Nachruf auf Dr. Guido A. Zäch (1935–2026)

Der radikale Menschenfreund

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17.02.2026
Dr. med. Dr. h.c. Guido A. Zäch. Archivbild (2024): Keystone
Dr. med. Dr. h.c. Guido A. Zäch. Archivbild (2024): Keystone

Dr. Guido A. Zäch, Arzt und Pionier der Behandlung von Querschnittgelähmten in der Schweiz, ist gestern im Alter von neunzig Jahren gestorben. Er hinterlässt eine Stiftung, die auch in Zukunft für die ganzheitliche Betreuung und Integration von Querschnittsgelähmten da sein wird. 

Es war am Montag, dem 10. Dezember 2001: Am Samstag zuvor war der Schweizer Skifahrer Silvano Beltrametti in der Abfahrt in Val d’Isère schwer gestürzt. Wir sassen im Besprechungszimmer im Paraplegikerzentrum Nottwil: Guido Zäch, seine Assistentin und wichtigste Mitarbeiterin Silvia Buscher und ich. Es ging um eine Motion von ihm zur Regulierung der Sterbehilfe. Sie stand auf der Traktandenliste des Nationalrates des folgenden Tages. Guido Zäch stand der Sterbehilfe immer kritisch gegenüber, weil er radikal stets an das Gute glaubte, an das Machbare in der Medizin, das Mögliche, das auch Menschen mit einer Behinderung leisten können. 

Da hörten wir den Helikopter. Er brachte Silvano Beltrametti ins Paraplegikerzentrum nach Nottwil. 

Guido Zäch
Guido Zäch nimmt den schwer verletzten Skirennfahrer Silvano Beltrametti in Empfang, der eben aus Grenoble nach Nottwil transportiert wurde. Bild: Keystone

Immer im Einsatz

Der Transfer war angekündigt worden und die Empfangshalle voller Journalisten. Ich warnte Zäch, dass die Medien es als oberflächliche Inszenierung empfinden würden, wenn er jetzt zum Helikopter gehen und Beltrametti persönlich in Empfang nehmen würde. Zäch antwortete nur: «Ich mache das bei jedem Patienten, dann mache ich es auch, wenn es mir die Medien als Inszenierung auslegen.» Und weg war er. 

Es war tatsächlich bei jedem Patienten so. Wer in Nottwil eintraf, wurde von Guido Zäch in Empfang genommen – und vom ersten Moment an darin bestärkt, sein Leben nicht aufzugeben. Zäch kehrte von solchen Einsätzen nicht zurück, bevor nicht alle Fragen des Patienten geklärt und seine ganzheitliche Rehabilitation aufgegleist waren. So auch dieses Mal beim prominenten Skifahrer. 

Guido Zäch im Paraplegikerzentrum Nottwil.
Guido Zäch im Paraplegikerzentrum Nottwil. Bild: Keystone

Strenger als ein Trainingslager

Vom ersten Moment an, hat Guido Zäch bei jedem Mensch dafür gesorgt, dass sein Problem medizinisch bestmöglich behandelt, und seine Zukunft durch harte Arbeit an den verbleibenden Fähigkeiten gesichert wird. Wochen später, als Beltrametti sich im Rollstuhlfahren auf der Rampe in der Nottwiler Empfangshalle übte, sagte er, die Therapie in Nottwil sei «strenger als ein Trainingslager» mit der in der Skinationalmannschaft. 

Es war deshalb schon fast Mitternacht an diesem Dezembermontag, als wir im alten, weissen Volvo nach Bern aufbrachen. Im Hotel Bellevue präsentierte ich ihm sein Votum zur Sterbehilfe. Er war, wie meist, nicht zufrieden. Satz um Satz kämpften wir uns durch meinen Entwurf, und jede neue Version wurde ein weiteres Mal unter die Lupe genommen. Nach rund einem Dutzend Varianten entliess er mich um drei Uhr morgens in den Schlaf. Zäch kannte keine Arbeitszeiten, nur Ziele, die er erreichen wollte, und Grundsätze, nach denen er sie anstrebte.

