TKKG: Kinderbücher aus Teufels Küche

TKKG: Kinderbücher aus Teufels Küche

Jetzt trifft's auch die Kinder-Detektive aus der guten alten Zeit: Sexistisch sind sie! Eltern müssen jetzt ganz genau aufpassen, dass aus ihren Sprösslingen keine kleinen Chauvinisten werden.

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von Nicole Ruggle am 6.1.2022, 08:00 Uhr
Karikatur: Marina Lutz
Karikatur: Marina Lutz
«Die Kinder lesen TKKG? Dann sollten Eltern das wissen!», titelt der Tages-Anzeiger verheissungsvoll. Nein, TKKG ist weder ein versauter Porno noch ein nicht jugendfreier Gewalteskapaden-Streifen. TKKG ist eine Kinderbuchreihe. Und sie ist, Achtung: Sexistisch! So sexistisch, dass das Lesen besagter Literatur nur unter strenger Aufsicht der Erziehungsberechtigten stattfinden sollte: Helikoptereltern soll ja schliesslich die Beschäftigung nicht ausgehen. Wo kämen wir denn da hin, wenn man Kinder unbehelligt Kinderbücher lesen lässt – ohne dass da wenigstens Vater (Staat) und Mutter (Bevormundung) ein wachsames Auge drauf werfen?
Denn Forscherinnen am Lehrstuhl für Sprachwissenschaften der Uni Zürich haben zusammen mit dem Tamedia-Datenteam mittels einer computergestützten Textanalyse herausgefunden: TKKG ist nicht mehr zeit- und gendergerecht. Denn der Protagonist der Serie, Tim (ein heterosexueller, weisser, mutiger und abenteuerlustiger Cis-Junge) erhalte die meiste Sprechzeit. (Nein! Doch! Oh!)
Noch viel schlimmer: Seine Freundin Gaby sei nicht nur hübsch und blond, nein, man erwähne dies auch noch in sexistischer Art und Weise. Das klingt dann laut dem Tages-Anzeiger-Artikel folgendermassen: «Gaby blies gegen ihren goldblonden Pony» oder «Gaby öffnete ihre Kornblumenaugen ganz weit».
«Gott(*in) bewahre!», denkt sich da der neo-intellektuelle Leser. Und es kommt noch schlimmer. Nicht nur Gaby wird als Nebenfigur oberflächlich behandelt, nein, auch den Nerd der Serie – Karl – trifft’s mit voller Wucht. Eine genauere Betrachtung der Textstellen zeige, dass sich die Äusserlichkeiten bei ihm ausschliesslich um seine Nickelbrille drehen – ebenfalls ein Stereotyp!
Nur: Warum eigentlich? Müsste der permanente Fingerzeig auf Karls Nickelbrille nicht viel mehr für den sensiblen, gebildeten und intellektuellen Hipster-Mann von heute sprechen? Mit Ideologien ist es manchmal wie mit Stammbäumen, die sich im Kreis drehen: Es kommt selten etwas Gescheites dabei raus.

Mit Ideologien ist es manchmal wie mit Stammbäumen, die sich im Kreis drehen: Es kommt selten etwas Gescheites dabei raus.


Nun gut, mit Nerd und Nickelbrille kenne ich mich immerhin auch aus: Bin ich und habe ich selber. Wie es der Zufall will, war ich vor meinem Leben als Journalistin ganze zehn Jahre lang als Bibliothekarin tätig. Von Büchern habe ich also ein wenig Ahnung. Was natürlich auch davon kommt, dass ich als Kind selber tonnenweise politisch inkorrekter Literatur verschlungen habe. Dummerweise hat mich weder Lucky Luke zum Kettenraucher gemacht, noch wurde ich durch dä Chaschperli («Schorsch–Gaggo») zum Vollzeitrassisten (wobei es immerhin bis zur SVP-Mitgliedschaft gereicht hat).
Warum ich – obwohl ich von der hübschen TKKG-Gaby genau so gerne las wie vom schönen Aschenputtel – heute lieber meine Waffen reinige oder Berge besteige, statt in Glitzerkleidchen Männern hinterherzustöckeln – das weiss ich auch nicht.
Nun, zumindest der Tages-Anzeiger glaubt zu wissen, wie das weibliche Geschlecht tickt: «Sie [die Mädchen] warten immer noch auf ihren Prinzen, und alles kommt rosa und hellblau daher», zitiert die Zeitung eine Mitarbeiterin des Schweizerischen Institut für Kinder- und Jugendmedien.
Rosa und hellblau: Die Welt steht vor dem Untergang.
Aber da wir nun einmal in einer Zeit totalitärer politischer Korrektheit leben, gibt es eigentlich nur eine Lösung zur Säuberung der Gesellschaft jeglicher verdorbener und schweinischer Literatur: Ab auf den Scheiterhaufen damit. Mögen die Flammen die Schriften der politisch Inkorrekten verzehren und der Rauch der brennenden Bücher uns läutern: Auf dass wir alle bessere Menschen werden!

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