Tor des Monats: Nedim Bajrami

Tor des Monats: Nedim Bajrami

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von Alex Miescher am 29.4.2021, 13:30 Uhr
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Die Identifikationskrise im Schweizer Nationalmannschafts-Fussball ist um ein weiteres Kapitel reicher, diesmal mit spektakulärem Bumerangeffekt:

Da erklärt doch der der albanisch-schweizerische Doppelbürger Nedim Bajrami mit Wurzeln in Nord-Mazedonien zwei Wochen vor Beginn der U-21 EM, dass er nun gemerkt habe, wie sehr sein Herz für Albanien (oder ist es Nord-Mazedonien?) schlage und nicht für die Schweiz. Also nix Junioren-EM mit den Eidgenossen, sondern gleich in die WM-Kampagne der Grossen, mit dem geliebten Albanien – da passt dann auch der intuitive Torjubel, ohne lästige Gedanken darüber, wie man es den anspruchsvollen Schweizer Fussballfans, deren Herz ja eher für den Schwingsport schlägt, recht machen kann.
Dumm nur, dass der gute Nedim die Rechnung ohne die FIFA gemacht hat: Diese verhinderte den Nationenwechsel mit dem Hinweis, dass er nach dem 21. Geburtstag bereits vier Spiele für die Schweizer U-Auswahlen absolviert hat und deshalb nicht mehr wechseln dürfe.
Jetzt muss Bajrami sein Herz also ein zweites Mal befragen: Wenn du nicht für Albanien schlagen darfst, wofür schlägst du dann, liebes Doppelherz? Oder fragt er vielleicht doch lieber seinen Steuerberater oder seinen Agenten? Oder hat er sich von Anfang an sie gewandt? Ein Schelm wer Böses denkt…
Nun, man wird auch hier wieder das tun, was man hierzulande immer tut: Schulterzuckend hinnehmen, was die hochgezüchteten Ich-AGs entscheiden und, vielleicht, die Faust im Sack machen. Vergessen, dass es mit der Teilrückzahlung von Ausbildungsentschädigungen nicht gemacht ist: Doppelbürger, die sich nach durchlaufener, international hoch-geschätzter Ausbildung in unserem Land gegen die Schweiz entscheiden, haben einem schweizerischen Einfachbürger - vulgo: Bünzlischweizer - einen raren Förderplatz, beispielsweise in der Sportler-RS in Magglingen, weggenommen. Dieser Schaden ist für den nicht Berücksichtigten nicht mehr zu heilen. Und wenn sich die Fussballschweiz dereinst die Blösse gibt, Nedim Bajrami gleichsam zu begnadigen und ihn für die Schweizer A-Nati auflaufen zu lassen, wird irgendwann heuchlerisch die rhetorische Frage gestellt werden: «Warum pfeifen die tumben Schweizer-Fans ihr eigenes Team aus, wenn es gerade nicht so läuft?»
Hier liegt denn auch die Parallele zur ernsthaften Politik schweizerischer Prägung im 21. Jahrhundert: Zuerst lässt man sich auf der Nase herumtanzen, dann scheut man sich davor, klar Stellung zu beziehen und am Schluss jammert man über die Bedingungen und schluckt die Kröten. Ob Rahmenabkommen oder die Beziehungen zu China: Wir Schweizer sind Feiglinge geworden! Zwölf Monate Pandemie haben uns nicht mutiger gemacht.
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