«Lebenshilfe statt Sterbehilfe»

Am nächsten Morgen stimmte der Nationalrat der Regulierung der Sterbehilfe zu – auch wegen eines Deals mit der Gewerkschaft des Pflegepersonals. «Aktive Sterbehilfe leisten, heisst aktiv töten, und das darf niemals gesetzlich erlaubt werden», so hatte Zäch argumentiert. «Physische, psychische, soziale und geistige Begleitung am Ende des Lebens für alle statt tödliches Gift; Lebenshilfe bis zum Tod statt Sterbehilfe», das war sein Credo. 148 Nationalräte aller Parteien sahen das auch so. Guido Zäch war zufrieden, denn für ihn gab es kaum etwas Schlimmeres, als wenn einer seiner Patienten keinen Ausweg mehr sah und sich in Verzweiflung das Leben nahm. Es war eine persönliche Niederlage. 

Das hing mit seiner persönlichen Einstellung zu seinem Beruf zusammen. Er predigte und lebte den «Rollentausch» vor, wie er es nannte. «Wie hätte ich es gern?» Das war die Frage, die er von jedem Mitarbeiter des Paraplegikerzentrums tagtäglich erwartete. Wie möchten wir behandelt werden, wenn wir in ein Spital eingeliefert werden? Es ist die entscheidende ethische Frage, die gute Medizin von Dienst nach Vorschrift unterscheidet und von keinem Medizintarif abgedeckt werden kann. 

Guido Zäch im Nationalratssaal.
Nationalrat Guido Zäch bei der Beratung des ersten Behindertengleichstellungsgesetzes 2002. Bild: Keystone

Sinn stiften statt bloss versorgen

Guido Zäch hinterlässt ein übermenschliches Lebenswerk. Er hat mit privatem Engagement eine ganzheitliche Betreuung für Querschnittsgelähmte geschaffen, die Menschen nicht medizinisch versorgt und in Pflegeheime stecken, wie zu Beginn seiner Karriere, sondern ihnen mittels ganzheitlicher Integration wieder ein eigenständiges Leben, Arbeit und Sinn verschafft. Zäch war dabei von seiner katholischen Herkunft geprägt: Es ist die Arbeit, die Sinn stiftet, nicht die Versorgung. Er stand deshalb auch den bestehenden Behindertenorganisationen kritisch gegenüber, die bloss für mehr Geld für sich und die Betreuung, aber selten für mehr Selbstbestimmung eintreten. 

Im Innern tiefgläubig, hat er mit mir oft spätnachts theologische Fragen erörtert. Vor allem, als die Justiz, angestachelt von Neidern, in seinem riesigen Aufbauwerk kleine Fehler zu finden glaubte.

Zwei Arten von Gerechtigkeit

«Wie kann es sein, dass ein Gericht mich verurteilt, wenn ich doch so viel Gutes in meinem Leben getan habe», so fragte er mich einmal – es muss 2003 gewesen sein – auf der Rückfahrt von einem Parteianlass im Fricktal nach Zofingen. Ich erklärte ihm, dass die irdische Justiz nicht mit einer Waage geschehene Fehler mit Gutem ausgleiche. Erst die göttliche Justiz werde das tun. Zäch auf dem Beifahrersitz schwieg nachdenklich lange. Bald darauf wurde er erstinstanzlich verurteilt und seine Partei liess ihn fallen. 

Sein Tod hinterlässt eine Lücke. Aber es gibt genug Menschen, die seine Grundsätze, die Ganzheitlichkeit seiner Arbeit, den Rollentausch und den unerschütterlichen Glauben an die Fähigkeiten jedes einzelnen Menschen erlebt und verstanden haben – und deshalb weitertragen werden. 

Der Autor war von 2000 bis 2003 persönlicher Mitarbeiter von Guido Zäch. 

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