Und jetzt, Generation Corona?

Und jetzt, Generation Corona?

Ratschläge an mein jüngeres Ich in Zeiten der Pandemie.

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von Milosz Matuschek am 14.11.2021, 09:00 Uhr
Foto: Enno Kapitza
Foto: Enno Kapitza
Letztens wurde ich gefragt, wie ich eigentlich mit der Situation umgehe, in Sachen «Corona» quasi diametral im Gegensatz zur regierungsfreundlichen Mainstreamseite zu stehen. Die ehrlichste Antwort wäre: Ich halte von den meisten Journalisten schlicht wenig. Sie sind, wie quasi überall, oft einfach nur Karrieristen. Tief im Inneren mag noch eine Revoluzzer-Seele schlummern. Im Aussen sehnen sich die meisten danach, zu einer quasi verbeamteten Medien-Nomenklatura zu gehören. Eine gewisse Grundverachtung verhindert in meinem Fall also Komplizenschaft.
Die differenziertere Antwort fällt so aus: Zwei Fragen wurden mir zu meiner Verwunderung in den letzten 20 Monaten irgendwie nie gestellt. Einmal die Frage, ob man nicht einmal ehrlich kollegial die Faktenlage vergleichen will. So richtig nach harten wissenschaftlichen Massstäben? Dann müsste doch klar werden, wer eher auf dem Pfad der Irrationalität unterwegs ist. Vielleicht bin es ja ich?
Und zum anderen die Frage, warum ich eine Mainstreamkarriere in den Wind schlage, um mich gedanklich in Querdenkermilieus zu tummeln. Zumindest auf diese Frage kann ich antworten: Weil ich zuerst meiner Überzeugung folge und erst dann über die Folgen für meine Karriere nachdenke. Was wäre das überhaupt für eine «Karriere», die man gegen die eigene Überzeugung macht?
Die Ungereimtheiten in Sachen Corona sind erdrückend zahlreich: von Event 201 über die sich erhärtende Wuhan-Laborthese, den blitzschnell paraten PCR-Tests, einer Vakzinentwicklung noch vor Ausbruch der Pandemie in Europa, hin zu DiviGate, Covid-TodesratenGate oder zu gerade auffällig häufig kollabierenden Sportlern. Das ist nur der Mindestkenntnisstand an Seltsamkeiten. Von Adorno stammt der Satz: «Es gibt kein richtiges Leben im Falschen». Offenbar sind sehr viele gerade anderer Meinung, sonst wären sie ja Dissidenten. Wie lange noch? Haben sie sich je mit den Argumenten der Gegenseite auch nur beschäftigt? Wie kann man angesichts dieses Stapels von Seltsamkeiten das Covid-Gesetz, das in der Schweiz am 28. November zur Abstimmung steht, nicht mit klarem «Nein» ablehnen?
Auf der anderen Seite zu stehen bedeutet, nach einer Luftblase der Wahrheit in einem Morast der Lüge suchen. Es geht um den «Versuch, in der Wahrheit zu leben», wie der Titel eines Buches von Vàclav Havel lautet. Das Wort Dissident lehnte er für sich ab. Und zwar aus gutem Grund. Denn Dissident klingt wie Abtrünniger. Havel schreibt: «Die Dissidenten fühlen sich aber nicht als Abtrünnige, als Treulose, weil sie nämlich niemandem untreu geworden sind, eher umgekehrt: Sie sind sich selbst mehr treu geworden. Falls sich manche doch von irgendetwas abgewandt haben, dann nur davon, was in ihrem Leben falsch und entfremdend war, also: von dem Leben in der Lüge.»
Welchen Ratschlag hätte ich mir als junger Mensch gewünscht, der gerade vor der Entscheidung steht, sich für eine der beiden Welten entscheiden zu müssen? Ich hätte mir irgendeinen Fahrplan gewünscht, irgendein gedankliches Geländer. Etwas wie:
1. Widerstand wirkt. Jeder kritische, das Denken anregende Gedanke, der geäussert wird, verändert die Welt.
2. Verändere so viel, wie du kannst, und fange bei dir selbst an. Die beste Veränderung der Welt geschieht durch Beispiel.
3. Lege vor dir selbst ehrlich Rechenschaft ab, was machbar ist und was nicht. Ist der Gaul totgeritten, zögere nicht, abzusteigen.
