Somms Memo: Ohne Amerika hätte die Sowjetunion nie überlebt. Weiss das Putin?

image 9. Mai 2022, 10:10
An der Militärparade in Moskau. Präsident Putin. Bild: Keystone
An der Militärparade in Moskau. Präsident Putin. Bild: Keystone
Die Fakten: Die Russen feiern heute den Sieg über die Nazis im Zweiten Weltkrieg mit einer Militärparade in Moskau. In der Ukraine, sagt Wladimir Putin in seiner Rede, kämpfe man erneut gegen die Nazis.
Warum das wichtig ist: Wer gegen die Nazis Krieg führt, kann diesen Krieg nicht beenden, ohne die Nazis für immer zu besiegen. Putin kann nicht mehr zurück.
Es ist allgemein erwartet worden, dass der russische Präsident Wladimir Putin heute der Ukraine offiziell den Krieg erklärt, um so mehr Truppen ausheben zu können; bis Redaktionsschluss dieses Memos ist das allerdings nicht geschehen.
  • Entweder haben sich die westlichen Geheimdienste getäuscht
  • Oder sie wurden Opfer der eigenen Propaganda. Oft ist man sich nicht so sicher, was deren Erkenntnisse mehr prägt: Realismus oder Wunschdenken

Jedenfalls wirkt Putin nicht wie einer, der sich in der Defensive fühlt. Wer Putin an diesem Montagmorgen beobachtet hat, wie er entspannt, ja zufrieden inmitten seiner vielen, bunt dekorierten Generäle sass, um die Hunderten von Soldaten zu inspizieren, die sehr zackig an ihm vorbeimarschierten, erhielt den Eindruck, dass mit diesem Mann noch lange zu rechnen ist.
In seiner Rede sprach er
  • von den alten, den deutschen Nazis, über die die Sowjetunion am 8. Mai 1945 endgültig triumphiert hatte – nach vier Jahren des brutalsten Verteidigungskampfes, dem «Grossen Vaterländischen Krieg»
  • und er sprach von den «neuen Nazis» in der Ukraine, die das Land angeblich im Griff hielten, – was eine «Spezialoperation» geradezu erzwungen hatte. Von einer «Spezialoperation» sprechen die Russen, wenn sie ihren Krieg gegen die Ukraine meinen

Und Putin warf den USA vor, den «Nazis» in der Ukraine zu helfen, was eine aussergewöhnliche rhetorische Eskalation darstellte. Wenn man die Amerikaner maximal beleidigen will, dann gibt es kaum ein besseres Mittel, als sie der Kollaboration mit Nazis zu bezichtigen.
So weit wären die Russen nicht einmal während des Kalten Krieges gegangen – zumal so gut wie alle Russen wussten, warum sie den «Grossen Vaterländischen Krieg» für sich entschieden hatten
Ohne die Hilfe des Westens wäre die Sowjetunion wohl untergegangen.
  • Am 22. Juni 1941 überfiel Adolf Hitler die Sowjetunion
  • 3,8 Millionen deutsche (sowie rumänische und finnische) Soldaten griffen an
  • Sie verfügten über rund 4000 Panzer, 5000 Kampfflieger, über 20 000 Geschütze

Zwar stellten sich ihnen 3 Millionen sowjetische Soldaten entgegen, sie besassen 11 000 Panzer und 9000 Flugzeuge.
  • Doch die Russen waren chancenlos. Allein in dieser Anfangsphase verloren sie fast 5 Millionen Soldaten
  • Anfang Dezember 1941 standen die Deutschen vor Moskau und Leningrad. Sie waren mehr als tausend Kilometer tief ins sowjetische Gebiet eingedrungen. Ein Sieg schien bloss eine Frage von Tagen. Josef Stalin, der sowjetische Diktator, liess sein Büro packen

Im Dezember 1941 wendete sich das Blatt. Es gelang den Russen mit einer spektakulären Gegenoffensive, die Deutschen anzuhalten.
Ohne den Westen wäre sie dazu allerdings nie in der Lage gewesen. Logistisch nicht, rüstungsmässig nicht, strategisch nicht
  • Die USA und Grossbritannien schickten Waffen, Panzer, Flugzeuge, Geschütze, so viel sie konnten. Churchill, der britische Premier, lieferte sogar Waffen, die die britische Armee dringend selber benötigte
  • Dabei nahmen die westlichen Alliierten hohe eigene Verluste in Kauf, da die Deutschen die Schiffskonvois nach Russland systematisch versenkten

Als die Deutschen im Dezember 1941 auf immer hartnäckigere Gegenwehr stiessen, stellten sie verwundert fest, dass die Russen neuerdings in britischen Panzern sassen und mit amerikanischen Flugzeugen attackierten.
In den kommenden vier Jahren diente der Westen der Sowjetunion als Arsenal. Es war unerschöpflich. Die Russen erhielten vom Westen jede Art von Rüstungsgütern, Munition, Bomben und Granaten. Damit nicht genug. Der Westen
  • versorgte das erdöl- und kohlereiche Land zudem mit Treibstoffen, Gummi, Stahl und Kohle
  • man lieferte Getreide, Fleisch, Kleider, Zigaretten, Schuhe, Mützen, etc., kurz, alles, was man sich vorstellen kann


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Der «Grosse Vaterländische Krieg», als was ihn Stalins Propaganda bezeichnen sollte, gehört zu den grossen Mythen der russischen Geschichte. Es gibt wohl kein Ereignis, für das die Russen mehr Stolz empfinden.
Zu Recht. Kein Land hat unter den Nazis mehr gelitten, kein Land hat mehr Opfer gebracht, um Hitler, das Monster, das uns alle bedrohte, niederzuringen:
  • man geht von 20 Millionen Kriegstoten aus
  • Das Land war nachher wirtschaftlich ruiniert
Die Amerikaner liessen sich übrigens für ihre umfangreichen, kriegsentscheidenden Lieferungen nie bezahlen. Sie lieferten alles so gut wie umsonst, während sie den Briten stets eine Rechnung stellten.
Wer Kommunist war, wurde von den Kapitalisten in Amerika besser behandelt als die übrigen Kapitalisten. «Uncle Joe», wie man Stalin, einen Massenmörder, in Washington allzu gemütlich nannte, machte ein glänzendes Geschäft. Zum Dank liess er schon während des Krieges das amerikanische Atombombenprojekt ausspionieren.

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Franklin D. Roosevelt, Präsident der Vereinigten Staaten 1933 bis 1945, scherzt mit Josef Stalin, Diktator der Sowjetunion. Er nannte ihn «Uncle Joe».


Ist es nicht ironisch? Ohne Amerika, die Zitadelle des Kapitalismus, hätte die Sowjetunion, das kommunistische Projekt, das den Kapitalismus abschaffen wollte, nie überlebt.
Natürlich sprach Stalin nach dem Krieg nicht so gern darüber. Wenn es aber einer wusste, dann er.
Ob es Putin weiss, ist offen. Sicher weiss er, was Winston Churchill einmal über die Amerikaner gesagt hat:
«Die Amerikaner werden immer das Richtige tun – nachdem sie alle Alternativen ausgeschöpft haben.»
Ich wünsche Ihnen einen guten Wochenbeginn
Markus Somm

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