Sozialismus braucht Zwang

Sozialismus braucht Zwang

In sozialistischen Staaten und auch in anderen totalitären kollektivistischen Systemen ist Kapitalismus im Sinn von Freihandel und eigennützigem Gewinnstreben nicht zugelassen – oder nur sehr dosiert.

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von Robert Nef am 16.8.2021, 07:00 Uhr
Klassenlose Gesellschaft: Das war das Ziel von Karl Marx. Foto: Shutterstock
Klassenlose Gesellschaft: Das war das Ziel von Karl Marx. Foto: Shutterstock
Der wichtigste Unterschied zwischen Sozialismus und Kapitalismus besteht darin, dass man in einer kapitalistischen Ordnung sehr wohl freiwillig andere, nicht kapitalistische Ziele verfolgen kann. Nach freier Wahl können sich alle solidarisch verhalten und sich in den Dienst anderer stellen – auch unentgeltlich.
Im Sozialismus wird Solidarität hingegen zwangsweise verordnet, wobei Sozialdemokraten bereit sind, Zwangssolidaritäten erst dann allgemeinverbindlich zu etablieren, wenn eine Mehrheit (meist eine Mehrheit von Begünstigten) zugestimmt hat. Das unterscheidet sie von den doktrinären Sozialisten, bei denen die Freiheit Andersdenkender keine Priorität hat, weil sie definitiv «wissen, was für alle gut ist».
In einer offenen, auf Kapitalismus basierenden Gesellschaft, steht es jedoch allen frei, einer Genossenschaft beizutreten, in der alles einvernehmlich geteilt wird. Niemand ist gezwungen, den Gelderwerb als oberstes Ziel zu verfolgen, und man kann sich für ein asketisches Leben entscheiden, sofern man dem Gemeinwesen nicht zur Last fällt.

Teilen und umverteilen

In sozialistischen Staaten und auch in anderen totalitären kollektivistischen Systemen ist Kapitalismus im Sinn von Freihandel und eigennützigem Gewinnstreben nicht zugelassen, oder nur sehr dosiert und gegen die allgemeinverbindliche Doktrin des organisierten Teilens und Umverteilens. Sogenannte Wirtschaftsdelikte, die oft nichts anderes als praktiziertes Gewinnstreben nach dem Muster freier Gesellschaften waren, wurden in sozialistischen Ländern strafrechtlich schärfstens geahndet.
Im Sozialismus sind solidarische Verhaltensweisen obligatorisch und Abweichler werden zwangsweise umerzogen oder isoliert. Es gehört zu den Merkmalen totalitärer Gesellschaftstheorien, dass ein Pluralismus von politischen Wertvorstellungen verpönt ist. Die individuelle Lebensweise wird von Staates wegen normiert und kontrolliert.
Sozialismus basiert nach den Vorstellungen von Marx und Engels auf dem Ziel, dass letztlich alle mit allen solidarisch sein müssen. In der angestrebten globalen «klassenlosen Gesellschaft» leben idealerweise schliesslich alle freiwillig nach den Zielen des Kommunismus. In einer Zwischenphase erfolgt dies jedoch nur aufgrund von Zwang und einer entsprechenden Erziehung. Und mit der Überwindung dieser Zwischenphase hat es bisher in der Geschichte einfach noch nirgends so richtig geklappt, nicht einmal in Ansätzen.

Zwang und Überwachung

Im Gegenteil: Es braucht im real existierenden Sozialismus immer mehr statt immer weniger Zwang und Überwachung – und immer mehr Kompromisse und Korruption. Der angeblich funktionierende Sozialismus in China basiert auf einem krassen und totalitären Staatskapitalismus.
Allerdings: Eine Menschengruppe, die ausschliesslich aus kurzfristig kalkulierenden Egoisten besteht, ist einer andern Menschengruppe unterlegen, die sich auf eine aus eigenem Antrieb überdurchschnittlich solidarische Avantgarde verlassen kann, die sich um Hilfsbedürftige kümmert und Schwächere nicht im Stich lässt – aus welchen Motiven auch immer.
Auf die Dauer hat eine Gesellschaft, die aus reinen Egoisten besteht, keine Überlebenschancen, aber eine Gesellschaft, die den Altruismus erzwingt, zerstört die diesbezüglich entscheidende intrinsische Motivation. Dies führt zu einer subtilen Gratwanderung zwischen einer Kultur freiwilliger Zuwendung (bei der es immer auch Verweigerer gibt) und der Zerstörung vorhandener Hilfsbereitschaft durch politischen Zwang.

