimalen Balance zwischen diesen beiden Kostenblöcken ist eine schwierige Aufgabe.

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von Martin Schlumpf am 8.11.2021, 13:30 Uhr
Einseitige Propaganda: ETH-Klimaforscher Reto Knutti. Bild: Keystone
Einseitige Propaganda: ETH-Klimaforscher Reto Knutti. Bild: Keystone
Bei jeder sich bietenden Gelegenheit warnt Klimaforscher Professor Reto Knutti von der ETH Zürich – und im Schlepptau mit ihm auch Energieministerin Simonetta Sommaruga – vor stark steigenden Klimafolgekosten, die vermieden werden könnten, wenn wir sofort wirksame politische Gegenmassnahmen beschliessen. Damit ergreifen sie Partei in der Abwägung zwischen direkten Folgekosten der Erderwärmung und Kosten, die durch Massnahmen zur Vermeidung der Schäden entstehen. Aber ist es wirklich so klar, dass es das Beste wäre, wenn wir den grössten Teil unserer Mittel in politische Vermeidungsmassnahmen stecken?

Grosse Unsicherheiten bei Kostenabwägungen

Keineswegs. Denn die besten Resultate aus einer jahrzehntelangen Forschung im Bereich Klimaökonomie weisen in eine andere Richtung. Allerdings muss man bedenken, dass solche Kostenabwägungen, die notwendigerweise bis weit in die Zukunft reichen, mit enormen Unsicherheiten behaftet sind. Denn niemand weiss die genaue Antwort auf Fragen wie: Wie stark wächst die Wirtschaft? Welches Bevölkerungswachstum erwarten wir? Wie verhält sich die Teuerung? Wie stark steigt der Energieverbrauch? Welche neuen Technologien setzen sich durch?
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Ergreift sofort Partei: Umweltministerin Simonetta Sommaruga. Bild: Keystone
Trotz all diesen Unwägbarkeiten versuchen Ökonomen seit mindestens dreissig Jahren, die wichtigsten Bestimmungsfaktoren einer Klimakostenanalyse zu identifizieren und in mathematischen Modellen zueinander in Beziehung zu bringen. Das bekannteste dieser Modelle ist das «Dynamic integrated model of Climate and the Economy», kurz DICE, des amerikanischen Yale-Professors William Nordhaus. 2018 ist ihm dafür der bislang einzige Nobelpreis in dieser Sparte zugesprochen worden.

Klimafolgekosten und Kosten der Klimapolitik aufsummiert

Leider gibt es aus seinen wissenschaftlichen Publikationen keine allgemeinverständliche Grafik, die die wesentlichen Punkte zusammenfasst. Deshalb verwende ich hier eine eigene Grafik, die sich auf Björn Lomborgs Buch «False Alarm» abstützt: Lomborg verwendet dort das DICE-Modell von Nordhaus, um die Klimakosten von fünf Szenarien mit verschiedenen Temperaturzielen zu berechnen:
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Quelle: Nordhaus / Lomborg / Schlumpf

  • Schlumpf Grafik 19.png
In der Grafik sind die direkten Folgekosten aus Klimaschäden auf der linken Seite (blau), und die durch Klimapolitik verursachten Vermeidungskosten rechts (orange) dargestellt. Die fünf Zeilen repräsentieren unterschiedliche Zielvorstellungen von Temperaturerhöhungen im Bereich zwischen 2,2 und 4,1 Grad Celsius bis Ende 21. Jahrhundert. Lomborg hat die Grösse der Schäden in seinem Buch in Billionen von US-Dollars angegeben. Da aber solche riesigen Zahlen schlecht begreifbar sind, habe ich das Ganze in prozentuale Verhältnisse umgewandelt.

Je stärker die Temperaturbegrenzung, desto teurer

Als Ausgangs- und Referenzszenario von 100 Prozent dient das zuoberst gezeigte Szenario «Weiter wie bisher», weil darin der technologische Zustand erfasst ist, von dem alle anderen Szenarien abweichen. Gemeint ist der Zustand des Jahres 2010: Wenn wir von da weg bis 2100 politisch und technologisch nichts mehr verändern, hätte das Klimaschadenskosten zur Folge, die ich hier als Referenz von 100 Prozent einsetze. Entsprechend fallen in diesem Szenario auch keine Kosten für Klimapolitik an, und wir müssten mit einer Erwärmung von 4,1 Grad Celsius rechnen.
In den folgenden vier Szenarien kommen von oben nach unten immer grössere politische Anstrengungen zum Zuge, die logischerweise zu einer immer geringeren Erwärmung führen. Oder umgekehrt gedacht: Je stärker wir die Erwärmung begrenzen wollen, desto teurer werden die notwendigen Massnahmen (orange). Genau aus diesem Grund hat Nordhaus im Januar 2020 an seinem Vortrag in der Universität Zürich gesagt, dass er eine Begrenzung auf unter 2 Grad, wie im Pariser Klimaabkommen vereinbart, für nicht machbar halte.

