Gastbeitrag von:
Susanne Brunner
«Nie war unsere Gesellschaft so gespalten wie heute». Das sagte Bundesrat Ignazio Cassis im Juni bei einer Rede in Zürich. Stimmt das überhaupt? War unsere Gesellschaft niemals so gespalten wie heute? Spalten die politischen Pole das Land, Herr Bundesrat?
Demokratie bedeutet Streit, bedeutet Seilziehen zwischen den Polen. Demokratie ist Streit um Ideen. Dieser Streit dient dazu, eine Lösung zu finden. Der Ort dieses Streits sind die Institutionen. Wir feiern dieses Jahr 175 Jahre Bundesverfassung. 175 Jahre schon stehen unsere Institutionen stabil da wie Felsen in der Brandung. Seien wir dankbar, dass wir miteinander streiten!
Denn fänden wir uns in umfassender Minne und Harmonie einer Einheitsmeinung wieder – wir hätten den Streit, aber auch die Freiheit verloren! Die Freiheit unseres Standpunktes. Bundesrat Cassis irrt: Wir sind nicht gespalten, im Gegenteil: Unsere Demokratie funktioniert bestens!
Undemokratische Entwicklungen
Aber: Es gibt undemokratische Entwicklungen. Diese Tendenzen treten auf wie ein Heer von Fräulein Rottenmeiers. Die Fräulein Rottenmeiers unserer Zeit sitzen zum Beispiel in universitären Instituten für Gender Studies. Sie sitzen in Medienhäusern voll Aktivisten statt Journalisten. Sie bilden kleine, laute Lobbygruppen. Sie schreiben vor, was korrektes Verhalten ist, kleben sich auf Strassen (und fliegen in die Ferien). Sie entscheiden, was die richtige Sprache ist. Nur sie wissen, was gegen den Klimawandel zu tun ist. Sie teilen in Gut und Böse ein. Wer gendert, ist gut. Wer «Mohrenkopf» sagt, ist böse. Ein Haus, das «Zum Mohrentanz» heisst und in der Zürcher Altstadt seht, darf nicht mehr so heissen. Der Name muss abgedeckt werden. Ob Klimakleber oder Genderaktivisten: Sie wollen den Triumph über die andere Meinung, nicht den demokratischen Streit.
Die Fräulein Rottenmeiers unserer Zeit teilen Menschen in Gruppen ein. Wir kennen nicht mehr nur Frauen, Männer, alt oder jung. Nicht mehr die biologischen Merkmale dienen der Unterscheidung. Nein, es werden immer kleinere Gruppen geformt. Dabei geht die Zugehörigkeit zum grossen Ganzen ebenso verloren wie das Individuum. Und jede dieser kleinen Gruppen will gesehen und gehört werden.
Sprache wird politisches Instrument
Mit Genderstern, Genderdoppelpunkt oder Genderunterstrich, glauben sie, wahrgenommen zu werden. Mit einer Sprechpause inmitten von Wörtern, glauben sie, gehört zu werden. Universitäre Eliten, Gender-Lobbygruppen, Medienhäuser und jetzt sogar staatliche Behörden wie die Stadt Zürich: Sie demonstrieren mit Gendersprache eine politische Haltung. Doch Gendersprache ist kein natürlicher Sprachwandel. Denn Gendersprache kommt nicht aus der Mitte der Gesellschaft. Mit ihr wird Sprache als politisches Instrument missbraucht.
«Nie war unsere Gesellschaft so gespalten wie heute», findet Bundesrat Cassis. Nicht eine politische Spaltung, sondern eine kulturelle Spaltung bahnt sich an. Ich orte eine Spaltung der Gesellschaft durch das Einteilen der Menschen in viele unterschiedliche Gruppen und Identitäten. Ich orte eine Spaltung durch die Gendersprache. Mit jedem Genderstern, der gesetzt wird, weist der Schreiber darauf hin, dass wir nicht zusammengehören. Jeder einzelne Genderstern spaltet!
Auflösung der Zusammengehörigkeit
Wir sehen, dass Behörden, Universitäten oder Fachhochschulen zunehmend Gendersprache vorschreiben. Wer nicht mitmacht, muss mit Konsequenzen rechnen. Doch mit der Gendersprache wollen sie ein politisches Programm transportieren. Dieses heisst: Die Auflösung der grossen Zusammengehörigkeit, der Grundlagen, die dieses Land geschaffen haben, die Spaltung in kleine und kleinste Gruppenidentitäten. Und: Die Auslöschung von Wahrheiten, wie zum Beispiel die biologische Tatsache der beiden Geschlechter.
Unsere Gesellschaft ist nach liberalen Prinzipien organisiert. Das ist gut. Das hat uns zu Wohlergehen und Wohlstand verholfen. Wir schützen die Freiheit des Individuums. Welch ein Glück sich daraus schöpfen lässt! Doch wir müssen aufpassen! Kein Individuum lebt ohne Gesellschaft, ohne das grössere Ganze. Wenn nur noch das Individuum und seine Identität zählt, zerfällt die Gesellschaft. Demokratie bedeutet Toleranz für Minderheiten. Aber nicht, dass Minderheiten über allem, über biologischen Wahrheiten stehen. Wir brauchen Gewissheiten, verbindende Werte. Verbindende Werte halten uns zusammen.
Klimakleber und Gender-Aktivisten wollen Demokratie aushebeln
Darum: Nicht die politischen Pole gefährden die Demokratie. Sie sind «conditio sine qua non», eine notwendige Bedingung. Unsere Demokratie ist gefährdet durch die Zerteilung der Gesellschaft in unterschiedliche Gruppen. Unsere Demokratie ist gefährdet, wenn Minderheiten Institutionen umgehen, um zum Ziel zu kommen. Klimakleber und Gender-Aktivisten wollen aushebeln, was wir seit 175 Jahren haben: Eine funktionierende Demokratie.
Wir stehen am Punkt, wo wir das Unterlaufen des Mehrheitsprinzips stoppen müssen! Übernehmen wir Verantwortung für unsere Demokratie! Für die Wahrheiten, die das Fundament unserer Gesellschaft bilden.
Wir wissen, wie wir uns wehren müssen! Wir haben die Kraft. Wir haben die Erfahrung! Wir müssen handeln. Wo Behörden einen Genderstern verwenden, schreitet ein! Wo Universitäten Gendersprache vorschreiben, geht juristisch dagegen vor!
Stoppt die Bevormundung! Stoppt die Spaltung der Gesellschaft! Stoppt das Zersetzen unserer Demokratie!
Die Rede wurde von Susanne Brunner am Zentralfest des Schweizerischen Studentenvereins in Wil gehalten.
Susanne Brunner (geb. 1972) ist Unternehmerin, Kantonsrätin in Zürich (SVP), Nationalratskandidatin und Präsidentin des Gewerbevereins Seefeld Zürich. Sie ist Initiantin der Volksinitiative «Tschüss Genderstern».

