Verlogenes «Glück einer ganzen Nation» - eine Protestnote

Verlogenes «Glück einer ganzen Nation» - eine Protestnote

Schweizer Zeitungen in Schnappatmung: Sensationell, historisch, atemberaubend sei er gewesen, der Sieg der Schweizer Nati, war am Mittwoch zu lesen. Seitenlang, ohne Ende. Den Vogel schossen die AZ-Medien ab: 12 Seiten Jubelberichterstattung. Grund genug für eine Protestnote.

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von Gottlieb F. Höpli am 2.7.2021, 09:00 Uhr
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«Ihre Freude ist das Glück einer ganzen Nation» - so die Schlagzeile der inzwischen fast das ganze Mittelland abdeckenden AZ-Medien (Aargauer Zeitung, Luzerner Zeitung, St. Galler Tagblatt usw.). Erschlagend, von geradezu nordkoreanischen Dimensionen die nicht endenwollende Jubelberichterstattung: 12 Seiten Fussball, dazu noch mickrige 11 Seiten für den Rest der Welt: Ausland, Schweiz, Regionales, Lokales, Wirtschaft, Kultur. Ein eklatantes Missverhältnis.
Meine Freude daran als ehemaliger Chefredaktor, und nicht nur meine, war endenwollend. Denn die Redaktionen der Printmedien leben in Zeiten, in denen ihnen fast täglich gepredigt wird, dass sie zu sparen haben. Dass sie weniger Platz zur Verfügung haben. Dass nicht mehr alle «Wünsche» berücksichtigt werden könnten, worunter nicht etwa private Gelüste der Redaktoren, sondern die Informationsbedürfnisse der Leserinnen und Leser gemeint sind, die von ihrer Zeitung über das Geschehen in ihrem Dorf, ihrer Region unterrichtet werden wollen. Ach was: Ein paar lokale und regionale Rosinen tun’s auch. Die Leserschaft des gedruckten Blattes wird ja eh nur noch älter. Belegt der Marketingverantwortliche des Verlags – schlechter Zeitungsleser, aber Fan des einheimischen FC – nach Bedarf an jeder Geschäftsleitungssitzung.
Da kommen 12 Seiten Superlative zu einem Sieg der Nati (für Anfänger: gesprochen wie Nazi, geschrieben mit «t») billiger zu stehen. Schliesslich mussten auch jene Hunderttausende informiert werden, die das Ende der sensationellen Partie zu später Stunde nicht mehr vor dem Fernseher erlebt haben, weil sie nämlich schon zu Bett gegangen waren. Und am folgenden Tag von der Zeitung bestenfalls noch über das Resultat informiert werden konnten.
Man verstehe mich nicht falsch: Eine solche sportliche Sonderleistung wie eine EM-Viertelsfinalqualifikation muss von einem grossen Publikumsmedium entsprechend gewürdigt werden. Eine Doppelseite oder etwas mehr, Nachzüge im Sport- und im Lokalteil, wie es andere Zeitungen taten: muss wohl sein. Aber nicht wie eine Lawine, die nicht mehr aufhören will! Sogar dem gediegenen Johann Wolfgang von Goethe platzte hin und wieder der Kragen. Da darf auch ein ehemaliger Chefredaktor dessen «West-östlichen Diwan» zitieren: Geschlagener Quark wird breit, nicht stark.
Nun aber zum Inhaltlichen: Das ziemlich glückhafte Ende eines Fussballspiels als «Glück einer ganzen Nation»? Was für eine abstruse Behauptung! Zu dieser Nation gehöre ich jedenfalls nicht. Müsste mich, der Empfindlichkeit der heutigen «Generation Schneeflocke» gemäss, sogar ausgegrenzt, ja verletzt fühlen. Denn: Mich macht das Milliardengeschäft mit dem Fussball nicht glücklich, ja sogar – siehe etwa die ausufernde chinesische Bandenwerbung – misstrauisch. Mich kommen keine 1.-August-Gefühle an, wenn eine Gruppe von elf Fussball-Söldnern und -Secondos unter dem Namen «Schweiz» aufmarschiert. Und die Nationalhymne peinlich berührt über sich ergehen lässt. Nein, definitiv nicht.
Spätestens in 16 Monaten, wenn in Katar die Fussball-WM beginnt, müssten sich politisch denkende Zeitgenossen dann vielleicht doch ein paar dringliche Fragen stellen. Zum Beispiel die vielen fussballbegeisterten Linken, die ihrer Begeisterung auf Anfrage jeweils schnell einen verschämten ideologischen Überbau verpassen: Man sei halt in der Kindheit durch eigenes Balltreten und mit den biederen helvetischen Tschuttigrössen von einst (Hügi! Ballabio! Odermatt!) sozialisiert worden. Und überhaupt gebe es – auch am virtuellen – Spielfeldrand kein Reich und Arm, kein Unten und Oben. Undsoweiter. Dagegen wehrt sich seit jeher und soeben wieder mit einem flamboyanten WoZ-Artikel der linke St.Galler Historiker, Antikapitalist und Antirassismus-Aktivist Hans Fässler, mit dem ich in dieser einen Frage wie immer herzlich einig bin.
Vielleicht wirft die Fussball-WM im autoritären Wüsten-Emirat bei Menschen jeder politischen Couleur dann doch einige Fragen auf, die nicht mehr so leicht weggewischt werden können wie von der AZ-Medien-Chefredaktion: «Welt»-Fussball in Stadien, die unter unmenschlichen Bedingungen von modernen Sklaven erbaut wurden, in einem Staat, in dem Menschenrechte nichts gelten – vielleicht kommt es dann doch zu etwas mehr öffentlichem Gegenwind als zur einsamen Protestnote eines ehemaligen Chefredaktors.

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