Benzin 1 Franken 20 teurer

Lomborg veranschaulicht diesen Gedanken so: Schon um das 2,2-Grad-Ziel zu erreichen, müsste eine weltweit einheitliche Kohlenstoff-Steuer in kürzester Zeit auf etwa 500 US-Dollar pro Tonne CO2 ansteigen. Das würde bedeuten, dass jeder Liter Benzin um etwa 1 Franken und 20 Rappen teurer würde – das ist zehnmal mehr als der Aufschlag, der im CO2-Gesetz vorgesehen war, das wir diesen Sommer abgelehnt haben. Und entsprechende Preiserhöhungen würden auch alle anderen energierelevanten Produkte betreffen, und sie müssten in allen Ländern der Welt zum Zuge kommen.

Die Rechnung beruht auf der idealistischen Annahme der Ökonomen, dass die effizienteste Klimapolitik – eine weltweit harmonisierte CO2-Bepreisung – eingeführt würde.

Wie die Grafik zeigt, wären in einem solchen 2,2-Grad-Szenario allein die Kosten der Klimapolitik 26 Prozent grösser als die Gesamtkosten von «Weiter wie bisher». Und obwohl die Klimaschadenskosten hier auf 29 Prozent reduziert werden könnten – das ist das, was Knutti und Co. propagieren – , würden die Gesamtkosten insgesamt um 55 Prozent steigen. Aber es wird noch schlimmer, denn diese Rechnung beruht auf der idealistischen Annahme der Ökonomen, dass die effizienteste Klimapolitik – eine weltweit harmonisierte CO2-Bepreisung – eingeführt würde. Das wird aber in nächster Zeit nicht möglich sein. Deshalb müsste man mit mindestens doppelt so hohen Politikkosten rechnen: Um das 2,2-Grad-Ziel zu erreichen (das noch deutlich über den Pariser Zielen liegt), stiegen die Gesamtkosten auf fast das Dreifache des «Weiter wie bisher» (280 Prozent).

Gesamtkosten bei 3,5 Grad Erwärmung am tiefsten

Das aber ist ökonomisch unsinnig, und deshalb wohl auch nicht realisierbar. Was sollen wir also tun? Da im Nordhaus-Modell ja immer auch die Kosten der erwarteten Klimaschäden (blau) enthalten sind, ist es naheliegend, den Weg mit den geringsten Gesamtkosten zu favorisieren. Dieser liegt nach seinen Berechnungen beim zweiten Szenario von oben («Ökonomisches Optimum»), wo ein Drittel der Kosten des «Weiter wie bisher» eingespart werden könnten, was zu einer Erwärmung um 3,5 Grad führt. Bei allen weiteren Szenarien hätten wir zwar weniger direkte Schadenskosten, aber die Politikkosten überkompensieren das.

Es wäre an der Zeit, dass unsere Energieministerin von dieser parteiischen Sicht abrückt und sich ein realistischeres Bild der Klimaökonomie zu eigen macht.

Für viele mag dieses Optimum «schockierend» wirken, da es weit von den Pariser Zielen entfernt ist. Dieser Eindruck hängt aber sicher auch mit der einseitigen Propaganda von Knutti und Co. zusammen, die die Kosten der Klimapolitik kaum erwähnen – und wenn doch, dann in bagatellisierender Weise.

Auch andere Aufgaben sind wichtig

Es wäre an der Zeit, dass zumindest unsere Energieministerin von dieser parteiischen Sicht abrückt und sich ein realistischeres Bild der Klimaökonomie zu eigen macht: Trotz allen Unsicherheiten der Grafik zeigt sie doch sehr klar, dass die optimale Strategie darin liegt, präventiv nur sehr effektive politische Massnahmen mit möglichst tiefen Kosten zu ergreifen, damit reaktiv je nach Situation genügend Mittel zur Verfügung stehen, die nötigen Anpassungsschritte zu unternehmen. Eine solche Kostenoptimierung hat auch den Vorteil, dass alle Franken, die wir nicht in Klimakosten investieren, für andere wichtige Aufgaben noch zur Verfügung stehen.
Björn Lomborg: False Alarm: siehe hier
Referat von William Nordhaus an der Universität Zürich (englisch): siehe hier
Schlumpfs Grafik Folge 18: Asien gibt bei den Emissionen den Takt vor: siehe hier
Die wichtigsten Fakten zum Klimawandel: siehe hier

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