Somms Memo: Zürich: neuer Bevölkerungsrekord. Kommt das gut?

image 31. Mai 2022, 10:00
Zürich, bevölkerungsreichste Stadt der Schweiz.
Zürich, bevölkerungsreichste Stadt der Schweiz.
Die Fakten: Die Stadt Zürich erreicht einen neuen Rekord: 440 181 Menschen leben nun in der Stadt. So viel wie noch nie.

Warum das wichtig ist: Zürich wächst und wächst. Kommt das gut?


1962 war das letzte Jahr, da Zürich etwa so viele Einwohner aufwies wie heute, genau: 440 180. Da diese Zahl aber Ende Dezember 1962 gemessen wurde, und die Stadt bis im Sommer 1963 noch einmal zulegte, bevor sie von neuem Einwohner verlor, ist der Vergleich nicht ganz korrekt.
Wie dem auch sei: Es ist ein Rekord – und es ist ein erstaunlicher.
Denn seit 1963 war die Stadt Zürich fast jedes Jahr geschrumpft, bis die Bevölkerungszahl in den 1990er Jahren bei rund 360 000 stagnierte. Erst nach 2001 stieg sie wieder an:
  • Zuerst zaghaft, dann seit 2007 immer stürmischer. Das Jahr ist kein Zufall
  • 2007 war die vollständige Personenfreizügigkeit mit den 15 alten EU-Mitgliedstaaten eingeführt worden. Nichts dürfte das Wachstum mehr angetrieben haben

440 181. Dass die Stadt ihren alten «Rekord» aus dem Jahr 1962 bald brechen würde, war erwartet worden, doch es hat länger gedauert als vorgesehen:
  • Das lag an Corona
  • In den vergangenen zwei Jahren nahm die Stadt viel zögerlicher zu

Damit stand Zürich nicht allein. Im Gegenteil, so gut wie alle westlichen Städte nahmen während der Pandemie kaum mehr zu.
Lockdown, Home-Office, Landflucht: Mehr Einwohner zogen weg, und neue mieden die Stadt wie ein Seuchengebiet. Man entdeckte das anscheinend sorglosere Landleben. Menschen verbunkerten sich in ihren Ferienwohnungen. Arbeitnehmer meldeten sich für immer ins Home-Office ab.
Manche Metropolen verloren sogar Einwohner. Vielleicht am krassesten zeigte sich das in Amerika, so etwa in
  • New York oder in Los Angeles
  • Corona hat den Exodus weiter vorangetrieben
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In Amerika ist man besorgt. Was, wenn das nur der Anfang war? Edward Glaeser von der Harvard University, einer der führenden Ökonomen, die sich mit Städten befassen, stellte unlängst im Wall Street Journal fest:
«Städte zählen zu den grandiosesten Erfindungen der Menschheit – sie sind Motoren für Unternehmertum, für Innovationen und für Wirtschaftswachstum
Sollte sich diese Entwicklung fortsetzen, sollte Corona die Menschen auf längere Sicht aus den Städten vertrieben haben, dann sieht er das mit «gemischten Gefühlen»:
  • Als Ökonom sei er natürlich dafür, dass die Menschen eine Wahl haben. Wenn sie lieber im Home-Office auf dem Land arbeiten, dann sei dies Ausdruck davon
  • Gleichzeitig warnt er: «Die jungen Leute, die jetzt nicht mehr ins Büro zurückkehren wollen, sind sich nicht bewusst, was sie verpassen. Sie meinen, dass die Erfahrung, von einem Starbucks aus zu arbeiten, alles ist, was es gibt, und dass sie damit genauso viel für ihre Karriere tun, wie wenn sie im Büro von Mentoren umgeben wären»
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New York, Central Park.
Es ist diese einzigartige Dichte von Menschen, Ideen und Geld, die schon immer dafür gesorgt hat, dass alle grossen Zivilisationen in den Städten entstanden sind.
Wer im Home-Office sitzt, er mag sich noch so produktiv fühlen, spürt davon nichts mehr. Er lernt niemanden kennen, er lernt nicht von den Besten, er trifft niemanden, der ihn überrascht oder herausfordert.
  • Im Home-Office triumphiert die Routine
  • im Home-Office gehen die wilden Gedanken ein wie vergessene Kakteen

Edward Glaeser sagt:
«Wenn man sich überlegt, was den Inbegriff von Urbanismus darstellt, dann ist es doch dies: Die Abwesenheit von physischem Raum zwischen Menschen. Eine Stadt ist Dichte, Nähe, und noch einmal Nähe.»
So gesehen kam die Pandemiepolitik einem Angriff auf die Städte gleich:
«Soziale Distanzierung führte zur rapiden Enturbanisierung der Welt».
Es ist vielleicht ironisch. Politisch betrachtet, stiessen die rigiden Corona-Massnahmen der Behörden nirgendwo auf mehr Zustimmung als in den Städten. Nun leiden die Städte am meisten unter den unbeabsichtigten Folgen dieser Politik.
Denn die Teppichetagen in den Hochhäusern haben sich geleert. In den USA sind die Büros um 19 Prozent weniger belegt – im Schnitt. Das zeigen Auswertungen durch Google Maps, wo man die Handys der Mitarbeiter ortete. Von Stadt zu Stadt offenbaren sich allerdings Nuancen
  • Houston: - 19 Prozent
  • New York: - 32 Prozent
  • San Francisco: - 52 Prozent (!)

In der Schweiz liegen keine genauen Zahlen vor. Die meisten Firmen, die man anfragt, weichen aus; niemand redet gerne darüber, dass es ihm schwerfällt, seine hochbezahlten Angestellten aus dem Home-Office ins ebenso teuer bezahlte Büro an der Bahnhofstrasse in Zürich oder auf den Novartis-Campus in Basel zurück zu locken.
Umfragen legen aber nahe, dass auch in der Schweiz aus der Pandemie eine Home-Office-Epidemie geworden ist
  • Niemand will zurück ins Büro
  • Alle fühlen sich so pudelwohl
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Und wenn die Büros verwaisen, weil die Leute auf dem Land arbeiten, dürfte auch die Stadt sich irgendwann wieder ausdünnen.
440 181. Vielleicht erlebt Zürich von neuem, was der Stadt schon 1962 widerfuhr:
  • Auf den Rekord der Bevölkerungsentwicklung folgt der Absturz

Ob das so schlimm wäre? Zürich, so meine Erfahrung aus der Studentenzeit, war auch lebenswert und interessant, als es 80 000 Einwohner weniger hatte.
Oder wie schon Aristoteles, der griechische Philosoph, feststellte:
«Eine grosse Stadt ist nicht zu verwechseln mit einer bevölkerungsreichen Stadt

Ich wünsche Ihnen einen wundervollen Tag Markus Somm

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