Lohnlücke zwischen Frau und Mann? Sie ist kaum zu finden, wie eine neue Studie beweist

Lohnlücke zwischen Frau und Mann? Sie ist kaum zu finden, wie eine neue Studie beweist

Der Lohnunterschied zwischen Frauen und Männern ist viel kleiner als vermutet. Doch die Gleichstellungslobby schweigt und setzt sogar noch einen drauf.

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von Claudia Wirz am 17.11.2021, 05:00 Uhr
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Wenn es den Leuten vom Eidgenössischen Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann (EBG) um das Wohl der Frauen im Land ginge, müsste man sie jauchzen hören. Eine neue Studie zeigt nämlich, dass der Lohnunterschied zwischen Frauen und Männern viel kleiner ist als angenommen. Es ist nicht die erste Untersuchung, die zu einer solchen Einschätzung kommt.
Diese Erkenntnis ist deswegen besonders brisant, weil viele politische Massnahmen wie etwa die «Lohnpolizei» gemäss Gleichstellungsgesetz oder der Widerstand gegen ein höheres Frauenrentenalter mit dem Lohnunterschied begründet werden.

Unscharfe Standardmethode

Die beiden Ökonomen Anthony Strittmatter (Institut Polytechnique de Paris) und Conny Wunsch (Universität Basel) legen in ihrer Analyse anhand der Lohnstrukturerhebung von 2016 dar, dass die vermeintliche Lohnlücke zwischen Männern und Frauen systematisch überschätzt wird.
Schuld daran sind die Unschärfen der Standardanalyse. So geht die als Blinder-Oaxaca-Zerlegung bekannte Methode zum Beispiel davon aus, dass akademische Titel unabhängig von Beruf und Fach immer gleich viel Wert sind, dass also die Lohnprämien für einen Universitätsabschluss bei einem Informatiker und einer Sozialwissenschaftlerin identisch sind. Dieser planwirtschaftliche Ansatz entspricht nicht der marktwirtschaftlichen Realität und ist einer der Faktoren, der zur Überschätzung der Lohnunterschiede führt. Ob dies politisch so gewollt ist, sei dahingestellt. Honi soit qui mal y pense.

Liebgewonnenes Narrativ

Übers Ganze gesehen diagnostiziert die Standardmethode für den Privatsektor einen Lohnunterschied zwischen Männern und Frauen von 18,6 Prozent. Davon sind 59 Prozent objektiv erklärbar, bleibt also noch ein Lohngefälle von 7,7 Prozent zuungunsten der Frauen.
Doch diese Zahl ist laut Strittmatter und Wunsch wenig aussagekräftig. Verwendet man nur leicht weniger restriktive Annahmen, schnurrt dieser Unterschied nochmals deutlich zusammen. Je nach Methode schrumpft die verbliebene Lücke der Standardanalyse um bis zu 19 Prozent.
Beim Eidgenössischen Gleichstellungsbüro herrscht über diese Erkenntnis kein Jubel, obwohl sie eigentlich eine gute Nachricht darstellt. Die Studie von Strittmatter und Wunsch sucht man auf den Seiten des EBG vergebens. Dafür findet man eine ausladende Lohngleichheits-Plattform und eine Anleitung, wie man Lohngleichheit juristisch einfordern kann. Es sei nicht die Aufgabe des EBG, meint Sprecherin Sina Liechti, über alternative statistische Messmethoden zu berichten.

Sorgen als Businessmodell

Auf den Befund von Strittmatter und Wunsch selber geht Liechti nicht ein. Die Methodendiskussion sei keineswegs neu, meint sie, womit sie zweifellos recht hat. Der Vorwurf, dass mit der Standardmethode Lohnunterschiede herbei gerechnet werden können, steht schon seit Jahren im Raum und ist wissenschaftlich fundiert. Auch politische Vorstösse liegen zu diesem Thema vor. Abklärungen seien im Gang, meint Liechti, und bis 2023 werde ein Bericht erwartet.
Am Narrativ der ungerechtfertigten Lohnlücke zwischen Mann und Frau hält man im Gleichstellungsbüro trotz allem fest. Besonders im Visier hat das EBG neuerdings die kleineren Unternehmen. Ob das vielleicht damit zu tun hat, dass die Zahlen der grossen Unternehmen die These von der vermeintlichen Lohndiskriminierung nicht wirklich stützen?
Die kleineren Unternehmen sind bisher von den obligatorischen Lohnanalysen gemäss Gleichstellungsgesetz befreit. Doch gerade hier falle der unerklärte Lohnunterschied überdurchschnittlich hoch aus, weiss Sina Liechti. Das mache dem EBG Sorgen.
Und so wird man den Verdacht nicht los, dass für das EBG nichts gut genug ist, weil sich das EBG eben von Amtes wegen ausgesprochen gerne Sorgen macht.

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