Lernprozess und Fortschritt

Hilfe ist zur Überbrückung von Notsituationen unverzichtbar, als Dauerzustand nicht erwünscht, weil sie Abhängigkeiten schafft und verewigt. Das «Leben auf Kosten anderer» sollte als etwas die Mitmenschen grundsätzlich Belastendes nur in Ausnahmefällen und nur zeitlich limitiert akzeptiert werden.
Eine Normalverteilung nach dem Muster der Gauss’schen Glockenkurve ist auch in Bezug auf soziales Verhalten in jeder Bevölkerung zu beobachten. Die grosse Mehrheit ist weder besonders sozial noch besonders asozial. Extremverhalten in positiver und in negativer Hinsicht ist relativ selten. Das heisst nicht, dass die Gesamtheit an sozialer Hilfsbereitschaft weltweit überall konstant und unabänderbar wäre. Es gibt diesbezüglich Lernprozesse und – vielleicht – sogar so etwas wie einen Fortschritt, wenn die Gesellschaftsordnung auf eine Mehrung und nicht auf eine Minderung solcher Kompetenzen angelegt ist.
Zwang hat, was das soziale Verhalten betrifft, etwas Destruktives und ist nur in äusserst mässigen Dosierungen sozialverträglich. Anreize sind erwiesenermassen erfolgreicher als Abreize. Wer sich als Mitmensch vorbildlich verhalten will, sollte sich davor hüten, sein Verhalten zur Rechtspflicht für alle zu machen. Er sollte sich auch stets bewusst bleiben, dass es nicht so eindeutig ist, welches «vorbildliche Verhalten» einer Gemeinschaft tatsächlich und nachhaltig nützt. «Gut gemeint» ist sehr oft das Gegenteil von «gut».
Wer seine Freiheit als Bürger und Konsument nutzen will, indem er als Individuum oder als autonome Gruppe «Sozialismus pur» lebt, beeinträchtigt keinerlei Freiheitsrechte und wird auf seine Weise sogar zum Vorbild für ein durchaus anspruchsvolles und sozialverträgliches Lebensmodell. Es ist heute, im Zeitalter der überregulierten sozialdemokratisch induzierten polit-ökonomisch-sozialen Vernetzung allerdings ausserordentlich schwierig, entsprechende Nischen ausfindig zu machen, in denen eine solche Lebensweise ohne schädliches Trittbrettfahren frei praktiziert werden kann.

Händler und Brüder

Ein altruistischer und freiwillig solidarischer Lebensstil darf weder allen noch einer Mehrheit auf die Dauer zwangsweise zugemutet werden. Wenn «Händler» gezwungen werden, sich als «Brüder» zu verhalten und umgekehrt, ist dies für alle Beteiligten und Betroffenen kontraproduktiv. Solidarität lässt sich am besten in kleinen Gruppen, Kleinbetrieben oder auch innerfamiliär verwirklichen. Sie muss sich stets dem friedlichen offenen Wettbewerb mit andern autonom gewählten Lebensmustern stellen.
Wer seine sozialistische Doktrin via Demokratie politisch im grossen Stil erzwingen will, ist ein Feind der Freiheit, selbst wenn er die Schranken der Demokratie im Sinn des Mehrheitsprinzips anerkennt und als Sozialdemokrat seine Auffassung vom «richtigen Leben» und von «sozialer Gerechtigkeit» nur einer Minderheit aufzwingt.
«Sozial sein» heisst in erster Linie einmal – und für alle –, «niemandem zur Last fallen». In zweiter Linie, für jene, die dazu in der Lage sind, «helfen, wo man es für notwendig hält», aber mit Augenmass, längerfristig ausgerichtetem Verantwortungsbewusstsein und – vor allem – auf eigene Rechnung. Darum ist «soziales Unternehmertum» immer bis zu einem gewissen Grad auf eine wirtschaftliche Basis angewiesen. Man kann nur vom Eigenen geben, und das Haben ist eine Voraussetzung des Gebens.

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