4. Baue am Neuen, wenn sich das Alte nicht reformieren lässt. Schon seit dem alten Rom sind junge Menschen dazu aufgerufen, einen «heiligen Frühling» einzuleiten, also ein neues Leben fern ab der vertrauten Heimat zu beginnen, wenn vor Ort die Möglichkeiten dafür nicht gegeben sind.
Jeder Mensch, nicht nur der junge Mensch, ist der Bildhauer seines eigenen Lebens. Doch wie soll man Bildhauer sein in einer Welt voller Förmchen und Deformation? Das Herausarbeiten des eigenen Ichs ist heute nicht leichter als vor Hundert Jahren. Sicherlich, es gibt wohl nur in den seltensten Fällen repressive Strukturen, die einen davon abhalten. Dafür umso mehr manipulative Strukturen, die jeden unbewusst formen. Die Corona-Dauerbeschallung ist der grösste Angriff auf den Geist seit der Propaganda der letzten zwei Weltkriege.
Manipulative Strukturen sorgen dafür, dass man das Offensichtliche nicht sehen soll. In einer Zeit der Massenakademisierung zählt nicht mehr der breit gebildete Mensch, sondern der einseitig verbildete. Wie soll jemand, der die Bildung des Mainstreams genossen hat und mit ihr imprägniert wurde, die dunklen Flecken der eigenen Mainstream-Existenz erkennen? Der zur Akadämlichkeit verbildete Mensch wird gerade nicht mehr seiner Intuition oder dem gesunden Menschenverstand vertrauen, sondern Orientierung in einer abstrakt-rationalen Zahlen- und Datenwelt suchen. Diesen Versuchsaufbau zu erkennen und zu verlassen, ist die grosse Aufgabe, vor der ein junger Mensch heute steht.
Mark Twain sagte einmal: «Es ist leichter, jemanden zu belügen als ihn davon zu überzeugen, dass er belogen worden ist.» In dieser Falle könnte die Mehrheit der Menschen noch eine gute Weile verweilen. Habt ihr diese Zeit? Das Leben wartet nicht auf euch. Ihr müsst es euch greifen. Es ist vielleicht Zeit auf eine lange Wanderschaft zu gehen. Hin zu euch selbst und hin zum Leben. Erst wenn ihr bereit seid, alles aufzugeben, könnt ihr alles und noch mehr gewinnen.
Macht euch bewusst: Die alte Welt hat euch gerade nichts zu geben ausser Katastrophenverliebtheit und einen nekrophilen Zeitgeist. Viele Denker, die gerade heute als «umstritten» gelten, haben diese Lage vorausgesehen, denn es ist ein sich wiederholendes Schema. «Noch ein Jahrhundert Zeitungen - und alle Worte stinken», meinte Nietzsche. Ernst Jünger wusste, wie es sich anfühlt, wenn ein «aktiver Nihilismus» am Werk ist; wenn alle Institutionen anrüchig werden und Professoren das Apportieren beigebracht wird. Spengler schrieb zu Beginn der Dreissigerjahre: «Jetzt zählt nur der Mensch, der etwas wagt, der den Mut hat, die Dinge zu sehen und zu nehmen, wie sie sind.»
Gerade baut Facebook an einem neuen digitalen Spielplatz, dem Metaverse. Es ist nur eine weitere virtuelle Strafkolonie mit Dopaminzufuhr. Auch in dieser Fakewelt kann man es sich eine Zeit lang behaglich einrichten. Wer es früher wagt, der hässlichen Welt in ihr Antlitz zu schauen, ist kürzer enttäuscht. Ich kann euch versichern: das Leben auf der «anderen Seite» ist wahrhaftig besser, wenn auch kurzfristig nicht unbedingt leichter. Es ist vor allem besser, weil es nicht fremdverwaltet sondern selbst gewählt und aktiv gestaltet ist.
Der Grundkonflikt, vor dem jeder, nicht nur der junge Mensch steht, ist immer der gleiche: Entscheide ich mich für das vorgegebene, komfortable aber unfreie Leben? Oder arbeite ich an meinem individuellen Lebensentwurf, so beschwerlich es manchmal auch sein mag?
Die Dichterin Lou Andreas-Salomé hat darauf die beste Antwort gegeben: «Die Welt, sie wird dich schlecht begaben, glaube mir´s! Sofern du willst ein Leben haben: raube dir´s!»

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