Somms Memo #61 - Wie Stalin Millionen von Ukrainern tötete.

Die Fakten: Putin besteht darauf, die Ukraine gehöre aus historischen Gründen zu Russland. Doch die russische Herrschaft bedeutete für die Ukrainer meistens Tod und Verderben. In den 1930er Jahren liess Stalin fünf Millionen Ukrainer vorsätzlich verhungern.

image 14. März 2022, 11:12
Stark unterernährte Kinder in der Ukraine Anfang der 1930er Jahre.
Stark unterernährte Kinder in der Ukraine Anfang der 1930er Jahre.
Warum das wichtig ist: Wenn die Ukrainer 1991 sich von Russland gelöst haben, dann mit Grund. Der Konflikt zwischen Ukrainern und Russen ist viel älter – und brutaler, als die Russen das wahrhaben wollen.

Der deutsche Journalist Paul Scheffer war einer der ersten, der über die sich anbahnende Katastrophe in der Ukraine berichtete. 1929 erschien im Berliner Tageblatt, seinerzeit eine der führenden Zeitungen Deutschlands, ein Artikel, wo er die Folgen der sogenannten Zwangskollektivierung in der Sowjetunion beschrieb.
Darunter verstanden die Kommunisten den Versuch, ihre Landwirtschaft produktiver zu machen, indem sie die Bauern enteigneten und zu reinen Angestellten auf riesigen agrarindustriellen Betrieben machten. Diese nannte man Kolchosen, eine Abkürzung des russischen Begriffs für «kollektiver Bauernhof».
  • Was theoretisch gut gemeint war, erwies sich als Schlag ins Wasser: die Getreideproduktion ging dramatisch zurück
  • Bald brachen Hungersnöte aus
  • Am meisten litten die ukrainischen Bauern

Der Absturz in die Katastrophe war nicht unbedingt vorherzusehen.
Noch vor dem Ersten Weltkrieg war das Zarenreich das wichtigste und leistungsfähigste Agrarexportland der Welt gewesen. Bis zu einem Drittel des weltweiten Bedarfs an Weizen stammte aus Russland. Dabei spielte die Ukraine eine hervorragende Rolle. Wo immer sich nördlich vom Schwarzen Meer die sogenannten Schwarzerde-Böden ausbreiteten, wuchsen die Dinge, als hätte Gott hier die Welt zum zweiten Mal erschaffen.
  • Die Böden waren so fruchtbar, dass man sie nicht düngen musste
  • Man konnte zwei Mal im Jahr ernten
  • Man baute Weizen, Gerste, Hafer und Roggen an
  • Gegen die Hälfte des Weizens wurde exportiert, was rund 14 Prozent des gesamten Exportertrages des Zarenreiches ausmachte

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Josef Stalin, Generalsekretär des ZK der KPdSU, kurz, der Diktator der Sowjetunion. 
Die Kommunisten verstanden nichts von Landwirtschaft. Die führenden Leute waren Intellektuelle, die das Land nur von den Gedichten kannten, die sie im Gymnasium auswendig gelernt hatten.
Hinzu kam:
  • Die Kommunisten hassten die Bauern
  • denn anders als die Arbeiter entsprachen sie nicht ganz der marxistischen Theorie: Sie waren arm, aber hingen trotzdem an ihrem Eigentum – ihr Land oder ihre Hütte mochten noch so klein sein
  • Besonders Stalin erwartete alles Schlimme von ihnen: Nationalismus, die Konterrevolution

Ende der 1920er Jahren sollte dieser reaktionäre Ungeist ausgetrieben werden. Stalin schickte junge Pioniere aus der Stadt in die ländlichen Gebiete. Ihr Auftrag bestand darin, die Bauern zu überreden, sich einer Kolchose anzuschliessen.
Hinter deren Rücken machten sich die Bauern über die jungen Kommunisten lustig. Sie hatten keine Ahnung. Ein Zeitzeuge erinnerte sich:
«Schon ihr Aussehen amüsierte uns. Ihre bleichen Gesichter und die Art und Weise, wie sie gekleidet waren, passten überhaupt nicht in unser Dorf. Um ihre auf Glanz polierten Schuhe nicht mit Schnee zu beschmutzen, bewegten sie sich ganz vorsichtig».
  • Sie wussten nicht, welches Saatgut wann eingesetzt werden sollte
  • Trotzdem belehrten sie die Bauern, wie sie es jetzt richtig, nämlich klassenbewusst ihr Feld bestellen sollten
  • Selbst waren sie unbelehrbar

