Replik

Eine saubere Energiezukunft ist möglich, wenn wir sie wollen

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21.11.2025
«Netto Null CO₂ 2050 und der Umstieg auf erneuerbare Energie sind möglich»: ETH-Klimaforscher Reto Knutti
«Netto Null CO₂ 2050 und der Umstieg auf erneuerbare Energie sind möglich»: ETH-Klimaforscher Reto Knutti

Von Reto Knutti*

Ein kürzlich im Nebelspalter publizierter Faktencheck zur Klimapolitik übersieht relevante Punkte, zieht die falschen Schlüsse und differenziert nicht zwischen Technologie und Politik. Das schadet nicht nur der Glaubwürdigkeit des Nebelspalters, sondern schadet auch der Schweiz.

Netto Null CO₂ in 2050 ist technisch erreichbar und finanzierbar, wenn wir es wollen und uns anstrengen, das war meine Aussage in der NZZ. Alex Reichmuth rechnet in seinem Faktencheck vor, dass weltweit für den Ersatz der Fossilen bis 2050 täglich 485 Windturbinen oder fast 8000 Fussballfelder Solar gebaut werden müssten, und schliesst daraus: «Das ist komplett unmöglich.» (siehe hier)

Die Grössenordnung stimmt, es ist sogar etwas mehr, weil der Stromverbrauch steigen wird. Die Schlussfolgerung ist trotzdem falsch, denn sie ignoriert die aktuelle Zubaurate der Erneuerbaren. Ausgehend vom effektiven Zubau 2024 müsste diese etwa verdreifacht werden. Die Zubaurate ist in den letzten Jahren um 29 Prozent pro Jahr gestiegen. In diesem Tempo wäre eine Verdreifachung in gut vier Jahren erreicht, sprich bis 2050 machbar. 

Die internationale Energieagentur, bekannt für übervorsichtige Aussagen, rechnet im nächsten Jahrzehnt mit fast einer Vervierfachung der Solar- und einer Verdreifachung von Windkapazität. Die Stromgestehungskosten, das heisst die durchschnittlichen Kosten der Stromerzeugung über die gesamte Lebensdauer einer Anlage, sind in den letzten zehn Jahren massiv gesunken: bei Offshore Wind gemäss EMBER um 58 Prozent, Solar um 77 Prozent und bei Batterien um 84 Prozent. Wir können also nicht nur in wenigen Jahren den nötigen Zubau der Erneuerbaren erreichen, sondern dies auch zu einem bezahlbaren Preis realisieren.

Auf den politischen Willen kommt es an

Dass Netto Null CO₂ technisch machbar ist, ist ebenfalls nicht meine Erfindung, sondern die Basis sämtlicher Paris-kompatiblen Szenarien. Diese beruhen auf umfassenden Modellen, die unter anderem Wirtschaft, Technologien und Lernkurven zusammenführen. Sie bilden die Basis für die UNO-Klimaberichte.

Wo liegt denn das Problem? Die Herausforderung der Energiewende ist nicht die jährliche Energieproduktion, sondern dass nicht alle Regionen in allen Jahreszeiten gleich viel Energie produzieren. Sprich, das Energiesystem muss trotz variabler Produktion und Nachfrage zu jedem Zeitpunkt überall die Versorgungssicherheit garantieren.

«Der Fokus auf technologische Machbarkeit zielt an der relevanten Frage vorbei: Entscheidend ist, ob Lösungen umgesetzt werden.»

Reto Knutti

Oder anders: Gigawattstunden Energie sind einfach und billig, Gigawatt Leistung jederzeit am richtigen Ort sicherzustellen ist hingegen anspruchsvoll. Dafür braucht es Netze, Speicher und ein intelligentes Lasten-Management. In der Schweiz liegt der Fokus entsprechend auf dem Ausbau von Solar- und Wasserkraft sowie auf geregelten Beziehungen mit Europa.

Die zweite Herausforderung für Netto Null ist der politische Wille. Nicht alles, was gebaut werden könnte, wird gebaut. Die Mehrheit will Klimaschutz und saubere Energie, aber konkrete Einzelmassnahmen werden nicht selten abgelehnt. Mein Nebensatz «wenn wir es wollen und uns anstrengen» war nicht zufällig. Der Fokus auf technologische Machbarkeit zielt an der relevanten Frage vorbei: Entscheidend ist, ob Lösungen umgesetzt werden. 

Ambitionierter Klimaschutz lohnt sich

Und wie steht es um die Kosten von Klimaschutz? Der Schaden einer Tonne CO₂ liegt laut Studien im Schnitt bei rund 300 US-Dollar, bei tiefer Diskontierung deutlich höher. Die neueste Forschung zeigt steigende Schadenskosten. Für die Schweiz schätzt INFRAS etwa 430 Franken. Das deutsche Umweltbundesamt empfiehlt 300 bis 880 Euro. Demgegenüber kostet die Vermeidung einer Tonne CO₂ gemäss dem Weltklimarat IPCC meist unter 100 Dollar und ist in einigen Bereichen sogar negativ, etwa bei Elektrofahrzeugen oder Wärmepumpen, die sich sogar ohne eingerechnete Schadensvermeidung wirtschaftlich lohnen. Die Ökonomin Sigrid Stagl berechnete vor kurzem: «Jeder investierte Euro in Klimaschutz spart vier bis zehn Euro an Folgekosten.»

Ambitionierter Klimaschutz ist langfristig nicht nur finanziell günstiger. Wir reduzieren auch die Abhängigkeit vom Energieimport aus dem Ausland und fördern Innovation und Attraktivität des Standorts Schweiz. Diese Botschaft ist noch nicht angekommen. Bei der Frage nach der Rolle der Schweiz zeigen viele abwehrend zum grössten CO₂-Emittenten China und übersehen, dass China die geopolitische Bedeutung der Dekarbonisierung längst strategisch nutzt. Sie kontrollieren fast alle Technologien und verdienen heute mehr Geld mit dem Export von Cleantech als die USA mit dem Export fossiler Brennstoffe. 

Netto Null CO₂ 2050 und der Umstieg auf erneuerbare Energie ist möglich. Wenn wir es verfehlen, dann nicht weil es technisch nicht möglich ist, sondern weil wir es nicht wollen. Es ist kurzsichtig und zu teuer, um es nicht zu versuchen.

 

*Reto Knutti ist Professor für Klimaphysik an der ETH Zürich. Er war einer der Leitautoren beim Vierten und Fünften Sachstandsbericht des Weltklimarats IPCC. Knutti gilt als einer der bekanntesten Klimawissenschaftler der Schweiz.

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