Neu beim Nebelspalter

Binswangers Radar: Der neuste Newsletter des Nebelspalters von Michèle Binswanger

Michèle Binswanger analysiert zweimal wöchentlich die wichtigsten Themen aus Politik, Gesellschaft und aktuellem Zeitgeschehen.
Michèle Binswanger analysiert zweimal wöchentlich die wichtigsten Themen aus Politik, Gesellschaft und aktuellem Zeitgeschehen.

Herzlich willkommen bei «Binswangers Radar» – dem jüngsten Kind in der Nebelspalter-Newsletterfamilie.

Noch nie wurden wir mit Nachrichten so überhäuft wie heute – und noch nie war die Übersicht so schwierig. 

Dabei hilft «Binswangers Radar». Zwei Mal pro Woche, montags und donnerstags, kommentiere ich die Themen der Woche unter drei Aspekten: Was ist? Was kommt? Und was buzzt – also was besonders zu reden gibt.

Ich schaue immer dann genauer hin, wenn es «menschelt», wenn gut und böse nicht so einfach zu unterscheiden sind. Wenn alle in eine Richtung rennen, lohnt sich ein Blick in die andere Richtung - oft sieht man erst dann, warum alle rennen. Die Haltung – genau hinschauen, wo es unbequem wird, ist auch der Grund, warum ich jetzt beim Nebelspalter bin: Diese Eigenschaften gehören zur DNA dieses Titels.

Die letzten Jahre habe ich bei Tamedia als Kolumnistin, als Kommentatorin und als investigative Journalistin gearbeitet. Ich habe drei Bücher geschrieben – das bekannteste davon, «Die Zuger Landammann-Affäre» war zwei Jahre gerichtlich verboten. Danach habe ich das Buch selber verlegt. Diese Erfahrung hat mich zu der Journalistin gemacht, die ich heute bin. Und das möchte ich in diesem Newsletter mit Ihnen teilen.

Vielen Dank!

Michèle Binswanger

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Was ist: Die AfD und die Nazi-Neurose

Podcaster Tilo Jung, links, sieht überall Nazis - auch in AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund (rechts). Bild: Keystone
Podcaster Tilo Jung, links, sieht überall Nazis - auch in AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund (rechts). Bild: Keystone

Was ist passiert? In Sachsen-Anhalt soll erstmals ein Vertreter der AfD regieren – und alle drehen durch.

Warum ist das wichtig? Die historische Wahl wird die politische Landschaft Deutschlands markant verändern.

Die AfD gewinnt in Sachsen-Anhalt – und die kollektive Nazi-Neurose eskaliert. Ja, die AfD hat fragwürdige Exponenten in ihren Reihen – das trifft auf andere Parteien auch zu. Ist das ein Grund, alle AfD-Wähler zu Nazis zu erklären? Offenbar ja. An der Pressekonferenz nach der Wahl fragte Podcaster Tilo Jung Wahlsieger Siegmund, ob er glaube, es sei Zufall, dass der erste NSDAP-Ministerpräsident 1932 auch in Anhalt gewählt wurde. Jung machte sich dabei zur Lachnummer. In der Schweiz bezeichnete der Schauspieler Mike Müller die AfD-Wählerschaft pauschal als Nazis. Auch das kam bei vielen schlecht an. Und selbst in der beschaulichen Aargauer Zeitung betreibt Chefredaktor Patrik Müller Zahlenmagie: «AfD gleich stark wie Hitlers NSDAP 1932», titelte die Zeitung am Mittwoch. Fehlt nur noch, dass Siegmund das gleiche Sternzeichen oder denselben Aszendenten hat wie Adolf Hitler – dem Dritten Reich stünde nichts mehr im Weg.

Der Nazi-Vorwurf ist nicht nur geschichtsvergessen, er befeuert das, was er zu bekämpfen vorgibt: die unversöhnliche Polarisierung, die Deutschland spaltet. Der Wahlsieg der AfD bedeutet auch das Scheitern der Brandmauer. Dann soll diese Partei doch mal zeigen, ob sie Deutschlands Probleme lösen kann.