Als einer der Pioniere ein Fohlen für ein Kalb hielt und man ihn darauf aufmerksam machte, sagte er:
«Kalb oder Fohlen, ganz egal. Die proletarische Weltrevolution wird daran nicht scheitern.»
Die meisten Bauern widersetzten sich. Von den Überredungskünsten der jungen Städter liessen sie sich nicht beeindrucken, zumal die meisten russisch sprachen. In der Ukraine sprach man auf dem Land ukrainisch.
Also setzten die Kommunisten auf Gewalt. Stalin, dem Diktator, war jedes Mittel recht:
  • Wer sein Land nicht aufgeben wollte, wurde als «reicher Bauer», als Kulak, denunziert und damit zum Klassenfeind erklärt
  • Bescheidene Bauern mit einer Ziege und ein paar Quadratmetern Land galten plötzlich als Ausbeuter – und wurden entsprechend verfolgt
  • Wer nicht spurte, wurde auf der Stelle erschossen, wenn er Glück hatte, verschwand er im Gulag, den sowjetischen Konzentrationslagern irgendwo am Polarkreis, wo er Jahre später erschossen wurde

Natürlich funktionierte die kollektivierte Landwirtschaft nie. Jedes Jahr gingen die Erträge zurück.
Anstelle des Arbeiter-und-Bauernparadieses war die Hölle auf Erden eingerichtet worden.
Manch ein Bauer brachte sich und seine Familie lieber selbst um, als sich von seinem Hof zu trennen.
Statt seinen Ansatz zu überdenken, gab Stalin allen anderen die Schuld: verräterischen Funktionären, unfähigen Pionieren, den Trotzkisten, den Polen, immer den Kulaken, aber vor allem den Ukrainern, die er besonders auf dem Zahn hatte:
  • jede ukrainische Nationalbewegung hielt er für reaktionär
  • Stalin bestritt, dass es so etwas wie eine ukrainische Nation gab – wie heute Putin

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Deshalb war keine Region mehr vom Hunger betroffen als ausgerechnet die alte Kornkammer des Zarenreiches, die Ukraine. Millionen verhungerten. Die genauen Zahlen sind unbekannt, weil die sowjetischen Behörden jener Epoche alle Todesregister und Statistiken gefälscht haben.
  • Die Schätzungen reichen von 1 Million bis 10 Millionen
  • 81 Prozent der Opfer waren Ukrainer, weshalb manche Forscher von einem Genozid sprechen, angeordnet von Stalin, einem der grossen Verbrecher der Weltgeschichte
  • «Holodomor» nennen die Ukrainer diese nationale Katastrophe seither, was auf ukrainisch «Tötung durch Hunger» heisst

Damit die Ukrainer, die sich auf die Suche nach Nahrung machten, nicht in andere Regionen auswichen, sperrte Stalin die Grenze. Kein Ukrainer konnte in die restliche Sowjetunion fliehen.
Es fiel den Menschen schwer, in Worte zu fassen, was sie erlebten, wie Anne Applebaum feststellt. Die amerikanische Historikerin hat wohl das beste Buch über den Holodomor geschrieben:
  • Eine Überlebende erinnerte sich daran, dass ihre Schwester «einen grossen, geschwollenen Bauch hatte und ihr Hals lang und dünn war wie ein Vogelhals. Die Menschen sahen nicht aus wie Menschen – sie waren eher wie hungernde Geister»
  • Ein anderer Zeitzeuge schrieb über die eigene Mutter, dass sie «wie ein Glas aussah, gefüllt mit klarem Quellwasser. Ihr ganzer Körper erschien durchsichtig und mit Wasser gefüllt – wie eine Plastiktüte»

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Verhungernde Menschen auf einer Strasse in Charkiw 1933.
Am schlimmsten wütete die Hungersnot in den Jahren 1932 und 1933 – ohne dass das Ausland allzu viel davon erfahren hätte. Die sowjetische Zensur war streng, und manch ein westlicher Journalist hegte Sympathien mit den Kommunisten, weswegen er verschwieg, was jeder, der in der Ukraine unterwegs war, kaum übersehen konnte:
  • tote Menschen lagen auf den Strassen, während andere ihres Weges gingen oder über sie stolperten
  • Aus Verzweiflung assen die Menschen Hunde, Katzen, Rinde und Dreck, am Ende auch Menschen

Die Behörden sahen sich zu einer Präventionskampagne gezwungen. Sie hängten überall Plakate auf:
«Es ist ein barbarischer Akt seine eigenen Kinder zu essen»
Rund 2500 Leute wurden wegen Kannibalismus verurteilt.
Ich wünsche Ihnen einen nachdenklichen Wochenanfang Markus Somm
Buchhinweis: Anne Applebaum, Red Famine. Stalin’s War on Ukraine, New York 2017.

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