Wann schellt der Wecker? Die SP erreicht jene nicht, die sie vertreten will

Wann schellt der Wecker? Die SP erreicht jene nicht, die sie vertreten will

Unabsichtlich hat Cédric Wermuth offenbart, wie weit weg vom Proletariat er lebt. Die einstige Arbeiterpartei tut sich schwer mit den Arbeitern.

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von Markus Somm am 4.9.2021, 03:40 Uhr
Cédric Wermuth, Nationalrat aus dem Aargau und Ko-Präsident der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz, SPS.
Cédric Wermuth, Nationalrat aus dem Aargau und Ko-Präsident der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz, SPS.
Cédric Wermuth, ein eloquenter, manchmal durchaus brillanter Sozialdemokrat, der nach wie vor eher wie ein Student wirkt, der seine Che-Guevara-Phase gerade abgeschlossen hat, denn wie der Ko-Präsident einer der ältesten und mächtigsten Parteien des Landes, wählt normalerweise seine Worte sorgfältig. Als er dem Blick Romandie ein Interview gab, aber offenbar nicht. «Es sind nicht die Manager in Gucci oder Prada, sondern die Menschen, die jeden Tag um acht Uhr morgens aufstehen, um den Haushalt zu machen, die Kinder zu erziehen, all das zu tun, was man unter dem Begriff ‹Care› fasst».
Was aus Sicht eines Linken gut gemeint war, nämlich klassenkämpferisch (Prada!) und feministisch korrekt (Kinder!), verriet, was Wermuth wohl nicht unbedingt verraten mochte: Dass der Arbeiterführer vom Leben der Arbeiter ziemlich wenig weiss. «Um acht Uhr morgens»? – das ist selbst für einen Studenten ziemlich spät, wenn er um zehn Uhr in die Vorlesung will, für einen «Büezer» dagegen ist dann schon bald die erste Pause fällig. In der Regel stehen die einfachen Leute, also solche, die die SP vertreten will, viel früher auf. Die Migros im Zürcher Hauptbahnhof öffnet um 6 Uhr 30, eine Kassiererin dürfte demnach schon um 5 Uhr 30 aufgestanden sein. Wenn sie Kinder betreuen muss (wie Wermuth), noch früher. Oder der Maurer, der um sieben Uhr auf der Baustelle in der Stadt erwartet wird: Vielleicht reist er aus Schlieren oder dem fernen Aargau an, steckt eine halbe Stunde im Stau und war deshalb schon um fünf Uhr wach, als Wermuth sich im Bett zum zweiten Mal von links nach rechts drehte und noch drei Stunden Schlaf vor sich hatte, bis er seine Kinder in die Krippe brachte.

Partei der Langschläfer

Gewiss, wir wollen nicht zu streng sein. Nie kämen wir auf die Idee, Wermuth zu unterstellen, es wäre ihm ein Freud’scher Versprecher unterlaufen, wonach er eben doch gesagt hätte, wen seine Partei in Tat und Wahrheit repräsentiert: jene Leute, die es sich leisten können, auszuschlafen. Müsste die SP also nicht besser SPL heissen? Die Schweizerische Partei der Langschläfer? «Depressionen», sagte ein Arbeiter einst in einem Film von Ken Loach, «sind für die Mittelklasse. Der Rest von uns muss früh aufstehen». Im Gegensatz zu Wermuth wusste Loach, Sohn eines Elektrikers, immerhin Bescheid, wie es dem Proletariat erging. Loach ist ein berühmter britischer Filmregisseur, der sich zeitlebens als Linker engagiert hat.
Wir wollen nicht zu streng sein. Sicher nicht. Und doch wies Wermuth ohne Absicht auf die Misere hin, die seine Partei seit langem plagt. Wenn Sozialdemokraten sagen, sie setzten sich für die einfachen, «ausgebeuteten» Leute ein, dann meinen sie das wohl meistens ehrlich, und dennoch gelingt es ihnen immer schlechter, diese zu erreichen. Es ist nicht so, dass ihnen das nicht selbst auffiele. Es muss sie beschäftigen. Sie erinnern ein wenig an einen Ladenbesitzer, der Modelleisenbahnen für Buben verkaufen will, aber feststellt, dass nur alte weisse Männer die Märklin-Lokomotiven erwerben. Mag sein, dass er sich damit tröstet, dass das Spielzeug halt zu teuer sei. Solange er Umsatz macht, was kümmert ihn die Demographie des Kunden?