Was kommt: 25 Jahre 9/11

Ein Tag, der die Welt veränderte: Am 11. September 2001 griffen radikale Muslime New York an. Bild: Keystone
Ein Tag, der die Welt veränderte: Am 11. September 2001 griffen radikale Muslime New York an. Bild: Keystone

Was ist passiert? Am 11. September 2001 verübten islamistische Terroristen das bisher schlimmste Attentat auf den Westen.

Warum ist das wichtig? Erstmals wird die Stadt den Jahrestag unter einem muslimischen Bürgermeister begehen.

25 Jahre nach den Anschlägen, die fast 3000 Menschen das Leben gekostet haben und die Welt in eine neues Zeitalter führten, steht mit Zohran Mamdani ein Muslim an der Spitze jener Stadt, die von den Attentaten am schwersten getroffen wurde. Für die einen ist das ein Zeichen der Integration, ein Beweis, dass New York sein Trauma überwunden hat. Für andere – insbesondere für Angehörige der Opfer – ist es eine offene Provokation. Dies auch deshalb, weil Mamdani im Wahlkampf seine muslimische Identität offensiv zum Thema machte, weil er die Angreifer selten klar benennt – und weil seine Ehefrau Rama Duwaji mehrere Instagram-Posts geliked hatte, die den Angriff vom 7. Oktober als «Widerstand» feierten. Mamdani distanzierte sich zwar davon und betonte, seine Frau habe keine offizielle Funktion in seiner Verwaltung. Dennoch verlangten über 100'000 Unterzeichner einer Petition, Mamdani solle der offiziellen Zeremonie fernbleiben.

Für viele stellt sich am Tag des Gedenkens eine hochpolitische Frage: Wird Mamdani seine Anteilnahme für die Opfer über seine Identitätspolitik stellen? Oder wird er, wie schon zuvor, die Anschläge instrumentalisieren, um weiterhin auch Muslime als Opfer darzustellen? Letzteres wäre für die Hinterbliebenen eine Katastrophe. New York hat etwas Besseres verdient.

Was buzzt: Influencer ruinieren das US-Open

Am US-Open sind die Influencer los - für Spielerinnen wie Taylor Townsend ein Übel. Bild: Keystone
Am US-Open sind die Influencer los - für Spielerinnen wie Taylor Townsend ein Übel. Bild: Keystone

Was ist passiert? Noch nie gab es so viele Content-Creators am US-Open.

Warum ist das wichtig? Mit ihrem respektlosen Verhalten erweisen Sie sich als Plage.

Vergangenes Jahr wagte das US-Open eine Neuerung und akkreditierte erstmals Influencer für das prestigeträchtige Turnier. Damals waren es insgesamt 50, dieses Jahr verdoppelte sich die Zahl auf 100. Mit verheerenden Folgen. Denn die Content-Creators taten, was sie in solchen Situationen immer tun: Sie inszenierten sich. Und zwar so lautstark und aufdringlich, dass der Schiedsrichter sie verwarnen musste. Mehrmals. Das ist im Tennis-Sport, bei dem Tradition und Etikette gross geschrieben werden, doch eher ungewöhnlich. Denn wer in seiner Loge lautstarke Tänzchen für die Kamera aufführt, respektiert den Sport vermutlich nicht so, wie man es sich im Tennis wünscht. So stellt sich nun die Frage: Wie viel Influencer erträgt das Tennis? Oder allgemeiner gefragt: Wie viel Influencertum erträgt die Welt überhaupt? Das traditionsreichste Tennisturnier kündigte an, für die Austragung 2027 keine eigene Akkreditierung für Influencer auszustellen. Damit wäre der Influencer-Plage wenigstens dort ein Riegel geschoben.

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