Was ist eine Frau?

Was ist eine Frau?

Früher gab es Männer und Frauen. Seit das Geschlecht aber zum sozialen Konstrukt erklärt worden ist, gilt diese Deutung als reaktionär. Selbst die für Oktober geplante Frauensession muss sich deshalb die Frage stellen: Was ist eine Frau?

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von Claudia Wirz am 19.4.2021, 15:00 Uhr
Was ist eigentlich eine Frau? Im Zeitalter von Inklusion, Diversity und Wokeness ist diese Frage nicht einfach zu beantworten. Im Bild: Frauenstreik von 2019.
Was ist eigentlich eine Frau? Im Zeitalter von Inklusion, Diversity und Wokeness ist diese Frage nicht einfach zu beantworten. Im Bild: Frauenstreik von 2019.
Es war so schön damals im Februar 1991, zumindest für die Auserwählten, die an der ersten Frauensession teilnehmen durften. Für einmal gab es unter der Bundeshauskuppel eine 100-prozentige Frauenquote. Das andere Geschlecht, die Männer, waren nur als Zudiener und Statisten geduldet; der eine als – etwas glückloser – Gastredner (Ständeratspräsident Max Affolter, SO, FDP), der andere als Weibel, der unter anderem für die Weingläser zuständig war, und zwei weitere als Cellisten für die musikalische Umrahmung. Die Hauptpersonen aber waren die 200 geladenen Damen, es war ja schliesslich Frauensession.

Wohlige Monokultur

Und die Frauen fühlten sich sichtlich wohl in dieser Monokultur, wie etwa Nationalrätin Judith Stamm (CVP, LU) zu Protokoll gab. Die eine oder andere wähnte die Frauen gar als die besseren Menschen. Hätten die Frauen das Sagen, wäre die Welt friedvoller, sagte Ständerätin Esther Bührer (SH, SP), natürlich ohne dafür irgendein Argument zu liefern. Ständerätin Josi Meier (LU, CVP) wiederum amüsierte sich über das generische Maskulinum in Gesetzestexten und zitierte mit überspitzter Intonation aus dem Bürgerrechtsgesetz: «Ein AusländER kann nach Eheschliessung mit einem SchweizER. . .» Gelächter erfüllte den Saal, noch ehe die Rednerin den Satz zu Ende sprechen konnte. «Gemeint sind natürlich nicht zwei Männer», rief Josi Meier sodann in den Saal, woraufhin herzhaft weitergelacht wurde.
Die Ehe zwischen zwei Männern war für die Frauensession von 1991 also geradezu eine komödiantische Vorstellung. Wie anders ist es heute im Zeitalter von Inklusion, Diversity und Wokeness! Josi Meier würde heute wohl mit einem «shit storm» bedacht und müsste sich öffentlich entschuldigen. Wer sich mit Gleichgeschlechtlichkeit einen Scherz erlaubt, muss mit zum Teil gravierenden Nachteilen rechnen, Demokratie und Meinungsfreiheit hin oder her. Und wie ewiggestrig ist heute überhaupt erst recht die Bezeichnung «Frau», angesichts der Tatsache dass es je nach Zählart drei bis mehrere Dutzend Geschlechter gibt?

Binär und reaktionär

Offenbart, wer in solchen Schemen von Frau und Mann denkt, nicht seine oder ihre reaktionär-binäre Sozialisation, in der es nur Männer und Frauen, nicht aber all die anderen Geschlechter gibt, die in den letzten 30 Jahren dazugekommen sind? Was ist im Jahr 2021 korrekterweise überhaupt noch eine Frau und darf somit an einer Frauensession teilnehmen? Und ist eine Frauensession im Bundeshaus, wie sie für den kommenden Oktober wieder geplant ist, nicht ohnehin ein ausgrenzendes Happening einer privilegierten Mehrheitsgesellschaft, welches die Gefühle von Minderheiten verletzt?
Wer zu den Guten gehören will, muss heute auf solche Fragen eine Antwort liefern können. Und das können die Organisatorinnen der kommenden Frauensession mit aller gebührenden Akkuratesse. Auf der einschlägigen Homepage muss man sich zwar durch satte acht nicht-gegenderte Zeilen kämpfen, in denen einfach nur von «Frauen» die Rede ist. Dann aber kommt endlich der erlösende Stern. Und danach wimmelt es nur noch so von Sternen, als wäre man in einem Observatorium. «246 Frauen* aus allen Regionen der Schweiz werden während zwei Tagen im Nationalratssaal Platz nehmen», heisst es auf der Webseite. Doch wofür steht eigentlich dieser Stern genau? Wer darf an die Frauensession?
Die Organisatorinnen antworten so: «Wen wir meinen, wenn wir von Frauen* sprechen: Sowohl Cis wie auch Trans*Frauen sind mit Frauen* gemeint. Aber auch Inter- und Non-Binäre-Menschen sowie Menschen, die Diskriminierung erfahren haben, weil sie in der Gesellschaft als Frau* gelesen werden oder wurden, möchten wir dazu ermutigen sich für diese Session anzumelden.»
Eigentlich heisst das also, dass vor lauter Diversität theoretisch alle an der Frauensession teilnehmen können. Schliesslich leben wir in einer Zeit, in der es zur Bestimmung des amtlichen Geschlechts nichts weiter als eine «innerliche Überzeugung» braucht. In diesem Sinne ist die Frauensession also für alle da – und macht sich damit selber obsolet.

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