Zu teuer, zu altmodisch, zu verquast

Die SP könnte sich das ebenso sagen – und gewiss tut sie das in milderen Momenten. Geradeso stimmt, dass ihre politischen Rezepte ähnlich wie die Märklin-Eisenbahn einfach zu teuer sind, als dass ein Büezer sie bezahlen könnte – also wählt er lieber eine weniger kostspielige Partei oder er wählt gar nicht mehr. Oft redet sich die SP auch ein, die einfachen Leute seien einfach falsch informiert oder würden verführt – von einer Partei etwa, die SVP heisst, und die angeblich an die dunkleren Instinkte des Menschen appelliert, doch richtig glücklich macht diese Interpretation die SP auch nicht. Klügere Linke wie etwa die Deutsche Sahra Wagenknecht wissen schon lange, dass die Linke in manchen Fragen einfach auf die einfachen Leute pfeift. Denn würde sie sich um sie kümmern, dann müsste sie in der Migrationspolitik eine andere Sensibilität gegenüber den ärmeren Einheimischen zeigen, was etwa Wagenknecht moniert. Stattdessen will die SP dieses heisse Eisen lieber nicht anlangen. Es wäre zu schmerzhaft, hier das Parteiprogramm zu überdenken, das den Internationalismus der einstigen sozialistischen Weltrevolution pflegt. Allemal lieber als ein parteiinterner Streit ist ihr die Nostalgie.
«Manager» – Männer sind gemeint – «in Gucci oder Prada». Der gute alte Klassenkampf. Das scheint mir das gröbste Problem der SP zu sein. Sie sehnt sich nach den Zeiten, da oben und unten so klar verteilt waren; wo die Kapitalisten die Bösen, die Proletarier die Armen, und die Sozialdemokraten die Guten waren. Ganz falsch ist ja dieses Selbstbild nicht für – sagen wir Russland im Jahr 1895 – aber ist es zeitgemäss? Die SP ist eine Mittelschichtspartei, die Akademiker anspricht, die zu viel Arbeitergeschichte studiert haben. Die Klassenkämpfe der Vergangenheit lassen sich Tag für Tag von neuem gewinnen, während das Heute komplizierter ist.

Never change a losing team

Neuerdings bezeichnet sich die SP als die «Freiheitspartei», was vielleicht das erste Eingeständnis ist, dass man längst eine Mittelschichtspartei der Staatsangestellten geworden ist: Wenn die grösste linke Partei der Schweiz sich ein so bürgerliches Konzept wie Freiheit aneignet, dann ist das weder originell noch besonders keck, sondern wirkt eher verzweifelt. Man ist offensichtlich keine Arbeiterpartei mehr, nun wäre man gerne eine linke Partei mit bürgerlichem Sound.
Doch eine Schwalbe macht noch keinen Sommer: Wann hat die SP sich das letzte Mal für mehr Freiheit eingesetzt? Ausser der Freiheit, Cannabis zu rauchen? Sonst besteht so gut wie jede ihrer Ideen aus mehr Vorschrift, mehr Gesetz, mehr Regulierung, mehr Eingriff, höheren Steuern und mehr Macht für den Staat – wie man das von einer Partei der Staatsangestellten auch erwarten darf.
Wohl stimmt, dass die SP einst keineswegs dieses verklemmte Verhältnis zur individuellen Freiheit hatte wie in der Gegenwart: Aber damals, Anfang des 20. Jahrhunderts, glaubte sie selbst noch an bürgerliche Werte wie das Leistungsprinzip, Rechtsgleichheit, radikale Demokratie oder Aufstieg. Davon, so scheint es mir, ist nicht mehr viel zu spüren.
Übrigens behauptete Wermuth nachträglich, es handle sich um einen Formulierungsfehler in seiner Aussage, über den er selber habe lachen müssen. Aber sicher doch. Das war vielleicht die grösste Enttäuschung. Dass ihm, dem kreativen Denker, bloss eine so schwache Ausrede einfiel.

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